Der Überflieger

Easyjet ist für 2012 auf Gewinnkurs – ein Besuch bei Nordeuropa-Chef Thomas Haagensen.

Ganz oben: Thomas Haagensen, Chef von Easyjet Nordeuropa, hätte das Potenzial zum obersten Boss der Billig-Airline.

Ganz oben: Thomas Haagensen, Chef von Easyjet Nordeuropa, hätte das Potenzial zum obersten Boss der Billig-Airline. Bild: Fred Merz, rezo.ch

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Bei der Swiss bricht der Gewinn ein, Air France steckt tief in den roten Zahlen, Alitalia ist zum Scheitern verurteilt. Es sieht schlecht aus für die Fluggesellschaften Europas, der Wettbewerb ist intensiv und die Margen so tief wie noch nie. Easyjet aber ist auf Gewinnkurs: Im dritten Geschäftsquartal kletterte der Umsatz um zehn Prozent auf 1,03 Milliarden Pfund. Die Zahl der Fluggäste legte um mehr als zehn Prozent zu. Besonders glänzte Easyjet in Ländern wie der Schweiz oder Frankreich. Ab dem EuroAirport kletterten die Passagierzahlen gar um 21 Prozent in die Höhe. Der Chef ist zufrieden.

Der Chef, das ist im Fall von Easyjet Nordeuropa Thomas Haagensen, 40 Jahre jung, halb Deutscher, halb Däne, Muttersprache Französisch. In Lausanne hat er Ökonomie studiert, jetzt lebt er seit ein paar Jahren in Genf. Es ist eine Rückkehr zu den Wurzeln; Haagensen ist hier aufgewachsen.

Dass dieser Mann vor vier Jahren bei Easyjet gelandet ist, hat nichts mit Leidenschaft für die Aviatik zu tun. Er könne nicht mal einen Airbus von einer Boeing unterscheiden, gibt er unumwunden zu, als er uns in den Genfer Büros der Billig-Airline empfängt, im alten Terminal des Flughafens Cointrin. Der Bau ist in die Jahre gekommen, der Putz bröckelt sowohl von der Fassade als auch in den Gängen ab. Und Haagensen hat kein Einzelbüro, wie es sich eigentlich für den Chef gehört. Er sitzt zusammen mit dem Marketing&Sales-Team in einem Grossraumbüro mit Blick auf die Start- und Landebahn. Konstantes Stimmengewirr hier, es ist laut.

Am Anfang der Kulturschock

«Damit wir ein bisschen Ruhe haben» führt uns Haagensen durch ein Labyrinth von Gängen und Büros und fensterlosen Pausenräumen in ein Sitzungszimmer. Dort: keine Ledersessel, teure Gemälde oder Tische aus Mahagoni, sondern Ikea-Möbel, ein Hellraumprojektor, ein aufblasbares Easyjet-Miniflugzeug und ein Laptop. «Die Einrichtung und die Platzverhältnisse waren am Anfang ein Kulturschock», sagt Haagensen. Er hätte nichts gegen ein bisschen mehr Komfort. «Aber Easyjet zieht das konsequent durch, so halten wir die Kosten tief.» Die günstigen Flugpreise wären nicht möglich, wenn die Führungsriege in einem Palast mit teurer Einrichtung arbeiten würde. Haagensen vermisst den Luxus nicht wirklich, beteuert er. «Ich wusste, worauf ich mich einlasse», sagt er gelassen. Die Motiviation komme für ihn nicht mit einem schicken Büro oder Hotelzimmer, «sondern weil man hier etwas erreichen und mitentwickeln kann». Das sei auch der Grund, warum er bei Easyjet gelandet sei. Kann man mit einer Billigairline reich werden? – Er habe keine Probleme mit seinem Gehalt, erwidert Haagensen, und setzt ein Pokerface auf. Zu einem Haus am See habe es aber noch nicht gereicht.

Geniessen könnte er das aber sowieso nicht. Ständig ist der Familienvater unterwegs, zwei Mal die Woche in London Luton am Hauptsitz von Easyjet. Dort trifft er sich mit dem Big Boss, das ist Carolyn McCall. Jede zweite Woche einen Tag in Berlin und sonst Meetings in ganz Europa. Das sind lange Tage, aber Haagensen ist sich das gewohnt; vor Easyjet machte er Marketing beim Verpackungsspezialisten Tetra Pak und flog quer durch Europa und den Nahen Osten. «Fliegen ist etwas Natürliches für mich.» Das muss die Familie übernehmen: Die ältere Tochter flog zum ersten Mal, als sie fünf Wochen alt war. Mittlerweile ist sie sechsjährig, und wenn Haagensen unterwegs ist, telefoniert er mit ihr. Jeden Abend. Ist er mal zu Hause, will sie seine ganze Aufmerksamkeit. «Da werden die Probleme im Job relativ», sagt er, und zum ersten Mal wird sein Blick weich, ein bisschen verträumt. Geschäftliche Telefonate sind dann nicht mehr erlaubt, «sonst gibts Krach».

«Unglaublich viel Überzeugungsarbeit leisten»

Seitdem Haagensen bei Easyjet angefangen hat geht es mit seiner Karriere steil bergauf. «Unglaublich» sei das, sagt er: Anfänglich «nur» für die Schweiz und Österreich verantwortlich, kamen ein paar Monate später Deutschland und ganz Osteuropa dazu, wichtige Märkte von Easyjet. Und so ging es immer weiter. Heute leitet Haagensen die Geschäfte in zwölf europäischen Ländern. Was denn sein Erfolgsgeheimnis sei, wollen wir wissen. «Ich bin sehr ehrgeizig, und auch mutig. Der Status quo ist mir ein Gräuel», sagt er etwas vage. Er sei sehr praktisch veranlagt, denke immer aus Kundensicht.

