Der Mann, der die Fäden zog

Rolf Soiron gehörte während der letzten zehn Jahre zu den einflussreichsten Wirtschaftsführern im Land. Er blieb dabei immer diskret und stand selten im Rampenlicht. Jetzt zieht er sich aus einem Amt nach dem anderen zurück.

Er agiert gerne im Hintergrund: Rolf Soiron in seiner Wohnung am Rheinsprung in Basel. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Er agiert gerne im Hintergrund: Rolf Soiron in seiner Wohnung am Rheinsprung in Basel. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Geht alles glatt, ist die Zementfusion von Holcim und Lafarge nächstes Jahr vollzogen. Rolf Soiron, einer der Architekten dieses Anfang Woche bekannt gewordenen Grossprojekts, wird die weitere Entwicklung bald nur aus der Ferne mitverfolgen. In zweieinhalb Wochen leitet er noch die Holcim-Generalversammlung – und scheidet aus dem Verwaltungsrat aus. An seine Stelle als Holcim-Präsident tritt Wolfgang Reitzle.

Letzten Montag hatte Soiron wohl seinen grössten Auftritt überhaupt. Ein ­Medienmarathon. Zuerst in Paris, danach am Flughafen Zürich. Kameras, Scheinwerferlicht. Dass er sich damit vor seinem Rücktritt noch ein Denkmal setzen wollte, bestreitet er. Das ist typisch Soiron. Diskret, lieber im Hintergrund, aber viele Fäden in der Hand. Eine unheimliche Machtfülle. Es gab kaum eine andere Führungspersönlichkeit in den letzten zehn Jahren mit mehr Einfluss in der Schweizer Wirtschaft. Auch wenn er mal zu einem Paukenschlag ansetzte – die Aufmerksamkeit hielt nur kurz an. «Er ist der bekannte Unbekannte», schildert ein ehemaliger Schweizer Spitzenmanager das Phänomen Soiron.

Der Rücktritt bei Holcim ist eine weitere Etappe auf seinem allmählichen Rückzug. Diesen März gab er bereits das Amt als Stiftungsratspräsident von Avenir Suisse ab. Schweren Herzens, wie er durchblicken lässt. Er will aber noch während drei weiterer Jahre im Stiftungsrat der liberalen Denkfabrik verbleiben. Soiron wird die Verpflichtung des ehemaligen NZZ-Wirtschaftschefs Gerhard Schwarz zugeschrieben, mit dem Avenir Suisse an medialer Präsenz deutlich zulegte.

Nächstes Jahr fällt bei Lonza die Altersguillotine. Mit 70 ist Schluss. Soiron ist Ende Januar 69 geworden. Seit April 2005 ist er bei Lonza Verwaltungsratspräsident. Vor zwei Jahren hat er einen neuen Konzernleiter eingesetzt.

Ebenfalls 2015 läuft seine Amtszeit im Vorstand von Economiesuisse ab. Soiron leitete die Findungskommission, die letztes Jahr Axpo-Chef Heinz Karrer zum neuen Präsidenten erkor. Gegen Ende seiner Karriere wird Soirons Macht so deutlich wie noch nie. Bevor er geht, hinterlässt er überall noch Spuren. Seine Leistung war nicht makellos. Aber er will, dass man ihn in guter Erinnerung behält.

Zweimal Knall auf Fall

Fürsprecher hat Soiron viele. Einer, der mit ihm zusammenarbeitete, beschreibt ihn als einen, der gut zuhören und Harmonie herbeiführen könne. Er sei absolut verlässlich, zurückhaltend, aber trotzdem gewinnend. Und der Mensch stehe bei ihm zuoberst, auch bei schwierigen Entscheiden. Er sei durch und durch Humanist.

Kritiker werfen ihm einen bescheidenen Leistungsausweis bei seinen Ämtern in der Wirtschaft vor. Er sei machtfixiert. «Er wollte immer zeigen, dass er mehr könne, als man ihm zumuten würde», sagt einer. Ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht die Karriere von Rolf Soiron 2005, als er zum Verwaltungspräsidenten von Lonza gewählt wird. Das dritte Präsidialamt bei einem börsenkotierten Unternehmen aus dem Swiss-Market-Index. Holcim, Lonza und Nobel Biocare – alles keine Ruheoasen.

