Hintergrund

Der beliebteste Homeoffice-Tag

Ein Pilotversuch der Credit Suisse mit 800 Angestellten hat ergeben, an welchem Tag gerne zu Hause gearbeitet wird – und an welchen nicht.

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Verstopfte Züge, chronische Verspätungen zu den Stosszeiten: Der öffentliche Verkehr stösst an seine Grenzen. Mit Massnahmen wie dichteren Fahrplänen, kürzeren Stopps oder teuren Perronverlängerungen versuchen SBB & Co., dem Gegensteuer zu geben. Eine andere Lösung, um die zunehmenden Pendlerströme in den Griff zu bekommen, könnten flexiblere Arbeitszeitmodelle sein – etwa in der Form von Homeoffice.

Dazu hat das Forum «Zukunft urbane Mobilität» (ZuM) diesen Herbst einen Pilotversuch mit der Credit Suisse durchgeführt (Details siehe Box links). Wegen der grossen Anzahl Mitarbeiter wurde der Zürcher Standort Uetlihof ausgewählt. 800 Angestellte arbeiteten während eines Monats an selber ausgewählten Tagen von zu Hause aus. In dieser Zeit wurden an den ÖV-Haltestellen rund um den Uetlihof teils klar weniger ein- und aussteigende Personen registriert (siehe Bildstrecke). Der grösste Unterschied ist am Montag feststellbar: An diesem Tag nahm der Pendlerverkehr während des Versuchsmonats am meisten ab. Die unbeliebtesten Tage fürs Homeoffice sind Mittwoch und Donnerstag. An den Haltestellen nahe des CS-Handelsgebäudes waren die Pendlerströme im Versuchsmonat praktisch gleich hoch wie gewöhnlich.

Kulturwandel in den Unternehmen nötig

Laut den SBB liessen sich in ihrem System mehrere Hundert Millionen Franken pro Jahr einsparen – falls es gelänge, die Zahl der Pendler am Morgen und am Abend um fünf bis zehn Prozent zu senken (wir berichteten). Ein Grossteil der möglichen Einsparungen wäre laut den SBB möglich, weil man manche Ausbauprojekte wegen des Pendlerverkehrs zumindest aufschieben könnte.

Die Hoffnungen auf weniger Pendlerverkehr sind berechtigt: Der Wunsch nach mehr Arbeiten von zu Hause aus ist eindeutig. So möchten 92 Prozent der Projektteilnehmer der Credit Suisse gerne häufiger zu Hause arbeiten können. 66 Prozent der Versuchsteilnehmer könnten sich einen Tag pro Woche gut vorstellen. Ob dies hilft, die immer noch vielen skeptischen Vorgesetzten für die neuen Arbeitsformen zu begeistern? Brigit Wehrli-Schindler, Leiterin des «ZuM»-Pilotprojekts, sagt dazu: «Es ist weit mehr möglich, als heute getan wird. Doch es ist ein Kulturwandel in den Unternehmen nötig.»

Flexible Arbeitszeitmodelle gefragt

Und was macht die Credit Suisse nun daraus? «Die Auswertungen werden nun von unserer Seite vertieft analysiert», so Mediensprecherin Daniela Häsler auf Anfrage. Die Credit Suisse biete jedoch schon seit Jahren flexible Arbeitszeitmodelle wie Teilzeitarbeit, Jobsharing oder Arbeit von zu Hause aus an. Dies überall dort, wo es betrieblich möglich und sinnvoll sei. Laut Häsler verfügen viele Mitarbeiter bereits heute über Geschäfts-Laptops.

Die ÖV-Haltestellen rund um die Standorte des Rückversicherers Swiss Re dürften bereits heute weniger ausgelastet sein als noch vor einigen Jahren. Mitarbeiter können seit vielen Jahren von zu Hause aus arbeiten – mittels Notebook und mit einer Datenverbindung zum Netzwerk der Firma. «Viele nutzen diese Möglichkeit bei Arbeitsphasen, die hohe Konzentration verlangen», sagt Sprecherin Brigitte Meier auf Anfrage. «Homeoffice erfolgt bei uns jeweils in Absprache mit dem Vorgesetzten und dem Team.» Tatsache sei, dass nicht jede Arbeit dafür geeignet ist.

Bei Swiss Re soll die individuelle Art zu arbeiten – dazu gehört auch das Büro zu Hause – weiter gefördert werden. So wurde dieses Jahr die Initiative «Own the way you work» vom Topmanagement vorangetrieben. In dieser geht es darum, dass die Mitarbeiter selbstständig darüber entscheiden können, wann, wie und wo sie ihre Aufgaben am besten erfüllen. So sollen unterschiedliche Arbeitsmodelle angewendet werden. Im Vordergrund stehen Resultate und Effizienz, weniger die Präsenzkultur. «Die Flexibilisierung der Arbeit erfordert ein gesundes Vertrauensverhältnis», sagt Sprecherin Meier.

Erstellt: 27.11.2012, 10:26 Uhr

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Pilotversuch bei der Credit Suisse

Diesen Herbst nahm die Credit Suisse an einem Homeoffice-Versuch teil. 800 Mitarbeiter des Standorts Uetlihof in Zürich, davon 70 Prozent Männer, beteiligten sich am Pilotprojekt des Forums «Zukunft urbane Mobilität».

Bei diesem bringen sich unter anderem Stadt und Kanton Zürich sowie Vertreter aus Wirtschaft und Wissenschaft ein. Untersucht wurde die Auswirkung auf die Verkehrsbelastung durch Pendler, aber auch der Einfluss des Homeoffice auf die Mitarbeiter.

Während eines Monats arbeiteten die Teilnehmer an so vielen Tagen von zu Hause aus, wie sie wollten respektive wie es sich mit dem Team vereinbaren liess.

Zwei Drittel der Teilnehmer gaben an, zu Hause konzentrierter und effizienter zu arbeiten. Als weitere Vorteile nennen sie den Wegfall des Arbeitswegs, mehr Präsenz zu Hause für die Familie – etwa während der Mittagspause –, und dass man die Umwelt weniger belastet habe. Doch gut die Hälfte der Teilnehmer erlebte auch die eine oder andere Schwierigkeit: Die Arbeitskollegen werden vermisst, oder man wird durch Familienmitglieder, etwa kleine Kinder, gestört. Zwei Prozent der Teilnehmer geben zudem an, dass sie ihre Arbeit nur im Büro erledigen können (siehe Bildstrecke).

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