Der Ostschweizer Regionalfürst muss unten durch

Lange kannte Edgar Oehlers Karriere nur eine Richtung. Steil nach oben. Chefredaktor, Nationalrat, Grossindustrieller. Dass «seinem» FC St. Gallen jetzt das Aus droht, ist nur die Spitze einer Negativserie.

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Als im Sommer vor zwei Jahren die neugebaute AFG Arena eingeweiht wurde waren die Kommentare überschwänglich. «Zusammen mit dem Einkaufszentrum darunter ist es für die Ostschweizer ein ‹Jahrhundertwerk›. Ein Juwel, auf das alle stolz sind», schrieb der «Blick» damals. Mitten drin trohnte Edgar Oehler in seiner eigenen Loge. Der Unternehmer mit dem Hang zum Showman liess sich eigens ein Lichtanlage einrichten, die sich von Rot auf Grün und Orange umstellen liess. Je nach Qualität der Kickerkunst und dem Spielstand.

Oehler identifiziert sich stark mit seiner Region. «Es geht schlicht um die Ostschweiz und die Frage, ob wir zur sportlichen Provinz werden sollen», liess er sich in einem Interview im Vorfeld der Abstimmung zur Schuldensanierung zitieren. Das war es auch, was ihn zum Millionen-Engagement beim St. Galler Traditionsklub verleitete. Rund eine Million Franken war er mit seiner Arbonia Forster – kurz AFG – bereit, hinzublättern, um damit im Gegenzug die Namensrechte am neuen Fussballstadion zu ergattern. Der älteste Fussballklub der Schweiz – gegründet im Jahr 1879 – spielte fortan nicht mehr im Espenmoos sondern in der AFG Arena.

Im Namen des Sporttempels verewigt

Für den Unternehmer war das eine Art Höhepunkt. Wer sieht schon sein unternehmerisches Vermächtnis in einem Sporttempel verewigt, das jedes zweite Wochenende über 10'000 Zuschauer anzieht? In Deutschland heissen die Fussballstadien von München und Frankfurt Allianz- oder Commerzbank-Arena. Das aber sind nochmals andere Dimensionen, Multi-Milliarden-Konzerne sponsern Riesenstadien.

Im provinziellen St. Gallen aber wechseln die Lichter in Oehlers Loge nun aber definitiv von Orange auf Rot. Der FC St. Gallen sei «praktisch handlungsunfähig», hiess es heute Nachmittag an einer Pressekonferenz. Dies, nachdem das St. Galler Stadtparlament gestern Abend die Beteiligung an einer finanziellen Sanierung abgelehnt hatte.

«Auf die Zähne beissen»

Das muss auch für Oehler ein harter Schlag sein. «Jetzt müssen wir doch alle auf die Zähne beissen, damit der Verein eine gute sportliche Zukunft hat. Ansonsten muss man sich schon fragen, weshalb man sich überhaupt noch für (…) den FC St. Gallen engagieren soll», sagte Oehler noch vor zwei Wochen.

Das nahende Aus für die Espen ist beileibe nicht die erste Niederlage für den Ostschweizer Selfmademan. 2009 begann es in seiner Arbonia Forster Holding zu harzen. Im Zuge des Konjunktureinbruchs schlitterte sein riesiger Gemischtwarenladen in die Krise. 10 Prozent Umsatzeinbruch im letzten Jahr und über 20 Millionen Franken Verlust. Beschert hat Oehler dieses miserable Ergebnis unter anderem ein Zukauf in Grossbritannien.

Entmachtet und ohne Nachfolger

In der Folge entmachteten ihn die Banken. Er wurde vom Mehrheitsaktionär auf nicht einmal mehr 20 Prozent zusammengestutzt. Sein Ostschweizer Imperium – die AFG ist mit 1000 Arbeitsplätzen der grösste Arbeitgeber der Region – begann zu wanken. Zeitweise war die Rede davon, dass es zerschlagen werden sollte. Oehler wehrte sich mit Händen und Füssen: «Ein Verkauf von Einzelteilen kommt nicht in Frage, das ist nicht die Idee des Erfinders. Da würde ich mein ganzes Leben verleugnen und meine ganze Regional- und Wirtschaftspolitik», sagte Oehler.

Und die Krise bei Arbonia Forster scheint noch nicht ganz überstanden. Anfang Oktober hat das Unternehmen den Abbau von 110 Stellen angekündigt. Zudem kommt Oehler bei seiner Nachfolgeregelung nicht voran. Im Juni verliess mit Thomas Reifler der aussichtsreiche Kandidat das Unternehmen.

«Dann degradieren wir uns als Ostschweizer selber»

Die Misere beim FC St. Gallen ist also nur die Spitze einer Negativserie. Dass sich Oehler bei der finanziellen Sanierung des sportlichen Aushängeschilds der Region nochmals extra engagieren wird, scheint eher unwahrscheinlich. Auch wenn das für den Erfolgsverwöhnten richtig bitter ist. «Dann muss die Situation wohl einfach akzeptiert werden. Dann werden wir eben zur Sportprovinz und degradieren uns als Ostschweizer selber.» In seiner Loge in der AFG Arena geht dann selbst den roten Lichtern noch der Strom aus.

Erstellt: 27.10.2010, 16:55 Uhr

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Persönliche Schicksalsschläge

Ende 2008 erkrankte Edgar Oehler an einer schweren Blutvergiftung. Die Ärzte gaben gaben ihm noch 24 Stunden zu leben. Er genas und wurde Anfang 2009 aus dem Spital entlassen. Dann im Frühling 2010 verunglückte seine Familie bei einem Autounfall in Spanien. Eine Tochter wurde mit inneren Blutungen ins künstliche Koma versetzt. Ebenso seine Frau, deren rechter Arm beinahe abgetrennt wurde. Wochenlang waren sie im Spital. Bis heute tragen sie schwer an dem Unfall.

Oehlers Karriere

Im Alter von 28 Jahren wurde Edgar Oehler 1971 als CVP-Politiker in den Nationalrat gewählt. Dies mit der Unterstützung seines politischen Ziehvaters, des früheren CVP-Bundesrats Kurt Furgler. Als Leiter einer Politdelegation handelte er 1990 mit dem irakischen Diktator Saddam Hussein die Freilassung von 36 Geiseln aus. Diese Aktion brachte ihm den Übernamen «Kalif von Bagdad» ein. Sechs Legislaturperioden politisierte er. Zwei Jahre nach seiner Wahl in den Nationalrat wurde er Chefredaktor der inzwischen eingestellten Zeitung «Die Ostschweiz». 1985 kam der Ruf des Arbonia-Forster-Gründers Jakob Züllig. Er holte Oehler als Generaldirektor. 1990, nach dem Börsengang des Unternehmens, schied Oehler im Krach mit dem Patron wieder aus. Man war sich uneinig über die Strategie. 2003 kehrte er zurück und übernahm Arbonia Forster. Das Unternehmen baute er mit diversen Zukäufen aus. In der Reichsten-Liste des Magazins «Bilanz» wird er mit einem Vermögen zwischen 100 und 200 Millionen aufgelistet. Inzwischen ist er nicht mehr Mehrheits- sondern nur noch Hauptaktionär. Die Nachfolge auf operativer Ebene ist bis heute nicht geregelt. Der Kronfavorit schied im Sommer aus dem Unternehmen aus.

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