Der Streit um die «Grüselbeizen» kocht weiter

Soll der Gast sehen, wie das gewählte Restaurant bei der Hygienekontrolle abschneidet? Die Branche hat sich erfolgreich dagegen gewehrt. Doch bei den selbst ergriffenen Massnahmen fehlt bis jetzt ein klarer Erfolg.

Kaum sichtbar: Bis jetzt haben die neuen Hygiene-Leitlinien in der Gastrobranche keine grossen Spuren hinterlassen.

Kaum sichtbar: Bis jetzt haben die neuen Hygiene-Leitlinien in der Gastrobranche keine grossen Spuren hinterlassen. Bild: Reuters

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Die Debatte um Hygiene in Restaurants ist nicht vom Tisch. Die umstrittene Frage: Soll der Gast einsehen können, wie das ausgewählte Restaurant bei der letzten Kontrolle des Lebensmittelinspektors abschnitt? Für Befürworter einer solchen Massnahme ist klar, dass Kunden nur so vor «Grüselbeizen» geschützt werden könnten.

Die Branche hat sich hingegen lautstark und erfolgreich gegen einen solchen «Hygiene-Pranger» gewehrt. Bereits bevor das Geschäft ins Parlament kam, setzte sie zum Powerplay gegen einen Hygiene-Ausweis an, der vom Gast eingesehen werden könnte. Das Motto: «Ja zur Hygiene, aber Nein zu überflüssiger Bürokratie». Später lehnten sowohl Stände- wie auch Nationalrat eine entsprechende Anpassung des Lebensmittelgesetzes ab.

Minimalstandard für Gastrobetriebe

Vor einem Jahr stellte Gastrosuisse die neue Hygiene-Leitlinie für die «Gute Verfahrenspraxis im Gastgewerbe», kurz GVG, vor. Man habe sich damit «selbst hohe Hygiene-Standards gesetzt, nach denen auch kontrolliert wird». Heute streifte der Branchenverband das Thema an seiner Jahresmedienkonferenz nur knapp.

Die Leitlinie gilt als Minimalstandard für alle Betriebe im Gastgewerbe, ist seit Anfang Jahr verbindlich und Grundlage für die Kontrolle durch die Kantonschemiker. Auf Nachfrage heisst es bei Gastrosuisse: «Wir hören aus der Branche, dass die angebotenen Informationen gut ankommen.» Der Verband bietet Broschüren und Informationsveranstaltungen an.

Laut Thomas Fahrni werde der Erfolg daran gemessen, wie oft die Informationen bezogen und die Veranstaltungen besucht würden. «Die Broschüre wurde bei Gastrosuisse gegen 3000-mal gekauft. Es gibt noch andere Verkaufsstellen», sagt Fahrni.

Wie oft das Dokument von der Website gratis heruntergeladen wurde, ist nicht bekannt. «Dazu führen wir leider keine Statistik», so Fahrni. Zur Anzahl Besucher der Informationsveranstaltungen fehlt Gastrosuisse die Übersicht, da diese in den Kantonen erhoben würden.

Umsetzung anspruchsvoll

Die Zuger Kantonschemikerin Susanne Pfenninger lobt die Richtlinien als «ausführlich und umfassend». Sie kritisiert aber: «Die Umsetzung ist sehr anspruchsvoll. Wir haben bei den kontrollierten Betrieben bis jetzt keine spürbare Verbesserung festgestellt.» Gerade für kleinere Gastrounternehmer sei der Aufwand enorm und der klare Anreiz fehle.

Für Konsumentenschützerin Sara Stalder ist klar: «Diese Selbstregulierung funktioniert nicht, das ist reine Pflästerlipolitik.» Sie hält weiterhin an der Forderung nach einem nationalen Hygieneausweis fest: «Es gibt sonst immer ein paar wenige schwarze Schafe, die den Ruf der ganzen Branche belasten.»

Paradebeispiel Zug

Politisch ist der Versuch bis jetzt zwar gescheitert, einen solchen Hygiene-Ausweis auf nationaler Ebene gesetzlich zu verankern. Den Kantonen ist es jedoch vorbehalten, solche Massnahmen selber zu ergreifen.

Bekanntes Beispiel ist Zug, wo seit 2009 den Betrieben, die Lebensmittel direkt an Kunden abgeben, ein Hygiene-Zertifikat ausgestellt wird. Also auch Bäckereien. Je nach Abschneiden bei der Kontrolle gibt es ein «sehr gut», «gut», «genügend» oder «ungenügend».

Positive Bilanz

Seit der Einführung dieser «amtlichen Qualitätsbescheinigung» ist der Anteil Betriebe mit der Note «ungenügend» von 1,9 auf 0,7 Prozent gesunken. Der Wert hat im Vergleich mit dem Vorjahr (0,3 Prozent) zwar leicht zugenommen. Zusammengenommen ist jedoch der Anteil an Unternehmen mit «gut» oder «sehr gut» so hoch wie noch nie.

«Unser Modell funktioniert ausgezeichnet, wir werden weiterhin daran festhalten», sagt die Kantonschemikerin Pfenninger.

Schule hat das Zuger Modell bis jetzt nicht gemacht. Im Kanton Basel-Stadt wurde ein solches Zertifikat zwar Anfang Jahr ebenfalls diskutiert. Nach dem Rücktritt von Gesundheitsdirektor Carlo Conti ist jedoch unklar, wie es mit dem Vorhaben weitergehen wird. Es scheint, als ob die übrigen Kantone noch abwarten, wie die Revision des Lebensmittelgesetzes weitergeht. Es kommt im nächsten Schritt in die Differenzbereinigung.

Erstellt: 23.04.2014, 18:25 Uhr

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