Der Mann, den Frankreich gehen liess

Er ist Bürger der Elfenbeinküste und von Frankreich und ein brillanter Kopf. Auf dem Weg in die Chefetagen stiess Tidjane Thiam immer wieder an eine gläserne Decke. Nicht aufgeben, lautete seine Devise.

Tidjane Thiam posiert nach seiner Vorstellung als neuer CEO der Credit Suisse in Zürich einem Fotografen. Foto: Arnd Wiegmann (Reuters)

Tidjane Thiam posiert nach seiner Vorstellung als neuer CEO der Credit Suisse in Zürich einem Fotografen. Foto: Arnd Wiegmann (Reuters)

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*Dieser Text wurde bereits im März erstmals publiziert.

Zu seiner Hautfarbe fallen Tidjane Thiam einige Geschichten ein. Zum Beispiel diese: Betrat er früher ein Restaurant, wies man ihm gern einen Tisch zwischen Küche und Toilette zu – auch wenn das Lokal leer war. Oder diese: Ein französischer Headhunter gestand ihm, dass er ihn aus seiner Kartei gestrichen habe, weil seine Kunden stets das Gleiche geantwortet haben: «Ein inter­essantes und beeindruckendes Profil, aber verstehen Sie, ein Schwarzer an der Spitze unseres Unternehmens?»

Wie geht man damit um?

Mit Humor. Er habe im Restaurant ­jeweils höflich lächelnd gefragt, ob sie nicht vielleicht noch einen schlechteren Tisch anzubieten hätten.

Mit leiser Bitterkeit. Der gläsernen Decke, wie Thiam die berufliche Sackgasse umschreibt, entging er, indem er «mit einer gewissen Frustration» nach London zog. Wo ihn der Präsident einer grossen britischen Firma auf ein weiteres Handikap aufmerksam machte. Das Problem sei nicht seine Hautfarbe, sondern, dass er Franzose sei. «Das war für mich allerdings eine gute Neuigkeit, es ging nicht um Hautfarbe und Rasse, sondern um den kulturellen Hintergrund», erklärte Thiam in einem Interview.

Mit Hintersinn. Auch Auszeichnungen können ihn irritieren. Das war der Fall, als ihn die britische Presse 2009 als «ersten Schwarzen an der Spitze eines Top-100-Börsenunternehmens» feierte. «Ich liebe das nicht und frage mich, ­weshalb erwähnen sie nicht, dass ich Rechtshänder bin.» Er sei weder für das eine noch das andere verantwortlich.

Entschuldigung aus Paris

2009 schrieb Thiam für das in Frankreich hoch angesehene Institut Montaigne einen Beitrag zum Thema: «Was es bedeutet, Franzose zu sein.» Darin kommt die tiefe Dankbarkeit des in der Elfenbeinküste geborenen Doppel­bürgers für Frankreich zum Vorschein, das ihm eine exzellente Ausbildung an den besten Schulen des Landes ermöglicht hatte. Und das ihn dennoch gezwungen hatte, nach Grossbritannien auszuwandern. «Ich war es leid, sehen zu müssen, wie weniger begabte Kollegen Karriere machten, während meine stagnierte. Und es frustriert mich, dass mir England das gab, wozu Frankreich nicht in der Lage war: Entfaltungsmöglichkeiten, Respekt und das Wertvollste von allem, die Indifferenz meiner Hautfarbe gegenüber.» Er werde jedoch die Hoffnung nie aufgeben, dass das Land, in dem seit der Revolution nicht mehr die Geburt, sondern Verdienst, Begabung und Fleiss den Erfolg bestimmen, seine Engstirnigkeit abstreifen werde. Der Beitrag gab sehr zu reden.

2012 folgte eine Art später Entschuldigung aus Paris. Frankreich verlieh ihm die «Ehrenlegion», die ranghöchste Auszeichnung für militärische und zivile Verdienste. Der frühere Chef der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude ­Trichet, der den Orden überreichte, nannte Thiam den Mann, «den Frankreich bedauerlicher­weise gehen liess.»

Meritokratie, also das Prinzip, dass Leistung belohnt werden muss, taucht immer wieder in Interviews mit Thiam auf. Das hat viel mit seiner Familien­geschichte zu tun. Sein Vater, ein senegalesischer Journalist, arbeitete sich aus einfachen Verhältnissen hoch bis zum Informationsminister in der Elfenbeinküste. Seine Mutter war die Nichte von Félix Houphouët-Boigny, dem ersten Präsidenten der Elfenbeinküste nach der Unabhängigkeit von Frankreich. Weil ihre Familie nicht wollte, dass sie an ­einer der verhassten französischen Schulen ausgebildet werde, konnte sie weder schreiben noch lesen. «Dabei war sie einer der intelligentesten Menschen, die ich je erlebt habe», beschrieb Thiam seine Mutter. Lesen und Schreiben brachte sie sich Jahre später selber bei.

