Der grosse Bruch zwischen Credit Suisse und NZZ

Das Verhältnis der Institutionen ist zerrüttet. Eine Chronik der Entfremdung.

Es gibt niemanden, der das zerschlagene Porzellan ­kitten könnte: Credit-Suisse-Chef Tidjane Thiam (l.) und NZZ-Chefredaktor Eric Gujer. Fotos: Getty, Reto Oeschger

Es gibt niemanden, der das zerschlagene Porzellan ­kitten könnte: Credit-Suisse-Chef Tidjane Thiam (l.) und NZZ-Chefredaktor Eric Gujer. Fotos: Getty, Reto Oeschger

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Zwar liegt die Zürcher Falkenstrasse nur einen guten Kilometer vom Paradeplatz entfernt. Doch derzeit scheint es, als befänden sich die «NeueZürcher Zeitung» (NZZ) und die Credit Suisse auf zwei unterschiedlichen ­Planeten. Mit der Beschattungsaffäre um den Banker Iqbal Khan hat das Verhältnis zwischen den beiden Zürcher Institutionen einen Tiefpunkt erreicht.

Das geschah kurz vor Weihnachten. Die NZZ veröffentlichte eine dreitei­lige Serie, in der sie den Fall detailreich nacherzählte und als Primeur die ­Beschattung eines zweiten Managers enthüllte. Zum Abschluss griff Wirtschaftschef Peter Fischer in die Tasten und ­zielte direkt auf Konzernchef ­Tidjane Thiam.

Wenn der Verwaltungsrat es ernst meine mit dem «beschworenen Bild einer vertrauenswürdigen Institution», dann müsse er «beherzter eingreifen». Es gehe um nicht weniger als um die «Wiederherstellung der Glaubwür­digkeit». Er schloss mit den Worten: «­Tidjane Thiams Tage bei der CS ­sollten gezählt sein.» Dass die NZZ un­verblümt den Rücktritt eines CS-Chefs fordert, ist wohl einmalig in der langen Geschichte der beiden Zürcher Institutionen. Eine ähnlich scharfe Rücktritts­forderung gab es bisher nur einmal. ­Fischers Vorgänger senkte 2008 den Daumen über Marcel Ospel. Doch der war Chef der UBS. Da gab es nie eine sonderlich enge Verbindung.

Eklat während Interview mit Thiam im Jahr 2015

Was also ist in die «alte Tante» ­gefahren? Für Kenner der Vorgänge kommt der Bruch weniger über­raschend. Bereits einmal gab es eine ­Rücktrittsforderung, wenn auch eine verschleierte. In Nachgang zur USA-Steueraffäre machte die Zeitung eine «unterentwickelte Rücktrittskultur» im Schweizer Bankwesen aus – ohne ­Namen zu nennen. Wer gemeint war: CS-Verwaltungsratspräsident Urs Rohner.

Ein Jahr später wurde Tidjane ­Thiam an die Spitze der Bank berufen. Er unterzog das Institut einer Rosskur, ­entliess überbezahlte Investmentbanker – was vor ihm keiner geschafft ­hatte. Er räumte auch mit anderen Traditionen auf: Unter anderem strich er der NZZ den privilegierten Zugang zur Chef­etage. Interviewanfragen, die stets ohne Vorbehalte bewilligt worden waren, wurden nun abgelehnt.

Zu einem eigentlichen Eklat kam es während eines Interviews mit Thiam im Jahr 2015. Als die Journalisten mehrere Fragen zum Aktienkurs stellten, wurde es Thiam zu viel. Er soll laut geworden sein. Das Interview musste abgebrochen werden. Die Redaktoren fühlten sich eingeschüchtert.

War das eine dieser «cholerischen Reaktionen», die Fischer ­später in einem Leitartikel erwähnte? Fakt ist: Seither ist nichts mehr wie vorher. Und seither ist auch kein weiteres Interview mit Thiam in der NZZ erschienen. Wie mehrere Quelle bestätigen, hat dieser Vorfall eine Kränkung hervorgerufen, welche die Zeitung bis ­heute nicht überwunden hat. Das ­letzte grosse Interview mit einem Topmanager der Bank erschien im ­Februar des letzten Jahres: mit Verwaltungsratspräsident Urs Rohner. Geführt wurde es nicht von der Wirtschaftsredaktion, sondern vom Feuilleton-Chef.

