Der industrielle Visionär mit dem blinden Fleck

Stephan Schmidheiny war ein grosser Industrieller. Wieso er sich mit der Entschädigung von Asbestopfern so schwer tut, bleibt aber sein Geheimnis.

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Suchte man einen Beweis für die Nähe von Gut und Böse, in seiner Person wird man ihn finden. Stephan Schmidheiny war der gute, vielleicht sogar der beste Schweizer Industrielle im 20. Jahrhundert. Der gute Industrielle sah Ende der Siebzigerjahre, weit früher als andere, was auf seine Firmen zukam. Er stieg mit der Eternit-Gruppe aus der Asbestproduktion aus, als sich sein Vater noch weigerte, die medizinischen Erkenntnisse über Asbestschäden in der Lunge überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Er baute Schweizer Traditionsfirmen wie die Wild Heerbrugg, Landis & Gyr, BBC und grosse Teile der Uhrenindustrie um, als andere ihre Firmen nur verwalteten. Er war Mitbegründer der Swatch-Gruppe, die Schweizer Traditionshandwerk mit internationaler Planung der Wertschöpfungskette kombinierte und das Etikett «Swiss made» in der Globalisierung meisterhaft ausspielt.

Stefan Schmidheiny hielt der Schweiz den Spiegel hin, als sie der Globalisierung Ende der Achtzigerjahre noch mit Behäbigkeit und der Lauterkeit ihrer Qualitätsware meinte trotzen zu können. Er wurde in den Neunzigerjahren zum Propheten einer Umstellung der industriellen Produktion – weg von rücksichtsloser Schädigung der Umwelt. Er sah – wiederum früher als andere – die produktive Kraft der Schattenwirtschaft und bewunderte diese Form der Unternehmerinitiative auf tiefem Kosten­niveau. Er bewies Verständnis und Leidenschaft für tiefgründige und innovative Kunst, in einer Zeit, in der schriller Kitsch an internationalen Auktionen und in TV-Shows die höchste Aufmerksamkeit findet. Und er zeigte, dass ihm persönlicher Besitz wenig bedeutet, als er eine Milliarde Franken Privatbesitz in eine Stiftung gab, die kreative Initiativen in seinem Geist über seine Lebenszeit hinaus fördern wird.

Frühzeitig ausgestiegen

Einen interessanteren Gesprächspartner zu dieser Periode der Schweizer Wirtschaftsgeschichte wird man nicht finden. Wer diesen Mann trifft, wird ihn dafür schätzen. Und er wird feststellen, das Stephan Schmidheiny über die andere Seite seines Wirkens nicht gerne redet. Und wenn, dann im Argumentationsmuster, das er seiner Kommunikationsstelle vorgibt und sie ihm – ein fatales Beispiel gegenseitiger Bestätigung: Er war nicht alleiniger Besitzer von Eternit Italia, nicht operativ tätig, er ist aus der schädlichen Asbestproduktion ausgestiegen, bevor sie vom Staat verboten wurde, hat Wiedergutmachung an die Opfer geleistet, wird nun zum Opfer einer politischen Justiz, wird nirgendwo sonst belangt, und das Urteil der unteren Gerichtsinstanz ist nun zu Recht aufgehoben worden.

Es ist indes ein Freispruch zweiter Klasse: Die mögliche Straftat wird nicht beurteilt, weil sie nach 10 Jahren verjährt ist. Das ist bei einem Industrieverfahren, dessen Schäden sich erst nach 20 Jahren und mehr zeigen, nicht nur für die Opfer unbefriedigend. Eine Rest­schuld wird ihm zwar nicht rechtlich, aber moralisch bleiben: Stephan Schmid­heiny liess als massgeblicher Grossaktionär weiterhin Eternit mit Asbestfasern produzieren, als ihm die Schädlichkeit dieser Produktion bewusst geworden war. Das war nicht illegal, aber es setzte die Arbeiterschaft einer weiteren Gefährdung aus und bestätigt das Bild des bösen Industriellen, dem Cashflow und Liquidität wichtiger sind als die Unversehrtheit seiner Arbeitskräfte.

Angst vor dem Vater?

Warum er dies tat, bleibt sein Geheimnis, weil er nicht darüber redet: Scheute er den totalen Bruch mit seinem Vater, der die Asbestgefahr in der erbitterten Auseinandersetzung jener Zeit stets geleugnet hatte und den radikalen Ausstieg als Einknicken vor den Kritikern interpretiert hätte? Wäre Eternit bei einem Unterbruch der Produktion bis zur Umrüstung in Konkurs gegangen und damit alle weiteren anstehenden Herausforderungen beim Umbau der Schweizer Industrie hinfällig geworden?

Stephan Schmidheiny weigert sich bis heute, die Opferfamilien für die damaligen Asbestschäden in seinen Firmen ­angemessen zu entschädigen. Das wird nicht verstehen, wer einen Ange­hörigen mit kaputter Lunge in den Tod hat gehen sehen. Vielleicht hätte Schmidheiny zusätzlich zu den Dutzenden Millionen Franken, die er auf freiwilliger Basis zahlte, auch die Milliarde, die er in seine Stiftung einbrachte, besser den Familien der Asbestopfer zukommen lassen? Auch da wird sein Geheimnis bleiben, warum er dies nicht tat. Womöglich scheute er die damit verbundene öffentliche Anerkennung der Schuld. Womöglich reizte ihn die neue Aufgabe als Pionier der Nachhaltigkeit mehr, als für Altlasten geradezustehen. Oder womöglich hält er sich tatsächlich für unschuldig.

Wir wissen es nicht. Wir lernen nur, dass Gut und Böse auch bei einem Vorzeigeindustriellen näher zusammenliegen, als uns die modernen Kitscherzählungen glauben machen.

Erstellt: 20.11.2014, 00:18 Uhr

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