Tidjane, das jüngste von sieben Kindern, kam 1962 zur Welt. Kurze Zeit später wanderte der Vater ins Gefängnis. Drei Jahre später kam er wieder frei und wurde als Botschafter nach Marokko abgeschoben. Bis zu seinem sechzehnten Lebensjahr lebte Tidjane Thiam in Rabat. «Ich lernte hier, was es bedeutet, einer Minderheit anzugehören. Wir waren eine der ersten schwarzen Familien in Marokko», beschrieb er in einem Interview mit BBC.

Der Vater trichterte seinen Kindern ein, stets die besten zu sein. Sein Bildungsideal kreiste um die französischen Eliteschulen in Paris. Weil keines der ­älteren Geschwister es bis dorthin schaffte, obwohl alle einen Universitätsabschluss hatten, kreisten die väter­lichen Erwartungen um den Jüngsten. «Die letzte Hoffnung» wurde zu Tidjanes Übername. Der Wunsch des Vaters ging in Erfüllung: Als erster Student aus der Elfenbeinküste holt er sich das Diplom an der Ecole polytechnique. Wegen seiner herausragenden Leistungen durfte der mittlerweile 1,93 Meter grosse Mann den Festumzug durch die Champs- Elysées anführen. Einen zweiten Abschluss holt er sich an der Ecole nationale supérieure des Mines de Paris, ­einer Eliteschule für Ingenieure. Er schloss als Jahrgangsbester ab.

Post aus der Elfenbeinküste

Während sich die französischen Firmen um seine Studienkollegen rissen, blieb es bei Thiam auffallend ruhig. Er stiess zum ersten Mal an die gläserne Decke. Das fiel auch seinem damaligen Studiendirektor Gilbert Frade auf. Er riet ihm, sich bei angelsächsischen Firmen zu bewerben, etwa bei McKinsey.

Thiam sprach vor und erhielt ein Angebot. Das Beratungsunternehmen bot ihm zudem die Möglichkeit, den MBA der Managerschule Insead zu holen. Auch bei der Weltbank wurde man auf ihn aufmerksam und nahm ihn in ein einjähriges Schulungsprogramm für die weltweit besten Jungtalente auf. Dann interessierte sich die US-Bank Goldman Sachs für den McKinsey-Berater. Thiam schlug aus. Er hatte Post aus der Elfenbeinküste erhalten. Sie sollte seinem Leben eine gänzlich neue Wendung geben.

Staatspräsident Henri Konan Bédié offerierte ihm den Posten eines Ver­antwortlichen für die Entwicklung von Infra­struktur­projekten. Auch sollte er die Korruption bekämpfen. Thiam nahm das Angebot an. «Wenn man als Afri­kaner in einem entwickelten Land lebt, sehe man die Probleme und fühle sich mitverantwortlich», begründete er seinen Schritt.

Im Rückblick nannte Tidjane Thiam die knapp sechs Jahre von 1994 bis 2000 in der Hauptstadt Abidjan, davon zwei als Minister, das «fantastischste Experiment».

«Ich weiss nicht, ob ich in meiner Karriere noch einmal mit einer derart ausserordentlichen Situation konfrontiert sein werde», erklärte er 2012 in der Fachzeitschrift «Risques» des französischen Versicherungsverbandes. Bei seinem Stellenantritt wurde die Währung um 50 Prozent abgewertet, die Inflation betrug 32 Prozent, die Staatskassen waren praktisch leer. Löhne, Preise – alles musste neu verhandelt werden. Und mitten drin der 32-jährige Ex-McKinsey-Berater Thiam. «Es war wie in einem Stück von Dante.» Alte Schulfreunde in Abidjan fürchteten gar um das Leben ­ihres Freundes, als er den Kampf gegen korrupte Politiker aufnahm. Das Experiment gelang, die Wirtschaft des westafrikanischen Landes wuchs kräftig, wie der Internationale Währungsfonds später urteilte. Das WEF nahm Thiam 1998 in den Kreis der «Young Leaders of Tomorrow» auf, im Oktober 1999 ernannte ihn James Wolfensohn, Präsident der Weltbank, zum Berater.

