Der Tesla-Trick

Für 4000 Franken bietet sich der US-Elektroautohersteller in der Schweiz anderen Autoverkäufern als CO2-«Kumpane» an. Was steckt hinter dem Deal?

Null CO2-Ausstoss: Ein Elektroauto des US-Herstellers Tesla.

Null CO2-Ausstoss: Ein Elektroauto des US-Herstellers Tesla. Bild: Keystone

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Auf diese Regel würden die Autoimporteure gerne verzichten. Seit dem 1. Juli 2012 gelten in der Schweiz – analog zur EU – Emissionsvorschriften für Neuwagen. Die Importeure sind verpflichtet, den C02-Ausstoss ihrer Autoflotte bis 2015 auf durchschnittlich 130 Gramm pro Kilometer und Fahrzeug zu senken. Letztes Jahr waren es 145 Gramm – das sind zwar 17 Prozent weniger als 2008, liegt aber noch klar über der Zielvorgabe des Bundes. Die Importeure müssen deshalb Strafsteuern in der Höhe von 5,1 Millionen Franken zahlen; 3,2 Millionen davon fliessen in den Infrastrukturfonds und damit in den Strassenbau, der Rest sind Vollzugskosten. Das Bundesamt für Energie (BFE) mahnte unlängst, in den nächsten zwei Jahren sei eine stärkere Absenkung als die bis dato rund 3,5 Prozent pro Jahr erforderlich, um die Vorgaben bis 2015 zu erfüllen.

Die Branche bekundet also Mühe, mit den Auflagen der Politik Schritt zu halten – obschon der Bund grosszügige Erleichterungen gewährt. So können Gross­importeure Autos mit Emissionen über der flottenspezifischen Zielvorgabe mit solchen Wagen, die darunter liegen, kompensieren. Schliessen sich zudem Kleinimporteure zu Emissionsgemeinschaften zusammen, stehen ihnen dieselben Verrechnungsmöglichkeiten offen wie Grossimporteuren.

Tesla versteigert Zertifikate

Aus diesem Mechanismus versucht Tesla Kapital zu schlagen. Der US-Hersteller von Elektrofahrzeugen, der mit finanziellen Schwierigkeiten kämpft, will seine C02-freie Flotte für den Schweizer Markt versteigern; eine Sprecherin bestätigt entsprechende Informationen von Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Ein solches Zertifikat soll inzwischen um die 4000 Franken wert sein, wie Insider berichten. Für den Importeur kann sich das rechnen. Warum? Jedes Gramm CO2 über der Zielvorgabe von 130 Gramm wird besteuert; vom vierten Gramm an kostet jedes weitere 142.50 Franken, die ersten drei Gramm sind günstiger. Ein leistungsstarker Sportwagen mit 260 Gramm C02 beispielsweise wird so gegen 14'000 Franken teurer. Wird dasselbe Auto hingegen mit einem Tesla kombiniert, stossen die beiden Fahrzeuge zusammen 260 Gramm aus, pro Wagen also 130 – die Zielvorgabe ist erfüllt, die Strafsteuer entfällt, es bleiben bloss die Kosten für das Zertifikat.

Das Interesse an den Scheinen ist entsprechend gross, wie aus der Branche verlautet. Wer mit Tesla verhandelt, ist jedoch unklar. Von den angefragten Importeuren bestätigt einzig Hyundai Suisse einen Kontakt. Dem Vernehmen nach konfrontiert Tesla die hiesigen Importeure mit anonymen Offerten in der Hoffnung, so den Preis für die – dem Vernehmen nach 600 bis 700 – Zertifikate in die Höhe zu treiben. Zur Einordnung: Von den jährlich rund 300'000 Neuwagen in der Schweiz machen Elektrofahrzeuge bloss 0,4 Prozent aus, das sind etwa 1200 Fahrzeuge; bei 216 davon handelte es sich letztes Jahr um einen Wagen von Tesla. Bis Juli dieses Jahres sind weitere 297 Tesla dazugekommen. Der Markt wächst also zügig, wenngleich auf tiefem Niveau.

Politiker sehen Börse kritisch

Die Zertifikate könnten künftig noch begehrter werden; denn die Strafsteu­ern dürften weiter steigen, wie Andreas Burgener vom Branchenverband Auto Schweiz befürchtet. Er spricht von bis zu 30 Millionen Franken pro Jahr – sechsmal mehr als heute. Der Grund: Der Bund hat bei seiner Emissionsberechnung 2013 erst 75 Prozent der Neuwagen, die verbrauchsärmsten, berücksichtigt; heuer sind es 80 Prozent, ab 2015 wird jeder Neuwagen verrechnet, also auch jene, die sehr viel C02 ausstossen.

Teslas Zertifikatbörse wird von Politikern kritisch taxiert. «Wer einen Tesla ersteht, will etwas Gutes für die Umwelt tun», sagt Nationalrat Bastien Girod (Grüne). Dass ein solcher Käufer nun unter Umständen Importeuren von Luxus- und Sportwagen helfe, die C02-­Strafsteuer zu umgehen und sich damit einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen, sei wohl kaum in seinem Sinn. Allerdings: Es war das Parlament selber, das mit der skizzierten Kompensationsregelung ein marktwirtschaftliches Instrument samt seinen Folgeerscheinungen geschaffen hat. Girod will denn auch nicht von einem kompletten Fehlanreiz sprechen: Die Hersteller von Elektrofahrzeugen würden dank des Zertifikatverkaufs Mehreinnahmen generieren, die sie in den Flottenausbau reinvestieren könnten.

Auch Martin Bäumle quittiert Teslas Geschäftsmodell mit Skepsis. Der Präsident der Grünliberalen erinnert jedoch daran, dass der Kompensationsmechanismus Teil jenes Kompromisses war, zu dem sich das Parlament bei der C02-Gesetzgebung durchgerungen hatte. Ansonsten, so Bäumle, wäre die 130-­ Gramm-Regel nicht zustande gekommen. Vor diesem Hintergrund sieht Bäumle aktuell keinen Anlass für gesetzliche Anpassungen.

Gerungen wird um das C02-Gesetz gleichwohl. Das Parlament hat als nächsten Teil der Energiestrategie 2050 das C02-Gesetz zu revidieren. Umstritten ist, ob die Schweiz mit der EU mitziehen und die Vorschriften verschärfen soll. So sehen die Pläne der EU vor, dass Neuwagen ab 2020 durchschnittlich nur noch 95 Gramm ausstossen dürfen – ein Drittel weniger als heute in der Schweiz.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.08.2014, 08:35 Uhr

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