Der Zauber der «Voodoo-Wirtschaft»

Nobelpreisträger Joseph Stiglitz bezeichnet die Spanien-Hilfe als «Voodoo-Ökonomie». Der Begriff taucht immer dann auf, wenn wie durch Zauber eine schwierige Wirtschaftslage überwunden werden soll.

Bezeichnet das Hilfsprogramm für Spanien als Voodoo-Zauber: Der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz. (Archivbild)

Bezeichnet das Hilfsprogramm für Spanien als Voodoo-Zauber: Der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz. (Archivbild) Bild: Keystone

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Kein Geringerer als Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz hat das europäische Hilfsprogramm für Spaniens Banken gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters als «Voodoo-Ökonomie» kritisiert. Ein anderer Wirtschaftsnobelpreisträger benutzt den Begriff auch gerne: «Der Budgetplan der republikanischen Partei ist kein gut gemeinter Versuch, Amerikas öffentliche Finanzen in Ordnung zu bringen. Es ist Voodoo-Ökonomie mit einer zusätzlichen Portion Fantasie und einer grossen Portion Kleinlichkeit», schrieb Paul Krugman etwa am 11.April 2011 in seiner Kolumne für die «New York Times».

Täuschung statt Theorie

«Voodoo-Wirtschaft» wird im angelsächsischen Raum bewusst abschätzig gebraucht, um die sogenannte angebotsorientierte Wirtschaftspolitik in Verruf zu bringen. Der Begriff lehnt sich an die kreolische Religion an, in der weisse und schwarze Magie eine Rolle spielen. So soll betont werden, dass die angebotsorientierte Wirtschaftspolitik eher auf Zauber und Täuschung basiert denn auf realistischen Annahmen und stichhaltiger Theorie.

Erstmals in den Mund genommen hat «Voodoo-Wirtschaft» George Bush senior, 1989 bis 1993 Präsident der USA und Vater von Präsident George W.Bush. Als Bush im Jahr 1980 im republikanischen Vorwahlkampf gegen Ronald Reagan in einer Debatte antrat, sagte er zu Reagans Wirtschaftspolitik: «Es wird schlicht nicht funktionieren.» Und weiter: «Ich nenne das eine Politik der Voodoo-Ökonomie.» Diese Aussage sollte ihn später als Vizepräsident unter Reagan noch oft heimsuchen.

Zauber soll spanische Banken und die Regierung retten

Bush kritisierte mit «Voodoo-Wirtschaft» das Versprechen von Reagan, Steuern senken und gleichzeitig mehr Steuern einnehmen zu wollen. Als Anhänger der angebotsorientierte Wirtschaftspolitik glaubte Reagan, dass Steuererleichterungen einerseits die Reichen dazu anspornen würden, das übrig gebliebene Geld wieder zu investieren. Anderseits sollten die niedrigeren Steuern die Produktivität steigern, da am Ende des Monats mehr Geld zur Verfügung hätte, wer mehr arbeitete. All dies würde die Wirtschaft ankurbeln und die Steuereinnahmen erhöhen. Als US-Präsident setzte Reagan diese Politik um, die später als Reaganomics» bekannt wurde.

Bemerkenswerterweise hat Nobelpreisträger Stiglitz mit Blick auf den Rettungsplan für Spanien dieselben Wort gebraucht wie einst Bush senior: «Es wird nicht funktionieren, und es funktioniert nicht.» Den Zauber sieht Stiglitz darin, dass die spanische Regierung mit dem Geld des europäischen Rettungsschirms die spanischen Banken retten soll und die spanischen Banken die spanische Regierung.

Stattdessen fordert der Berater des früheren US-Präsidenten Bill Clinton, Europa müsse die Schaffung eines gemeinsamen Bankensystems und einer Steuerunion vorantreiben. Stiglitz: «Man muss sich dem zugrunde liegenden Problem stellen, und das ist: das Wachstum zu fördern.» Der 69-Jährige ist dafür bekannt, staatliche Impulsprogramme zu befürworten, um damit die Konjunktur anzukurbeln.

Der Erfolg von Reaganomics und damit der «Voodoo-Wirtschaft» wird nach wie vor kontrovers diskutiert. In der Tat wuchs die US-Wirtschaft unter Reagans Präsidentschaft. Für Kritiker hat dies aber nichts mit Magie zu tun, sondern mit der natürlichen Erholung der Wirtschaft nach einem Jahrzehnt der Rezession. Tatsache ist aber auch, dass unter Reagan die Staatsverschuldung von 900 Milliarden auf 2,7 Billionen Dollar gestiegen ist.

Erstellt: 12.06.2012, 12:38 Uhr

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