Der Preis für Kuoni – von Experten geschätzt

Wie viel legte der neue Besitzer aus Deutschland auf den Tisch? Analysten mutmassen, ein Kenner spricht von einem «Schnäppchen».

Vom Reisebüro an den Ort der Träume geführt? Touristin an einem Strand in Südspanien.

Vom Reisebüro an den Ort der Träume geführt? Touristin an einem Strand in Südspanien. Bild: Reuters

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Bis tief in die Nacht hinein hat Peter Meier letzten Freitag verhandelt. Für den Kuoni-Chef stand viel auf dem Spiel. Vor fünf Monaten kündigte er den Verkauf des klassischen Reisegeschäfts an. Seither sprangen Kunden ab, die Verunsicherung bei den Mitarbeitern nahm zu, und die Aussichten auf einen guten Verkaufspreis wurden düsterer.

Jetzt konnte Meier den Kopf aus der Schlinge ziehen: Der deutsche Detailhändler Rewe übernimmt das Schweizer Traditionsgeschäft. Rewe ist mit DER-Touristik und einem Umsatz von 5 Milliarden Euro die Nummer drei im deutschen Reisemarkt. Mit dem Kauf der Kuoni-Einheiten Schweiz, Grossbritannien, Skandinavien, Finnland und Benelux wächst der Umsatz der Deutschen auf 7 Milliarden Euro. Zusammen haben die Kuoni-Einheiten und die Rewe-Tochter letztes Jahr für 7,7 Millionen Menschen Ferien organisiert.

«Ein Schnäppchen getätigt»

Den Kaufpreis wollen die Parteien nicht preisgeben. Die Analysten der Zürcher Kantonalbank gehen von 120 bis 130 Millionen Franken aus. Der Betrag liegt damit um einiges tiefer als die rund 200 Millionen Franken, die bisher die Runde machten. «Die Rewe-Tochter hat in der Schweiz ein Schnäppchen getätigt», sagt ein Branchenkenner. Denn im Preis enthalten sind auch die Lizenzgebühren, damit Rewe in den nächsten Jahrzehnten die Marke Kuoni benutzen darf. «Der Verkaufspreis alleine war nicht entscheidend, sondern das Gesamtpaket», sagt Kuoni-Chef Meier dazu.

In der Branche überrascht der Preis nicht. «Man ist vielmehr überrascht, dass überhaupt ein Deal zustande kam, so kurz vor Produktionsbeginn der kommenden Feriensaisons», sagt ein Experte. Wie andere Reisekonzerne bereitet Kuoni bald schon das Winter- und Sommergeschäft des nächsten Jahres vor. Will der Käufer da noch Einfluss nehmen, muss er das jetzt tun. «Der ­Verkauf kam auf den letzten Drücker ­zustande», so der Kenner.

Für die Schweizer Reisekunden ist der Einstieg von DER-Touristik eine gute Nachricht. Dank höheren Volumen und Synergien durch den Kuoni-Kauf kann die neue Besitzerin Reisen günstiger beschaffen und auch verkaufen als Kuoni – sofern sie das denn will. DER-Touristik-Chef Sören Hartmann gibt sich noch ­etwas vage und sagt: «Die Preise sinken tendenziell.» Das tun sie zwar schon seit der Euro-Franken-Entkoppelung: Mitte Januar senkten die Anbieter die Preise um 15 bis 20 Prozent. Jetzt werden die Karten aber neu gemischt. Zwei deutsche Reiseriesen beherrschen das Schweizer Reisegeschäft. Rewe, zu der auch die bereits in der Schweiz tätige ITS Coop Travel gehört, und Konkurrentin TUI können mit ihrer Einkaufsmacht den Wettbewerb weiter anheizen.

Eine Herausforderung wird das für den noch einzigen Schweizer Player, Hotelplan. Die Migros-Tochter hat im Kuoni-Poker mitgeboten, ging aber leer aus, weil sie lediglich die Schweizer Einheit kaufen wollte. Sprecherin Prisca Huguenin-dit-Lenoir bedauert, dass Kuoni ins Ausland verkauft wird, gibt sich ob der neuen Konkurrenz aber gelassen: «Der Wettbewerb im Schweizer Reisemarkt ist heute schon intensiv, wir bleiben weiterhin konkurrenzfähig.» Marktbeobachter erwarten, dass die ­Hotelplan-Gruppe jetzt Kapazitäten, vor allem im Flugbereich, ausdehnen wird.

Entlassungen drohen

Weniger positiv ist der Besitzerwechsel für die Kuoni-Mitarbeiter – zumindest für einige. Können die Reisebüroangestellten aufatmen – Rewe kauft Kuoni vor ­allem ihretwegen –, müssen Angestellte in der Produktion und in der Informatik bangen. Hier liegt das Potenzial, um Kosten zu senken. Es drohen Entlassungen. DER-Touristik ist bekannt für die guten technischen Plattformen und die digitalen Angebote – ein Bereich, in dem Kuoni viel versäumt hat. DER-Touristik-Chef Hartmann sagte gestern denn auch, Kuoni könne diese Plattformen nutzen.

Auch in der Produktion von Reisen hat DER-Touristik die Nase vorn. Dank der Grösse und dem Sitz in Deutschland kann sie dies günstiger als die Kuoni-Leute in der Schweiz tun. Branchen­kenner gehen denn auch davon aus, dass beispielsweise Badeferien und Pauschalreisen künftig in Deutschland produziert und in der Schweiz nur noch unter dem Namen Kuoni vermarktet werden.

DER-Touristik-Chef Hartmann will sich dazu nicht in die Karten blicken lassen: «Solche Themen werden wir in den nächsten Monaten anschauen.» Kuoni-Konzernchef Meier hingegen schliesst eine solche Entwicklung nicht aus. Wie viele Mitarbeiter betroffen sein können, sei schwierig zu sagen. Die Produktion umfasse um die 160 Angestellte, diese würden aber auch andere Dienstleistungen erbringen. Zudem sei die Fluktuation in diesen Bereichen hoch, wiegelt Meier die Frage nach Entlassungen ab.

Klar ist: Nach dem Verhandlungsmarathon der letzten Tage kommt intensive Integrationsarbeit auf die Rewe-Leute zu. Kuoni-Konzernchef Meier kann sich da vorerst zurücklehnen.

Erstellt: 23.06.2015, 08:04 Uhr

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