Der Unternehmens-Knigge entdeckt die Frau

Economiesuisse schraubt an den Verhaltensregeln für Unternehmen. Neu sind in Verwaltungsräten weibliche Wesen erwünscht.

Economiesuisse fordert mehr Frauen in Führungspositionen und geht mit gutem Beispiel voran: Monika Rühl ist neue Geschäftsleiterin der Vereinigung. Foto: Keystone

Economiesuisse fordert mehr Frauen in Führungspositionen und geht mit gutem Beispiel voran: Monika Rühl ist neue Geschäftsleiterin der Vereinigung. Foto: Keystone

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Die Wirtschaftswelt bewegt sich doch. Das zeigen verschiedene Retuschen am überarbeiteten «Swiss Code of Best Practice for Corporate Governance» – eine Art Benimmregeln für an der Schweizer Börse kotierte Unternehmen.

Nimmt man die erste Fassung des «Swiss Code» aus dem Jahr 2002 zur Hand, liest man: «Dem Verwaltungsrat sollen Personen mit den erforderlichen Fähigkeiten angehören.» In der neu formulierten Fassung steht nun zu lesen: «Dem Verwaltungsrat sollen weibliche und männliche Mitglieder angehören.» Und weiter: «Der Verwaltungsrat stellt eine angemessene Diversität seiner Mitglieder sicher.»

Auch die zweite Formulierung ziele auf die Geschlechterdebatte, sagt David Frick, Präsident der Rechtskommission des Wirtschaftsverbandes Economiesuisse und bei Nestlé verantwortlich für korrekte Unternehmensführung (Corporate Governance). «Wir sind für Frauenförderung, aber gegen Quoten», sagt Frick. Im 13-köpfigen Verwaltungsrat von Nestlé sitzen heute immerhin vier Frauen.

Im neuen Kodex ist auch die Frage der Besetzung von Präsidium und Konzernleitung durch ein und dieselbe Person überarbeitet. Überliess es der «Swiss Code» von 2002 dem Verwaltungsrat zu entscheiden, ob jemand in Personalunion beide Funktionen ausüben kann, geht die Neufassung dazu klar auf Distanz: «Der Verwaltungsrat wirkt darauf hin, dass sein Vorsitz und die Spitze der Geschäftsleitung zwei Personen anvertraut werden (Doppelspitze).»

Unverbindliche Leitplanken

Die zwei Beispiele zeigen, dass Economiesuisse im neu formulierten Kodex bemüht ist, klare Akzente zu setzen: Verwaltungsräte ohne Frauen sind genauso ein Auslaufmodell wie Konzernchefs, die sich selbst beaufsichtigen. Auf eindeutige Vorgaben verzichtet der Verband aber. Es gibt kein Verbot der Personalunion an der Konzernspitze. Es fehlt die Quote für die Mindestanzahl von Frauen im Aufsichtsgremium. Dieses Unverbindliche ist durchaus gewollt. Der «Swiss Code» ist kein Gesetzeswerk. Er versteht sich – so die neue Geschäftsleiterin von Economiesuisse, Monika Rühl – «als Leitlinie und Empfehlung». Die Unternehmen dürfen sich daran halten, oder sie lassen es eben bleiben.

Neu gilt allerdings das Prinzip «comply or explain»: den «Swiss Code» einhalten oder sich erklären. Es besteht also eine (wiederum unverbindliche) Verpflichtung zu begründen, weshalb man Vorgaben des Unternehmens-Knigge nicht zu befolgen gedenkt. Das mag den Verantwortlichen Tür und Tor öffnen, um gerade nur das umzusetzen, was ihnen beliebt, und sich – je nach Lust und Laune – zu erklären oder eben nicht. Karl Hofstetter, einer der Väter des «Swiss Code», Titularprofessor der Universität Zürich, Rechtschef und Verwaltungsrat von Schindler, hält dagegen. Er vertraut auf das «name and shame» – das öffentliche Anprangern, wenn sich ein Unternehmen nicht so verhält, wie es der Knigge vorgibt.

Institutionelle Anleger wie Ethos, Actares oder zCapital machen es mit ihren Publikationen oder Auftritten an Generalversammlungen immer wieder vor: Hartnäckig kritisieren sie Führung und Geschäftsgebaren der Unternehmen. Zwar bleiben sie mit ihren Anträgen meistens in der Minderheit, erzielen aber dennoch Wirkung. «Minder hat die Unternehmenswelt verändert», sagt Frick in Anspielung auf die vom Volk angenommene Abzockerinitiative. Die Diskussion um Frauenquoten sei unüberhörbar, meint Hofstetter.

Protestieren mit Aktienverkauf

Nicht alle Anliegen stossen beim Wirtschaftsdachverband aber auf Gehör. Das Prinzip «one share, one vote» (eine Aktie, eine Stimme) sucht man im neuen «Swiss Code» noch immer vergeblich. Gemäss Hofstetter gibt es keine wissenschaftliche Evidenz dafür, dass Unternehmen, die diesem Prinzip folgen, erfolgreicher sind. Er sagt es als Verwaltungsrat eines Unternehmens, in dem die Aktionärsgruppe um die Familien Schindler und Bonnard mit gut 40 Prozent des Kapitals 70 Prozent der Stimmen kontrollieren. «Bei Publikumsgesellschaften haben Aktionäre die Möglichkeit, ihre Beteiligungen jederzeit zu veräussern», sagt Hofstetter an anderer Stelle. Tatsächlich ist niemand verpflichtet, Aktien von Schindler zu halten.

Erstellt: 29.09.2014, 22:53 Uhr

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