Die Weihnachtstage 1999 verbrachte Thiam in den USA bei der Familie seiner Frau Annette, einer Afroamerikanerin, die einst als Juristin für Vizepräsident Joe Biden gearbeitet hatte. Mitten in der Nacht telefonierte ihm sein Bürochef.Das Militär habe gegen die Regierung ­geputscht. Im Hintergrund hörte Thiam Schüsse. Gegen den Willen seiner Frau reiste er zurück. «Das war ich den ­Leuten schuldig, die für mich arbeiteten.» In Abidjan wurde er unter Haus­arrest gestellt. Der neue Machthaber bot ihm später einen Job in seinem Kabinett an, doch Thiam lehnte ab. Zurück aus Afrika ernannte ihn McKinsey im Mai 2008 zum Partner.

Als ihn ein Headhunter im Auftrag eines britischen Kunden kontaktierte, schärfte er ihm Folgendes ein: «Ich freue mich auf das Gespräch. Aber sagen Sie ihrem Klienten, Sie hätten jemanden gefunden, der schwarz, Afrikaner sowie frankophon und 1,93 Meter gross ist.» Er sei es leid, sich nach jeder Absage wieder neu motivieren zu müssen. Das war nicht nötig. 2002 verliess Thiam Frankreich und zog nach London. Der britische Versicherungskonzern Aviva bot ihm einen Job an.

Daneben fand er Zeit für ganz andere Dinge. 2004 erschien ein Buch über philo­sophische und spirituelle Perspektiven der Arbeit, herausgegeben von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Das Kapitel «Die muslimische Perspektive» stammte von Tidjane Thiam. Dass Religion für ihn Bedeutung hat, zeigt sich auch darin, dass seine Frau und Mutter zweier Söhne sich zum Islam bekehren liess.

Bei Aviva stieg er in kurzer Zeit zum Europachef auf. Bereits munkelte man, dass er der zukünftige CEO sein werde. 2007 platzten die Träume. Ein anderer erklomm die oberste Treppe. Thiam kündigte seinen Job. Aviva-Konkurrent Prudential macht ihn 2008 zum Finanzchef. Kaum an Bord, opponierte Thiam gegen die Auflösung stiller Reserven in Milliardenhöhe. Er konnte den Verwaltungsrat überzeugen, dass die Reserven nötig seien, falls die Märkte aus dem ­Ruder liefen. Vier Monate später kollabierte Lehman Brothers. Ein Jahr später wurde Tidjane Thiam CEO der «Pru», wie der Versicherer in der Londoner City genannt wird.

Er war ganz oben angekommen. Er wollte mehr.

Der angeschlagene US-Versicherungskonzern AIG wollte seine Asien-Tochter AIA verkaufen. Am 26. Februar 2010 legte Thiam, eben erst knapp vier Monate CEO, sekundiert von seinem Bankberater Brady Dougan von der Credit Suisse den AIG-Chefs eine Offerte von 35,5 Milliarden Dollar vor. Es wäre ein Jahrhundertcoup gewesen. Doch der Deal scheiterte am Widerstand der Pru-Aktionäre. Dazu kam, dass sich Thiam mitten im Übernahmekampf für den Verwaltungsrat der französischen Grossbank Société Générale nominieren liess. Was für ihn, der in Frankreichs Wirtschaft nie Fuss fassen durfte, ein grosser Sieg gewesen wäre, war für die Pru-Aktionäre ein weiterer Affront. Als ihn das «Wall Street Journal» im Mai 2010 inter­viewte, schien er noch keine Selbstzweifel zu haben: «Es ist für mich eine grosse Befriedigung, Dinge zu tun, von denen man glaubt, dass sie nicht möglich seien.»

Das AIG-Abenteuer kostete ihn beinahe seinen Job. Dazu kam eine Busse der Finanzaufsichtsbehörde und ein persönlicher Rüffel an die Adresse von Thiam. Der kritisierte Versicherungschef wetzte die Scharte aus, indem er in den letzten vier Jahren exzellente Zahlen vorlegte. Doch das nagende Gefühl, das Geschäft seines Lebens verpasst zu haben, wurde er nicht mehr los. Zumal sich der Marktwert von AIA vervielfacht hatte. Er bedaure, nicht erfolgreich gewesen zu sein, erklärte er noch letzten Sommer.

Nun wird er CEO der Credit Suisse. Der erste Schwarze an der Spitze einer Schweizer Bank.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.03.2015, 23:38 Uhr

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