Porträt

Der gute Spekulant

Der Zürcher Financier Daniel Aegerter gehört zu einer neuen Generation von reichen Wohltätern vom Schlage Warren Buffett. Mit Prinzipien der Risikokapitalbranche will er die Spendenindustrie umkrempeln.

Prototyp des neuen Philanthropen: Daniel Aegerter.

Prototyp des neuen Philanthropen: Daniel Aegerter. Bild: Yvon Baumann

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Die Hälfte seines Vermögens – laut «Bilanz» zwischen 400 und 500 Millionen Franken – will Daniel Aegerter nicht spenden. Aber die Gebermentalität von Microsoft-Gründer Bill Gates und Financier Warren Buffett hat der Zürcher Unternehmer verinnerlicht. In Argentinien finanziert er ein Entwicklungshilfeprojekt, das Wasserpumpen produziert, um Zugang zu Trinkwasser und Stellen für Jugendliche zu schaffen. Er geht dabei genau gleich vor, wie wenn er Risikokapital für ein technologiebasiertes Start-up-Unternehmen einschiesst. Ob im knallharten Beteiligungsgeschäft oder in der Entwicklungshilfe, die Zielvorgabe ist dieselbe: «Der Return on Investment muss stimmen.» Bei gemeinnützigen Projekten heisst das: Die soziale Wirkungskraft muss möglichst gross sein.

Milliardär im Alter von 30

Aegerter steht prototypisch für die neue Generation der sogenannten Venture Philanthropen: Es sind meist Leute, die in der Internet- und Computerbranche oder in der Finanzindustrie so unverschämt viel Geld verdient haben, dass sich für sie schon früh die Sinnfrage stellte. Ausgestattet mit dem nötigen Kleingeld und viel persönlichem Effort machen sie sich an die Lösung sozialer Probleme. Wie Gates und Buffett stand auch der Schweizer Selfmade-Mann schon weit oben auf der Liste der Superreichen: Als 30-Jähriger verdiente Aegerter beim Verkauf seiner Firma Tradex Technologies eine Milliarde Franken. Das katapultierte ihn unter die Top 40 der weltweit Reichsten unter 40 Jahren. Seither verwaltet er das Vermögen seiner Familie und investiert es unter anderem im Private-Equity- und Venture-Capital-Markt.

Mit dem klassischen Spender, der sein Geld mit dem Scheckbuch verteilt, kann Aegerter nichts anfangen: Wenn die Zürcher Wirtschaftselite am Zoo-Fäscht das neue Flamingogehege mit einer Million unterstützt, diene das vor allem der Beruhigung des schlechten Gewissens. «Verantwortung zu übernehmen, heisst für mich nicht nur Geld zu geben, sondern auch dafür zu sorgen, dass das Geld richtig eingesetzt wird», sagt er. Wie bei profitorientierten Investitionen, bedinge dies aber, sich eingehend mit der Materie zu beschäftigen. Nicht immer haben Finanzinvestoren dazu die Zeit: Sie setzen darum Philanthropie-Berater ein, die den sozialen Organisationen Effizienz- und Kostenbewusstsein einimpfen.

«Wer zahlt, befiehlt»

Die Consulting-Firma Social Investors aus dem Zürcher Kreis 5 berät Superreiche wie Daniel Aegerter bei ihren philanthropischen Anliegen. «Wer im sozialen Bereich etwas bewegen will, muss mindestens so viel Effort zeigen wie bei unternehmerischen Vorhaben», sagt Patrick Frick, einer der Gründer des Unternehmens. Schnellschüsse und Alleingänge von unerfahrenen Philanthropen gehen laut Frick meistens schief: «Es braucht viel Expertise und Netzwerkkenntnisse, um etwas bewegen zu können.»

Hier setzten die Social Investors an: Für ihre Kunden suchen Patrick Frick und sein Partner Werner Blatter rund um den Globus nach geeigneten Hilfsprojekten. Sie coachen die Organisationen, welche die Projekte umsetzen, vor Ort und pochen auf die Einhaltung der Ziel- und Budgetvorgaben.

Die Nonprofitorganisationen erhalten so Zugang zu neuen Geldquellen, aber das hat auch seinen Preis: An die Honigtöpfe der reichen Philanthropen gelangt nur, wer effizient wirtschaftet. Auch im Sozialsektor gilt die Maxime «Wer zahlt, befiehlt». So wird die Überweisung einer Spende etwa von einer Straffung der Organisationsstruktur abhängig gemacht. «Heute nehmen die Geldgeber viel mehr Einfluss als früher», sagt Georg von Schnurbein, Professor für Stiftungsmanagement an der Universität Basel und Verfasser des Berichts «Philanthropie in der Schweiz». Einerseits führe dies zu einer Professionalisierung des Nonprofitsektors. Plötzlich müssen auch Hilfswerke Wachstumsziele definieren und Kostensenkungsprogramme durchziehen. Andererseits vernachlässigt die Fokussierung auf ökonomische Prinzipien aber andere wichtige Aspekte: «Eine Nonprofitorganisation funktioniert nicht wie ein Unternehmen und muss die eigene Mission erfüllen», sagt von Schnurbein. Auch liessen sich nicht alle unternehmerischen Grundsätze eins zu eins anwenden: «Bei sozialen Vorhaben ist es nicht damit getan, einen Businessplan aufzusetzen und zu sagen, in fünf Jahren gehen wir an die Börse und dann ist das Projekt abgeschlossen.» Die Investoren müssten sehr viel mehr Geduld aufbringen, um die Ergebnisse eines Engagements zu sehen, so der Philanthropie-Experte. Diese Geduld fehle vielen Investoren jedoch.

«Die meisten scheitern»

Von Schnurbein räumt auch mit dem Wunschdenken auf, wohlhabende Philanthropen könnten im gemeinnützigen Bereich für die überschuldeten Staaten in die Bresche springen: «Der Staat setzt viel mehr Geld für soziale Leistungen ein, als dies Private je aufbringen können.» Private Wohltäter könnten höchstens punktuell Akzente setzen.

Auch im angelsächsischen Raum zweifeln Experten, ob mit dem unternehmerischen Handwerk der Finanzinvestoren die sozialen Probleme gelöst werden können. Er kenne nur wenige Experimente von Venture Philanthropen, die erfolgreich seien, sagte NGO-Experte Michael Edwards gegenüber dem Wirtschaftsmagazin «enorm». Die Quote derer, die scheitern, sei hoch. Er hält von der wachsenden Bündelung von Reichtum und Macht bei wohltätigen Finanzinvestoren nicht viel: «Die Welt braucht mehr zivilgesellschaftlichen Einfluss auf die Wirtschaft – und nicht umgekehrt.»

Erstellt: 25.10.2010, 23:02 Uhr

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