Der Ur-Schmidheiny

Der St. Galler Jacob Schmidheiny gründete die Dynastie, welche aus der Holcim einen Weltkonzern gemacht hat.

Am Anfang des grossen Reichtums war eine grosse Armut: Holcim-Werk in Siggenthal AG.

Am Anfang des grossen Reichtums war eine grosse Armut: Holcim-Werk in Siggenthal AG. Bild: Reuters

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Staunten die Kinder still, 1862 in der Realschule zu Berneck im St. Galler Rheintal? Oder kicherten sie, als der 24-jährige Mann sich mitten unter sie setzte, ein Weber, der seine Schulbildung nachholen wollte?

Jedenfalls ist dies ein entscheidender Moment im Leben des 1838 geborenen Jacob Schmidheiny – da will einer höher hinaus, als ihm zugedacht ist als Spross des Dorfschneiders von Balgach.

Nachdem Schmidheiny die Realschule geschafft hat, steigt er zum Ziegelfabrikanten auf. Und er begründet eine Familiendynastie von erstrangiger Bedeutung in der Schweizer Industriegeschichte. Seine Nachfahren werden die weltweite Zementgigantin Holcim aufbauen, die jetzt Schlagzeilen macht: Fusion mit der Konkurrentin Lafarge.

Am Anfang des grossen Reichtums ist eine grosse Armut. Schneider Schmidheiny hat das Geld nicht, dem Sohn die Operation zu zahlen, mit der eine tiefe Pockenwunde an der Ferse zu heilen wäre. Jacob Schmidheiny leidet beim Gehen starke Schmerzen und hinkt.

Früh muss er die Schule verlassen und Geld verdienen. In Trogen AR macht er die Weberlehre, findet Arbeit in der Seidenweberei Sorntal in Waldkirch SG. Dort allerdings kann er nicht vorwärtskommen, weil ihm das Schulzeugnis fehlt.

Als es endlich doch vorliegt, wird er in jungen Jahren Direktor in Sorntal. Doch das reicht ihm nicht, er will sein eigener Herr sein. Er kündigt, lässt sich den Fuss operieren, kauft mit seinem letzten Geld eine stillgelegte Hafnerei im Rheintal zwischen Balgach und Rebstein, stellt ein paar Webstühle hinein. Das Geschäft läuft recht gut.

Unweit wohnt auf Schloss Heerbrugg ein deutscher Professor. 1867 kauft ihm Schmidheiny, der für die Anzahlung Geld pumpen musste, das heruntergekommene Anwesen ab samt dem Ziegelfabriklein am Schlosshügel.

Der Weber arbeitet sich schnell in das Ziegelmetier ein. Schmidheiny ist hartnäckig. Ein Tüftler. Einer, der mit seinen Arbeitern isst und von ihnen die Details der Arbeit lernt. Er erfindet denn auch Bahnbrechendes. Etwa den «mehrfachen Kollergang»; gemeint ist ein leistungsfähiger Knetapparat, der Lehm und Mergel gleichmässig verarbeitet. Ein Grosserfolg: Halb Europa kauft die Maschine.

Bei alledem vergisst Schmidheiny, der Fabrik um Fabrik zukauft und um 1900 gegen 25 Millionen Ziegel pro Jahr herstellt, nie seine Umgebung. Als Gemeindepolitiker und Kantonsrat über 14 Jahre leistet er vieles. Er hat sozialen Sinn, befürwortet etwa höhere Lehrerlöhne und sagt in der Debatte, er werde diese notfalls aus dem eigenen Sack zahlen. Der Feuerwehr schenkt er eine Hochdruckwasserleitung samt Hydrantennetz. 1897 lanciert er die Strassenbahn von Altstätten nach Berneck, die erst 1940 von den Autos verdrängt wird.

Mit Elise Kaufmann, einer Toggenburgerin, die es als Kind auch nicht leicht hatte, hat Schmidheiny zwei Söhne gezeugt. 1905 bricht er in der Ziegelfabrik im Espenmoos in St. Gallen tot zusammen – Herzanfall. Die Söhne Ernst und Jacob II. wollten die Nachfolge ursprünglich gar nicht antreten. Ihr Vater hat es in seinen letzten Jahren aber geschafft, sie zu bekehren.

In einem Brief hat er ihnen beschieden, warum er sein Leben lang gekrampft hat: «Ich habe nicht für ein bisschen Wohlleben also gearbeitet, sondern um unser Haus wohl zu begründen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.04.2014, 06:57 Uhr

Jacob Schmidheiny.

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