Zuerst kracht es bei Nobel Biocare. Das äussere Zeichen dafür ist die Entlassung der damaligen Chefin Heliane Canepa, die zuvor als Übermanagerin gefeiert und mit diversen Preisen ausgezeichnet wurde. Beim Abgang Canepas 2007 spricht das Unternehmen offiziell von «ordentlicher Nachfolgeregelung». Hinter den Kulissen spielen sich heftige Auseinandersetzungen mit dem Verwaltungsrat ab. Zu viel Expansion, zu wenig Profit. Im Juli 2009 fliegt das Unternehmen aus dem SMI. Dass Soiron selbst das Unternehmen 2010 mitten im Turnaround ohne tragfähige Nachfolge verlässt, wird ihm von Kritikern nach wie vor angekreidet. Der nächste Präsident, Heino von Prondzynski, tritt nach nicht einmal anderthalb Jahren zurück.

Zum grossen Knall bei Lonza kommt es 2012, als Soiron den damaligen Chef Stefan Borgas absägt. Unvergessen bleibt die Begründung von Soiron: Borgas hätte mehr «lifere statt lafere» müssen. Im Juli 2011 fliegt auch Lonza aus dem SMI. Soirons Kritiker finden, er habe wie schon bei Nobel Biocare zu lange gewartet, bis er durchgriff. Borgas und Soiron bildeten während sieben Jahren die Spitze bei Lonza. Drei Jahre liefen die Geschäfte gut. Nach der Absetzung von Borgas übernimmt Soiron kurz selber die Aufgaben des Konzernleiters. Später setzt er mit Richard Ridinger einen neuen Konzernchef ein. Seither hat das Unternehmen wieder Tritt gefasst.

Bei Holcim sitzt Soiron bereits neun Jahre im Verwaltungsrat, bevor er 2003 das Präsidium übernimmt. Er begleitet das Unternehmen auf dem Weg von der engen Anbindung an die Familie Schmidheiny zur Publikumsgesellschaft mit Einheitsaktie. Gegen das ständige Problem der zu tiefen Rentabilität soll jetzt die Fusion mit Lafarge helfen. Ob es gelingen wird? Er sei «unendlich optimistisch», sagte er Anfang Woche.

Seine Ämterkumulation trug ihm immer wieder auch Kritik ein. Economiesuisse-Präsident Heinz Karrer nimmt Soiron heute in Schutz: «Drei Verwaltungsratspräsidien sind eher am oberen Limit. Ich nehme an, er hat deswegen nach einer Übergangszeit eines abgegeben.» Die Übergangszeit dauerte in diesem Fall fünf Jahre. Soirons Weg in die Teppichetage ist zumindest am Anfang ungewöhnlich. Im Zeitraffer: Die Familie stammt aus Belgien, zur Welt kommt er in Frankfurt, wächst in Riehen bei Basel auf. Gymnasium, Geschichtsstudium, Doktorat. Der Historiker beginnt für Sandoz zu arbeiten, zuerst in der Personal-, später in der Finanzabteilung. Sandoz-Konzernchef Marc Moret fördert ihn, schickt ihn die USA für den Schliff zum Manager. Politisch macht er Karriere bei der CVP und sitzt im Basler Grossen Rat.

Ein kurzer Abstecher führt ihn weg von Sandoz zu Protek, eine Orthopädiefirma, die dem Mann seiner Schwippschwägerin gehörte. Nach seiner Rückkehr zu Sandoz steigt er bis zum Leiter der Pharmasparte auf. Daniel Vasella arbeitet unter ihm. Weiter geht es für Soiron bei Sandoz nicht. Nach Reibereien mit Moret muss er gehen, erhält aber sofort einen neuen Job als Geschäftsführer des Zitronensäureherstellers Jungbunzlauer. Er bleibt zehn Jahre. Und knüpft weiter an seinem Beziehungsnetz. Er kommt in Kontakt mit den Gründern der Bank am Bellevue rund um Ernst Müller-Möhl und Martin Bisang. Bis 2005 ist er Präsident des Universitätsrates in Basel.

Im Mark wird Soiron getroffen, als seine Frau 2010 schwer erkrankt und zeitweilig auf der Intensivstation liegt. Sie war ihm immer eine wichtige Stütze. Überhaupt die Familie. Der Samstag sei seinen sechs Enkeln geweiht, heisst es. Bereits 2003 behauptete er, hauptamtlich Grossvater zu sein. Mit all seinen Aufgaben damals war das pure Koketterie. Mittlerweile scheint er diesem Ziel näher zu kommen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.04.2014, 07:16 Uhr

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