Der Oligarch, der keiner sein will

Igor Kolomojski gehört zu den reichsten Ukrainern, gebietet über ein Wirtschaftsimperium, ist seit Frühjahr Gouverneur der Provinz Dnipropetrowsk und bekämpft die russischen Separatisten. Seine Rückzugsbasis ist die Genferseeregion.

«Die ganze Familie hat ihren Lebensmittelpunkt in Genf», sagt Igor Kolomojski. Foto: Sébastien Agnetti (13 Photo)

«Die ganze Familie hat ihren Lebensmittelpunkt in Genf», sagt Igor Kolomojski. Foto: Sébastien Agnetti (13 Photo)

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In Genf führt der milliardenschwere ukrainische Oligarch Igor Kolomojski ein zurückgezogenes Leben. Er schätzt die Ruhe und Sicherheit in der Schweiz noch mehr, seit er im März 2014 das Amt des Gouverneurs der ukrainischen Provinz Dnipropetrowsk angetreten hat und in der Ukrainekrise zu einer wichtigen Figur geworden ist. In einem unscheinbaren Bürohaus an der Rue de la Rôtissierie in der Genfer Innenstadt empfängt Kolomojski zu einem Interview. Die Räumlichkeiten gehören der Firma Cad Cool. Das Unternehmen bietet gemäss seiner Website seit 2001 vermögenden Kunden Dienstleistungen im Bereich Health and Beauty an, organisiert Limousinen, Segelschiffe und Privatflugzeuge. Im Handelsregisterauszug erscheint der Name seiner Schwester.

Am Tag des Interviews geben sich ein Kamerateam des Westschweizer Fernsehens und der «Tages-Anzeiger» die Klinke in die Hand. Igor Kolomojski lässt sich in Kommunikationsfragen neuerdings von Ex-Botschafter Thomas Borer beraten. Dieser war zuvor für den russischen Oligarchen Viktor Vekselberg tätig. Ein möglicher Grund für die mediale Offensive: Ende Jahr wird das Steuerdossier von Kolomojski routinemässig überprüft. Er wird in Genf pauschalbesteuert.

Das Gespräch muss auf Anweisung von Kolomojski auf Russisch geführt werden. Für die Russisch sprechende Redaktionskollegin ist das eine Herausforderung: Der 51-Jährige ist bei seinen Antworten kaum zu bremsen. Nach zehn Minuten will er das Interview abrechen, weil er glaubt, wir würden seine Ausführungen nicht richtig verstehen. Er überlegt es sich dann trotzdem anders.

Weitverzweigtes Imperium

Das Vermögen des 51-Jährigen wird je nach Quelle auf 3 bis 6,5 Milliarden Dollar geschätzt, was ihm Platz zwei oder drei in der Rangliste der ukrainischen Oligarchen sichert. Ihm gehört die Privat Bank, die grösste Bank der Ukraine. Über seine Privat Group kontrolliert er ein weitverzeigtes Geschäftsimperium im Erdgas-, Erdöl- und Chemiesektor, in der Stahl- und Metallindustrie sowie im Airlinesbusiness. 2008 kauft er sich in die TV-Gruppe Studio 1+1 ein, einen der grössten Fernsehsender der Ukraine.

Ein Oligarch also, wie er im Buch steht? Falsch. «Zum heutigen Zeitpunkt ist die Oligarchie in der Ukraine zu Ende», erklärt er. Angesichts der ungläubigen Blicke seiner Besucher präzisiert er: «Es gibt nur noch einen Oligarchen, nämlich Rinat Achmetow.» Dieser ist – oder war – der reichste Mann der Ukraine mit einem geschätzten Vermögen von 11,6 Milliarden Dollar. Er stammt aus Donezk, Kolomojskis benachbarter Provinz, und kontrolliert grosse Teile der ostukrainischen Stahl- und Kohleindustrie. Mittlerweile haben prorussischen Separatisten hier das Sagen. Achmetow ist auch in der Schweiz ein Thema: Ende Februar hatte die Staatsanwaltschaft die Büros der DTEK Trading in Genf durchsucht wegen des Verdachts, dass Achmetow dem Sohn des gestürzten früheren Präsidenten Janukowitsch geholfen habe, heimlich Geld aus Staatsfirmen abzuziehen.