Gesinnungswandel unter Tidjane Thiam

Ressortleiter Fischer erklärt die ­Situation so: «Als unabhängige Wirtschaftsjournalisten stehen wir einem Unternehmen nicht nahe oder fern, wir beobachten es ­möglichst genau und von nahe, sammeln Informationen und geben dann, falls nötig, unser ­unabhängiges Urteil über Vorgänge ­darin ab.» Das habe auch sein ­Vorgänger Gerhard Schwarz so gemacht, allenfalls unterscheide man sich im Stil. Zum Interviewabbruch nimmt Fischer keine Stellung.

Früher wären solche Angriffe gegen die CS aber undenkbar gewesen, zu eng waren die perso­nellen Verflechtungen. Spitzenvertreter der Grossbank sassen im Verwaltungsrat der Zeitung, Wirtschaftsredaktoren wechselten in die Kommunikationsabteilung der Grossbank.

FDP-Urgestein Ulrich Bremi präsidierte den NZZ-Verwaltungsrat zwischen 1988 und 1999. ­Bremi war nicht nur die dominierende Figur in der Zürcher FDP, sondern auch ein Mann der Wirtschaft. Er stand an der Spitze der aus der CS hervorgegangenen Swiss Re und sass zwischen 1985 und 1999 auch im Verwaltungsrat der Grossbank. Er war eng verbunden mit Rainer E. Gut, dem langjährigen Lenker und heutigen Ehrenpräsidenten der CS.

«Jornod und dem CEO käme es nicht in den Sinn, in die Wirtschaftsberichterstattung hineinzufunken.» Vertrauter aus dem Umfeld der Verwaltungsrats

Dass die Bank durchaus in der Lage war, die NZZ für publizis­tische Zwecke zu nutzen, sagte Gut selbst einmal in einem Interview. Nach seiner missglückten versuchten Übernahme der Bankgesellschaft prasselte heftige Kritik auf ihn nieder. Er fühlte sich miss­verstanden, doch irgendwo müsse die «Wahrheit» doch angemeldet ­werden. «Deshalb stellte ich – was ich sonst nie tue – der NZZ den Brief zur Verfügung, den ich ­hinterher dem SBG-Verwaltungsrat schrieb.»

Walter Kielholz, Swiss-Re-Präsident und früher jahrelang an der Spitze der CS, sollte nach dem abrupten Rücktritt von Konrad Hummler neuer NZZ-Präsident werden. Viele Aktionäre, die dem traditionellen Zürcher FDP-Teig zuzuordnen sind, hätten es gerne gesehen, wenn Kielholz das Zepter übernommen hätte. Doch Kielholz nahm sich aus dem Rennen. Stattdessen wurde Etienne Jornod, der heutige Präsident, mit knappem Resultat gewählt.

Die heutige Führungsriege mischt sich nicht mehr in redak­tionelle Belange ein. «Jornod und dem CEO käme es nicht in den Sinn, in die Wirtschaftsberichterstattung hineinzufunken», sagt ein Vertrauter aus dem Umfeld der Verwaltungsrats. Chefredaktor Eric Guyer, der selbst in der Geschäftsleitung sitzt, habe andere Prioritäten. Es gebe niemanden, der das zerschlagene Porzellan ­kitten könne.

Die Credit Suisse ist nicht mehr auf die NZZ angewiesen

Umgekehrt ist die CS längst nicht mehr auf die NZZ a­ngewiesen. Ebenso wenig ist es ­entscheidend, Mitglied in einer Netzwerkorganisation wie der Zunft zur Meisen oder dem Rotary Club zu sein. Die Bank ist mit ­Tidjane Thiam so global aufgestellt wie noch nie.

Das Sagen haben nicht die Anleger aus der Schweiz, sondern der Staatsfonds aus Katar, die saudische Olayan-Gruppe, die norwegische Zentralbank oder die US-Fondsriesen Blackrock und Harris Associates. Zusammen kommen diese auf über 25 Prozent der ­Stimmen. Und sie entscheiden, ob Thiam CEO bleibt. Wie hatte es die NZZ selbst in einem Text ­treffend geschrieben: UBS und CS sind inzwischen die grössten ­Auslandsbanken in der Schweiz.

Eine Verbindung zwischen der Bank und der NZZ besteht allerdings weiterhin: das Zürcher Filmfestival. Die CS ist einer der Hauptsponsoren des Events, das der NZZ gehört. Auf Anfrage will sich die Bank nicht in die Karten blicken lassen, wie lange das so bleibt. «Die Credit Suisse unterstützt das ­Festival seit der ersten Stunde, und wir freuen uns, auch dieses Jahr als Hauptpartner dabei zu sein», so eine Sprecherin. Als Sponsor der Award Night ist die Grossbank ­allerdings ausgestiegen.



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Erstellt: 19.01.2020, 10:23 Uhr

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