Der «Stratege» wird neuer BMW-Chef

Oliver Zipse übernimmt die Nachfolge von Harald Krüger. Die Ausrichtung des Konzerns soll sich künftig offenbar nicht ändern.

Kennt das Unternehmen: Oliver Zipse war bisher Produktionschef von BMW. Foto: Christof Stache/AFP

Kennt das Unternehmen: Oliver Zipse war bisher Produktionschef von BMW. Foto: Christof Stache/AFP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die grosse Überraschung ist ausgeblieben im Duell um den BMW-Chefposten: Oliver Zipse, bislang Produktionschef bei BMW, rückt wie erwartet ganz an die Spitze beim Münchner Autobauer. Das Nachsehen hat Entwicklungschef Klaus Fröhlich. Fernab vom BMW-Hauptquartier, im BMW-Werk Spartanburg, South Carolina, haben sich die 20 Aufsichtsräte am Donnerstag getroffen und über die Nachfolge von Harald Krüger befunden. Die Amtsübergabe erfolgt am 16. August.

Vor knapp einem Monat hatte der Personalausschuss des Kontrollgremiums unter Leitung von Aufsichtsratschef Norbert Reithofer das Rennen eröffnet, indem er drei Kandidaten auf die Tagesordnung gesetzt hatte: Zum einen Krüger, der sich aber vor einigen Tagen selbst aus dem Rennen genommen hat, weil die Kritik an seiner angeblich zu sanften Amtsführung zu gross wurde. Es blieben noch Oliver Zipse und Klaus Fröhlich im Rennen, zwei Männer von sehr unterschiedlichem Charakter. Der eine bislang Produktionsvorstand, verbindlich, dienstbar, nüchtern, teamorientiert und von den Gewerkschaften geschätzt. Der andere bislang Entwicklungschef, drängend, ideenreich, in der ganzen Branche anerkannt, aber vielleicht zu kantig und zugleich zu wenig wirtschaftsaffin.

Mit dem 55 Jahre alten Zipse ist deshalb nicht nur eine Personalentscheidung getroffen worden, sondern auch über den Stil in den kommenden Jahren. Krüger war vielen zu moderierend, zu wenig tonangebend. Aber auch Zipse wird nachgesagt, einen ähnlichen Führungsstil zu haben. Dazu passt, was Reithofer über den Neuen sagt: Er sei ein «Stratege und Analytiker». Wenn auch, darauf legen sie wert in den diesen Tagen: «führungsstark». Der gebürtige Heidelberger hat in Salt Lake City, USA, und in Darmstadt Informatik und Mathematik studiert. Gleich nach dem Abschluss kam er zu BMW, war unter anderem Leiter des Mini-Werks in Oxford, Leiter der technischen Planung und dann bis 2015 Chef-Stratege. Er ist mit einer Japanerin verheiratet, sein Bruder lehrt als Chemieprofessor in München.

Der neue Chef solle nur «zusätzliche Impulse» geben: Norbert Reithofer gibt Auskunft über die neue Führung von BWM. Foto: Harold Cunningham/AFP

Nicht nur der Stil bleibt ähnlich, auch die Grundausrichtung des Autobauers soll sich offenbar nicht ändern. Reithofer spricht offiziell nur von «zusätzlichen Impulsen», die der neue Chef geben solle. Tatsächlich hat Zipse aber eine grössere Aufgabe: Dem Autobauer wieder ein Selbstbewusstsein zu vermitteln – und Klarheit darüber, wo man eigentlich steht und wohin man geht. Zuletzt war aus den Reihen der 135'000 Beschäftigten immer wieder von «Sehnsucht nach Führung» zu hören.

Die Branche befindet sich weltweit in Umbruch. Die vergleichsweise strenge neue CO?-Gesetzgebung in Europa, samt einem dadurch folgenden Wechsel hin zur Elektromobilität, aber auch die Digitalisierung in den Autos kosten viel Geld. So ist auch BMW, ein Unternehmen mit mehr als 100-jähriger Historie, zu neuen Partnerschaften und neuen Geschäften gezwungen, etwa beim Car-Sharing oder der Entwicklung von Roboterautos.

In einem Rundschreiben an die Belegschaft formulierte der Betriebsrat dieser Tage deutliche Kritik an den daraus folgend unklaren Verhältnissen, daran muss sich Zipse messen: Das Management habe zuletzt steigende Marktanteile verkündet und ein «immer grösseres Feuerwerk an neuen Modellen und Technologien», gleichzeitig «spüren viele Kolleginnen und Kollegen, wie das Unternehmen den Gürtel enger schnallt und das mit persönlichen Auswirkungen», heisst es in dem Schreiben, das der Süddeutschen Zeitung vorliegt. So würden etwa Verträge mit wichtigen Zeitarbeitskräften gekürzt oder ganz gekündigt. «Das erinnert viele an den Beginn der Weltwirtschaftskrise 2008», heisst es.

Jedenfalls erlebe man den grössten Umbruch in der Automobilindustrie jemals, schreiben die Arbeitnehmervertreter. Und sie fragen: «Wie geht es unserem Unternehmen wirklich?» Durch teils widersprüchliche Mitteilungen sei die Belegschaft zunehmend verunsichert: Absatzplus und Überlegungen zu einem neuen Motorenwerk, aber eben auch «Gewinnwarnungen» und die Gefahr durch mögliche US-Einfuhrzölle.

Die tatsächliche wirtschaftliche Lage des Unternehmens werde nicht offen dargestellt, die Ansprüche an Wertschätzung für die eigenen Leute würden nicht erfüllt: «Sind wir nun der führende Premiumhersteller mit technischem Vorsprung oder befinden wir uns in einer ernsthaften Krise?»

Am kommenden Donnerstag bei der Betriebsversammlung in München möge der Vorstand das erläutern. Die erste schwierige Aufgabe für den Neuen, auch wenn er da noch in bisheriger Funktion auftreten wird.

Erstellt: 19.07.2019, 08:38 Uhr

Artikel zum Thema

Das kleine Einmaleins der Linien

SonntagsZeitung Der renommierte Schweizer Industriedesigner Alfredo Häberli erklärt am Beispiel des neuen BMW-Achters, worauf es beim Autodesign ankommt Mehr...

Dynamik vor Digitalisierung

BMW setzt bei der neuen Dreierreihe auf Fahrspass. Und damit auf Technik nach alter Väter Sitte, ohne die elektronische Entwicklung zu vernachlässigen. Mehr...

BMW-Chef Harald Krüger tritt ab

Krüger hört freiwillig auf. Er kommt damit einer möglichen Absetzung zuvor – kritisiert wird der zu zögerliche Umbau zur E-Mobilität. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Trost aus der Pfanne

Mamablog Es gibt nicht nur Heteros!

Die Welt in Bildern

Logenplätze: Die Bewohner der nepalesischen Ortschaft Bode verfolgen den Nil-Barahi-Maskentanz von ihren Fenstern aus. Während des jährlichen Fests verkleiden sich Tänzer als Gottheiten und ziehen durch die Strassen. (20. August 2019)
(Bild: Navesh Chitrakar) Mehr...