Für einen glühenden Verteidiger der Ukraine wie Kolomojski ist Achmetow ein Feind. Er habe unter der früheren Regierung den Energiemarkt monopolisiert. Weil nun keine Kohle mehr aus dem Donbass komme, «hat die Ukraine einen Energieversorgungsengpass».

Die Besucher wollen jedoch lieber wissen, weshalb der Gouverneur einer ukrainischen Provinz seinen Lebensmittelpunkt in Genf hat. Er komme seit 1995 immer wieder in die Rhonestadt, erklärt Kolomojski. 2001 habe er seine Tochter hier zur Schule geschickt. Um auf sie aufzupassen, sei seine jüngere Schwester nach Genf gezogen. Inzwischen lebten seine Eltern, seine Gattin und der Sohn in Genf. Die Tochter habe hier studiert, geheiratet und besitze den Schweizer Pass. «Die ganze Familie hat ihren Lebensmittelpunkt in Genf», sagt Kolomoj­ski. Auch in den letzten Monaten sei er «recht oft» in Genf gewesen, halte hier auch Meetings ab.

Recherchen nach dem Gesprächstermin ergeben, dass aufmerksame Beobachter schon den amtierenden ukrainischen Ministerpräsident Arseni Jazenjuk in Genf gesehen haben wollen.

In Genf gehört Kolomojski ein Appartement am Quai Wilson, eine der teuersten Adressen in der Rhonestadt. Auf der anderen Seeseite, im französischen Ort Anthy-sur-Léman kaufte er im Jahr 2000 laut französischen Medien ein grosses Anwesen mit Swimmingpool und Basketballfeld. Sein Sohn ist Basketballspieler. Das Anwesen wird über eine Pariser Immobilienfirma gehalten

Kolomojski ist auch israelischer Staatsbürger und hatte einige Zeit dort gewohnt. Weil die Ukraine den Status des Doppelbürgers verbietet, nicht jedoch jenen des Dreifachbürgers, habe er sich drei Pässe zugelegt, erklärt er. Er ist auch Zypriot. Die Wahl der Insel im Mittelmeer dürfte kaum ein Zufall sein: Über Zypern wurde nach dem Zerfall der Sowjetunion enorm viel Kapital ins Ausland verschoben, viele Reiche haben deshalb dort ein Standbein errichtet.

Den Gouverneursposten nahm er im März an, «um zu verhindern, dass noch mehr Teile der Ukraine abgespalten werden». Mutmassungen, er versuche damit in erster Linie sein Wirtschaftsimperium zu schützen und sich mit der neuen Regierung in Kiew gut zu stellen, weisst er von sich. Sein Vermögen habe sich nicht vergrössert, seit er den Posten habe. Indem er die Provinz schütze, schütze er die gesamte Ukraine. Wo auch der Grossteil seines Besitzes liege, wie er dann doch anfügt.

Redet er über die Annektierung der Krim durch Russland, fällt immer wieder der Vergleich mit Hitler. «Um Europa zu befreien, war die Vernichtung Hitlers nötig.» Wenn es für die Rückkehr der Krim «einen Zusammenbruch Russlands braucht, wird das geschehen», ist er überzeugt. Er zählt auf die Wirtschaftssanktionen: «Die funktionieren wunderbar, man sollte sie noch verstärken.» Und sollte das doch nicht reichen? «Dann beginnen die Kampfhandlungen.» Am liebsten sähe er es, wenn die Ukraine der Nato beitritt. «Dann werden Nato-Truppen auf der Krim stationiert.»

Er finanziert Freiwilligentrupps

Kolomojski bezeichnete den russischen Präsidenten Putin auch schon als «Schizophrenen», lancierte die Idee eines rund 2600 Kilometer langen elektrischen Zauns an der Grenze zu Russland, setzte Prämien für die Festnahme russischer Kollaborateure und russischer Waffen aus und pumpte zwischen 10 und 20 Millionen Dollar an eigenen Mitteln in den Aufbau von Freiwilligentrupps. Dabei handle es sich nicht um Armeetruppen, wie immer wieder behauptet werde. «Ich habe kein Geld in die Armee gesteckt.» Er habe, zusammen mit anderen Spendern, nur für die Ausrüstung dieser Freiwilligentrupps gezahlt. Wohl als Reaktion darauf wurden auf der besetzten Krim und in Moskau Vermögenswerte von Kolomojski beschlagnahmt.

