Hintergrund

Der andere Pferdefleischskandal

Falsch deklarierte und mit Pferdefleisch versehene Lasagnen sind eine Sache. Noch schlimmer, wenn das Fleisch von Tieren stammt, die unter grausamen Umständen lebten. Neue Enthüllungen belasten die Branche schwer.

Auf dem Weg zur Schlachtung: Das Zwischenlager der US-Schlachtpferde in Montana vor dem letzten Transport zum kanadischen Schlachthof Bouvry.

Auf dem Weg zur Schlachtung: Das Zwischenlager der US-Schlachtpferde in Montana vor dem letzten Transport zum kanadischen Schlachthof Bouvry. Bild: TSB/Keystone

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Neue Belege für tierschutzwidrige Verhältnisse bei der Pferdefleischproduktion in Nord- und Südamerika verstärken jetzt den Druck auf die Detailhändler, sich des Problems anzunehmen. Vor bald einem Jahr berichteten die Konsumentensendung «Kassensturz» und der «Tages-Anzeiger» erstmals darüber; Fernsehbilder, die Vertreter des Tierschutzbundes Zürich (TSB) in Übersee aufgenommen hatten, schockierten Konsumentinnen und Konsumenten. Pferdefleisch aus tierquälerischer Produktion lag damals in den Verkaufsregalen fast aller Schweizer Detaillisten.

Die Recherchen der Tierschützer vor Ort verfehlten ihre Wirkung nicht: Viele Detaillisten nahmen die Pferdesteaks und Mostbröckli aus den Regalen. Vertreter der Migros fuhren zum Produzenten nach Kanada. Die Migros ist seither daran, die Bedingungen für die Schlachtpferde im Schlachthof Bouvry und in der ganzen Produktionskette zu verbessern. Nicht betroffen vom Skandal war einzig Coop, da der Grossverteiler kein Pferdefleisch aus Übersee importiert.

Wirkung hielt nicht lange an

Die Wirkung der Tierschutz-Recherchen hielt indes nicht lange an: Einzig Lidl und Volg verzichten seither auf Pferdefleisch. Die Migros hingegen verkauft längst wieder Pferdesteaks aus Übersee, genauso wie Denner, Aldi, Spar und Avec. Neben Kanada produzierten im letzten Jahr auch Argentinien, Mexiko und Uruguay für Schweizer Detailhändler. Aber auch die Tierschützer blieben am Ball: Jetzt veröffentlichen sie neue Recherchen und Dokumente, die zeigen, dass sich an der Tierquälerei von Schlachtpferden in Nord- und Südamerika nichts geändert hat.

«Noch immer werden kranke, verletzte und schwache Tiere über Tage ohne jede Versorgung transportiert und bleiben in den Sammelstellen und Mastanlagen sich selbst überlassen», sagt TSB-Projektleiterin Sabrina Gurtner. «Für Pferde, die zum Teil für bloss neun Dollar auf Auktionen in den USA an sogenannte Kill Buyers verkauft werden, ist auch nur die rudimentärste medizinische Versorgung nicht einkalkuliert.»

Nach langen Transporttorturen, die in der Schweiz und in der EU gesetzeswidrig wären, landen die Pferde entweder direkt im kanadischen Schlachthof Viande Richelieu, von dem Aldi seine Pferdesteaks bezieht, oder in den Mastanlagen des kanadischen Schlachthofs Bouvry Exports, der über den Schweizer Zwischenhändler Skin Packing Migros, Denner, Spar und Avec beliefert.

Tote Stute und verendetes Fohlen

In einer Mastanlage von Bouvry fanden die Tierschützer bei ihrem Augenschein vor Ort im letzten Oktober unter anderem eine bereits seit mehreren Tagen tote Stute mit ihrem wohl bei der Geburt ebenfalls gestorbenen Fohlen. In einem Video zur Thematik haben die mit befreundeten Organisationen in Europa und Übersee zusammenarbeitenden Tierschützer auch diesen krassen Fall dokumentiert. «Aus ebendiesem offensichtlich kaum überwachten Pferch bezieht die Importfirma Skin Packing ihr Pferdefleisch unter anderem auch für Migros und Spar», so Sabrina Gurtner.

«Die im Video zu sehenden Bilder sind schrecklich und werden von der Migros nicht toleriert», erklärt Migros-Mediensprecherin Martina Bosshard. «Unser Ziel ist es aber, nicht nur die schlimmsten Missstände zu verhindern, sondern gemeinsam mit unserem Lieferanten eine verantwortungsvolle Pferdemast aufzubauen, welche die Schweizer Tierschutzbestimmungen nahezu erfüllen kann.» In diesem Sommer soll zu diesem Zweck speziell für die jährlich rund 13'000 Migros-Schlachtpferde in Bouvry auch eine neue, tiergerechtere Anlage eröffnet werden.

Konsum ist eingebrochen

Denner, Aldi, Spar und Avec verweisen punkto Verantwortung fürs Tierwohl auf ihre Lieferanten und Importeure. Die GVFI, der grösste Schweizer Pferdefleischimporteur, verspricht ein neues Zertifizierungsverfahren und erste Kontrollbesuche des Warenprüfkonzerns Société Générale de Surveillance (SGS) dazu ab Juli 2014. Ziel sei es, nur noch Pferdefleisch zu importieren, das mit Ausnahme der Transport-Zeitlimiten Schweizer Tierschutznormen entspricht.

So lange mögen viele Konsumenten anscheinend nicht warten: Schon nach den ersten TSB-Recherchen wurde im letzten Jahr 15,7 Prozent weniger Pferdefleisch in die Schweiz importiert. Der Konsum in Privathaushalten ging insgesamt sogar um 25 Prozent zurück. «Diese Reaktion der Konsumentinnen und Konsumenten freut uns. Unser Ziel bleibt es aber, dass alle Schweizer Detaillisten vollständig auf tierquälerisch produziertes Pferdefleisch aus Übersee verzichten», erklärt TSB-Präsident York Ditfurth.

Erstellt: 12.03.2014, 06:59 Uhr

Schockierende Bilder von schlecht gehaltenen Pferden. (Video: Tierschutzbund Zürich (TSB) und befreundete Organisationen)

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