Porträt

Der Söldner-Präsident

Simon Murray, VR-Präsident von Glencore, steht im Zentrum eines Skandals um den riesigen chinesischen Holzkonzern Sino-Forest. Der 71-jährige Ex-Fremdenlegionär und Mount-Everest-Bezwinger wird für Glencore zum Risiko.

Ein wahrhaftiger Abenteurer: Murray bestieg den Mount Everest, bestritt mit 60 einen 240-Kilometer-Lauf durch die Wüste und war mit 64 der älteste Mensch, der zu Fuss den Südpol erreicht.

Ein wahrhaftiger Abenteurer: Murray bestieg den Mount Everest, bestritt mit 60 einen 240-Kilometer-Lauf durch die Wüste und war mit 64 der älteste Mensch, der zu Fuss den Südpol erreicht. Bild: Reuters

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Es gibt wahrscheinlich nur einen Präsidenten eines Schweizer Milliardenkonzerns, der schon einmal zwei abgetrennte Köpfe seiner Feinde in einem Rucksack transportiert hat: Simon Murray. Der 71-Jährige wurde im April Präsident des Zuger Rohstoffgiganten Glencore. Rohstoff – Erdöl, Metalle, Mineralien – ist ein undurchsichtiges Business, und Glencore gilt seit 37 Jahren als einer der verschwiegensten Konzerne der Welt: berühmt dafür, Fremden nicht einmal die Uhrzeit mitzuteilen. Doch das ändert sich nun: Im Mai ging Glencore an die Börse, seitdem muss der Konzern Presse und Investoren überzeugen.

Eine schillernde Figur

Auf die Frage, ob das Ende der Grauzone nicht ein Problem sei, sagte der neue Präsident: «Das ist sicher schwierig. Aber Sie reden mit jemandem, der von einem Leoparden verfolgt und mit Maschinengewehren beschossen wurde.» Murray ist eine schillernde Figur: Mit 19 Jahren ging der Brite aus gutem Haus wegen Liebeskummer zur Französischen Fremdenlegion, kämpfte fünf Jahre unter sadistischen Vorgesetzten und mit flüchtigen Verbrechern in der Wüste Algeriens. Er schoss erst auf die Rebellen, dann, nach der Unabhängigkeit, auf aufständische französische Truppen. Zurück in London, heiratete er das Mädchen, das ihn zuvor verschmäht hatte, machte Karriere in einem Konzern in China, gründete eigene Firmen, verkaufte diese dem mächtigsten Taipan Hongkongs, wurde dessen rechte Hand, dann Asien-Chef der Deutschen Bank, dann Chef seines eigenen Investmentfonds. Er gilt als einer der in Asien bestvernetzten Westler. Und dazu als Abenteurer: Murray bestieg den Mount Everest, bestritt mit 60 einen 240-Kilometer-Lauf durch die Wüste und war mit 64 der älteste Mensch, der zu Fuss den Südpol erreichte: 1200 Kilometer zog er einen 150-Kilo-Schlitten durch das Eis.

Murray im Zentrum des Skandals

Seine Aufgabe bei Glencore umriss Murray so: «In den heutigen Märkten untersucht man uns mit dem Mikroskop. Wir dürfen keine Fehler machen.» Doch daran scheint der Brite nun zu scheitern. Zum Jobantritt gab der in Asien für seinen Er-lächelt-und-das-Licht-geht-an-Charme berühmte Brite ein Interview, in dem er Grossbritannien als «Nation der Hooligans», Asylbewerber als «alle kriminell» und Frauen als untauglich für die Chefetage bezeichnete: Sie seien zu abgelenkt «vom Kinderbekommen und anderen Dingen». Und dann platzte Anfang Juni eine Bombe bei Sino-Forest. Ein Analyst bezeichnete den riesigen chinesischen Holzkonzern als «Milliarden-Schneeballsystem». Seitdem verlor der Aktienkurs 90 Prozent, der grösste Investor – der Paulsen-Hedgefonds – ist mit 500 Millionen Dollar Verlust geflohen, und viele chinesische Konzerne stehen unter Verdacht, kiloweise Schminke in den Büchern zu haben.

Glencores Problem: Murray steht im Zentrum des Skandals. Er war (noch bei der Deutschen Bank) Kreditgeber, dann Geschäftspartner und später Verwaltungsrat bei Sino-Forest. Klagen drohen. Und Recherchen. Mittlerweile haben Buchprofis herausgefunden, dass Sino-Forest 1997, kurz vor Murrays Einstieg, angeblich 1 Million Tonnen Holz verarbeitete mit einem winzigen Fuhrpark von nur 200'000 Dollar Wert –ein Ding der Unmöglichkeit. Damit wird Murray für Glencore zum Risiko. Der Mann, der zu seinen Abenteuern sagte: «Wer nach dem Warum fragt, ist nicht fähig, die Antwort zu verstehen.»

Erstellt: 27.06.2011, 21:59 Uhr

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