Lesen Sie am Dienstag, was Igor Kolomojski zur Enteignung von Swissport in der Ukraine sagt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.12.2014, 23:33 Uhr

Pauschalbesteuerung

Dem Gouverneur ist es wohl in Genf

Seinen Lebensmittelpunkt hat Igor Kolomojski längst nicht mehr in der Schweiz. Seit seiner Wahl zum Gouverneur von Dnipropetrowsk von Anfang März 2014 verbringt er mehr und mehr Zeit in der Ukraine. In einem Interview mit dem TA sagte er: «Ich reise derzeit ständig im Dreieck Dnipropetrowsk, Kiew und Genf herum.» In den letzten paar Monaten sei er aber «recht oft» in Genf gewesen, so Kolomojski. Wenn er in der Schweiz auftaucht, steht er unter besonderer Beobachtung. Der TA weiss, dass die Bundespolizei zu klären versuchte, ob Kolomojski ukrainische Streitkräfte von der Schweiz aus finanziert. Auch Geheimdienste dürften ihn beschatten.

In Genf profitiert Kolomojski von einem im April 2010 abgeschlossenen Pauschalsteuervertrag. Dieser läuft Ende 2014 aus. Seine Aufenthaltsbewilligung vom Typ B dürfte zum gleichen Zeitpunkt verwirken. Im Kanton Genf werden üblicherweise beide Dinge über dieselbe Dauer ausgestellt. Weil die Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung die Voraussetzung für die Erneuerung des Pauschalsteuervertrags ist, dürften sich die Behörden zuerst mit der Frage befasst haben, wie viel Zeit der Ukrainer noch in Genf verbringt, um im Anschluss die Steuerfrage zu klären. Damit kann verhindert werden, dass jemand ein fiktives Steuerdomizil aufrechterhält. Das wäre der Idealfall. Niklaus Scherr, Zürcher Gemeinderat (AL) und Koordinator der Initiative zur Abschaffung der Pauschalbesteuerung, aber sagt: «Oft wird nur sehr lasch überprüft, ob der Pauschalbesteuerte auch wirklich im Kanton wohnt respektive seinen Lebensmittelpunkt hier hat. Hauptsache, er zahlt seine Pauschalsteuer.»

Henri Roth, Sprecher der Genfer Steuerverwaltung, wollte sich auf Anfrage des TA nicht zum Fall Kolomojski äussern: «Es gilt das Steuergeheimnis.» Man dürfe aber davon ausgehen, so Roth, dass der Kanton bei jedem Pauschalbesteuerten jährlich überprüfe, ob die vereinbarten Konditionen für die Besteuerung nach dem Lebensaufwand nicht geändert hätten. Die Steuerverwaltung kontrolliert gemäss Roth beispielsweise, ob jemand eine neue Immobilie zugekauft hat und damit sein Lebensaufwand gestiegen ist. Auch der Zivilstand wird bei jeder Überprüfung zum Thema. Die familiären Verhältnisse dürften bei Igor Kolomojskis Aufenthalts- und Steuerstatus entscheidend sein. Kolomojski ist verheiratet und hat zwei Kinder. Die Familie wohnt in Genf. Während Igor Kolomojski kaum über 180 Tage in der Schweiz weilt, wie das für seine Aufenthaltsbewilligung eigentlich verlangt wird, dürfte seine Familie diese Anforderung problemlos erfüllen.

Henri Roth sagt: «Die Anzahl Tage, die ein Pauschalbesteuerter hier ist, ist nicht das einzige entscheidende Element.» Ob seine Kinder hier zur Schule gehen, kann gemäss Roth ebenso wichtig sein – und ist es im Fall Kolomojski wohl auch. Es ist davon auszugehen, dass der Ukrainer und Serge Cornut, Direktor der Genfer Steuerverwaltung, bereits einen neuen, fünf Jahre gültigen Steuervertrag unterzeichnet haben. (phr)

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