Als er beim Billigflieger startete, wollten seine Vorgesetzten ihm weismachen, dass das Potenzial in der Schweiz ausgeschöpft sei, es gebe nicht mehr viel zu holen. Haagensen aber widersprach, mutig wie er ist. Er sah Wachstum. Gerade in Basel, am EuroAirport. «Ich habe mir das sehr gut angeschaut.» Als Erstes setzte er durch, dass Easyjet ab Basel neu London Gatwick anflog – und dies zwei Mal täglich hin und zurück. Bis zu diesem Zeitpunkt bediente die Fluggesellschaft London Luton und Stansted, ohne Rückflug am selben Tag. «Das war besonders für Geschäftsreisende nicht attraktiv.» Trotzdem musste Haagensen «unglaublich viel Überzeugungsarbeit leisten», bis das Angebot seinen Vorstellungen entsprechend angepasst wurde. «Wenn ich etwas anfange, bin ich sehr leidenschaftlich.» Das zahlte sich aus. Mit dem neuen Angebot stiegen die Passagierzahlen rapide an.

Unzufrieden mit der Qualität

Das war nur ein Beispiel. Es gäbe zig weitere. Unter Haagensen konnte der Low-Cost-Carrier seine Position als Platzhirsch in Basel festigen, die am EuroAirport stationierten Flugzeuge erhöhten sich seit Haagensens Einstand von zwei auf sieben. Und es sollen noch mehr werden, denn der Chef sieht immer noch Potenzial im Dreiländereck, «es geistern zig Ideen in meinem Kopf rum». Unseren Vorschlag, griechische Ferien-Destinationen genauer anzuschauen, findet er interessant. Dann kommt aber wieder dieses Pokerface.

Haagensen stand nicht immer auf der Sonnenseite. Die massive Kritik an der Airline im Sommer vor zwei Jahren, als Easyjet mit vielen Verspätungen und schlechtem Service zu kämpfen hatte, lähmte Haagensen nicht, er blieb cool und fokussierte seine ganze Energie in die Lösung des Problems, arbeitete die Nächte durch, von seinem Ehrgeiz getrieben. «Die Qualität machte mich unzufrieden, und das trieb mich an.» Haagensen liess in den Mittagszeiten Pufferzonen einrichten, die Verspätungen am Morgen wieder wettmachen konnten. Problem gelöst.

Doe Ruhe selbst, trotz des vielen Herumreisens

Der nächste logische Schritt wäre nun der Aufstieg zum obersten Chefposten der Airline. So weit denke er nicht, betont Haagensen, und irgendwie glaubt man ihm das sogar. Er sieht nicht wie einer aus, welcher der Karriere wegen über Leichen geht. Sondern wirkt gelassen, wie einer, der sich seiner Erfolge bewusst ist, und der weiss, dass alles zu seiner Zeit kommt. Die Ruhe selbst, trotz des vielen Herumreisens.

Haagensen hat ja auch noch Zeit. Er ist erst 40 Jahre alt. Seinen Geburtstag feiert er just an dem Tag unseres Treffens. Am Abend wolle er anstossen, mit Freunden «und der Familie natürlich», das sind seine Frau, die ältere Tochter und ihre kleine Schwester, die ist erst gerade jährig geworden.

Auswandern wäre eine Option

Im Moment denkt Haagensen noch nicht ans Feiern. Er hat Hunger. Wir verlassen den alten Terminal und spazieren zur Abflughalle, dort in ein Airport- Restaurant, und bestellen Lachstartar. Was Haagensen denn konkret für berufliche Ambitionen habe, er, der schon so Vieles erreicht hat? Haagensen nimmt einen Schluck Cola, überlegt, presst die Fingerkuppen aneinander. Zu einer anderen Airline wie Swiss wechseln, schliesse er «eher» aus. «Da passe ich nicht hin. Ich hätte zu wenig unternehmerische Freiheiten, das ist hier alles viel lockerer, die Hierarchien flacher, die Entscheidungswege kürzer.» Eher kann er sich vorstellen, in eine andere Branche zu wechseln. «Ich muss Neues ausprobieren können.»

Private Sehnsüchte hat er hingegen nicht. Schon gar keine ausgeflippten, wie zum Beispiel eines Tages irgendwo eine Strandbar aufmachen zu wollen. Er könne sich aber durchaus vorstellen, auszuwandern, auch wenn er das eigentlich schon hinter sich habe. «Ein Leben mit viel Action» war das schon bisher, erinnert er sich.

Zum Beispiel Beirut. Tetra Pak beorderte ihn 2004 dorthin, er war fürs Marketing im Libanon und in Syrien verantwortlich. Haagensen war begeistert ob der neuen Herausforderung. «Ich war jahrelang im Headquarter, ich wollte raus in den Markt.» Dort gab es viel zu entwickeln. In Syrien wurde die Milch noch in Kannen ausgeschöpft, was sehr unhygienisch war. Haagensens Aufgabe war es, verpackte Milch in den Geschäften salonfähig zu machen. 2006 mussten die Haagensens aus dem Libanon raus, weil Israel Teile von Beirut bombardiert hatte. «Ich blieb bis zum Schluss, bis es nicht mehr ging», erinnert sich Haagensen. Und kehrte bei der ersten Gelegenheit wieder zurück. Er wollte seine Mission beenden. Etwas anderes liess sein Ehrgeiz gar nicht zu.

Erstellt: 20.08.2012, 09:58 Uhr

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