Porträt

Der Verleger mit dem eigenen Raumschiff

Amazon-Gründer Jeff Bezos prophezeit der gedruckten Zeitung den schleichenden Tod – nun kauft er sich die altehrwürdige «Washington Post». Das Porträt eines ungewöhnlichen Milliardärs.

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Auf den ersten Blick entbehrt die Nachricht nicht einer gewissen Ironie: Als Gründer und Chef von Amazon hat Jeff Bezos wie kaum ein anderer die Verdrängung gedruckter Bücher durch E-Books beschleunigt. «In zwanzig Jahren wird es keine gedruckten Zeitungen mehr geben», sagte Bezos zudem vor einem Jahr in einem Interview mit der «Berliner Zeitung». Jetzt kauft er sich die «Washington Post».

Immerhin passt die Business-Philosophie des 49-Jährigen perfekt zum heutigen Zustand der Branche in Amerika: Er ist bereit, jahrelange Durststrecken in Kauf zu nehmen.

Zudem ist Bezos nicht darauf angewiesen, dass die «Washington Post» ihn reicher macht. Die 250 Millionen Dollar, die er für eine der berühmtesten Zeitungen der Welt bezahlte, machen höchstens ein Prozent seines geschätzten Vermögens aus.

Die Reise ins All ist sein Traum

Sein Interesse an der Medienwelt offenbarte Bezos erstmals im Frühjahr, als er fünf Millionen Dollar in die Website «Business Insider» investierte, einen Blog, der Wirtschaftsberichterstattung mit klickträchtigen Schlagzeilen praktiziert.

Davor war vor allem die Raumfahrt als Hobby und Leidenschaft des quirligen Milliardärs bekannt. Er versucht, Reisen ins Weltall auf die Beine zu stellen, eigenes Raumschiff inklusive. Ein Prototyp stürzte bei einem unbemannten Testflug ab. Bezos bleibt aber dran und scheute in der Zwischenzeit keine Mühen, um Triebwerke der Trägerrakete von Apollo 11 vom Meeresgrund zu heben.

Mit seinem Tagesjob bei Amazon und dem Raumfahrthobby ist Bezos bereits gut ausgelastet. Das liess er seine neuen Angestellten auch sofort wissen: «Ich werde die ‹Washington Post› nicht im Tagesgeschäft führen.»

Zugleich kündigte er Veränderungen an: Durch das Internet sei alles im Wandel, und es gebe keine Karte für den Weg in die Zukunft. «Wir werden experimentieren müssen.»

Ein Stuhl für den imaginären Kunden

Bezos' Führungsstil bei Amazon ist so eigenwillig wie kontrovers. Man erzählt, er lasse in Besprechungen oft einen Stuhl frei – für den imaginären Kunden. In den klammen Anfangsjahren wurden kurzerhand Türen zu Schreibtischen umfunktioniert, Topmanager müssen alle paar Jahre an die Telefon-Hotline. Wachstum geht vor Gewinn, selbst wenn es schwarze Zahlen gibt, sind sie für ein Unternehmen dieser Grösse eher symbolisch.

Bezos, der als Kind viel Zeit auf der Ranch seines Grossvaters in Texas verbrachte, gründete Amazon 1994. Die Firma überlebte das Platzen der Internetblase vor über zehn Jahren und ist heute der weltgrösste Onlinedetailhändler.

«Ich habe in meinen Jahren im Geschäft gelernt, dass es am gefährlichsten ist, sich nicht von den anderen zu unterscheiden», sagte Bezos in einem Interview. «Wir wollen Sachen erfinden, die den Leuten anfangs ungewöhnlich vorkommen – aber einige Jahre später für alle normal sind.» (fko/sda)

Erstellt: 06.08.2013, 09:05 Uhr

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