Porträt

Der liebe «Lüch», eine logische Wahl für den «Blick»

Warum René Lüchinger perfekt zu seinem neuen Arbeitgeber passt.

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Über den «Lüch» verliert niemand ein schlechtes Wort. «Der Lüch! So gut!» Oder: «Der Lüch, sensationell!» Das sagen die Leute über René Lüchinger, den neu ernannten Chefredaktor des «Blicks». Ein allseits beliebter, «gmögiger» Chefredaktor an der Spitze der einzigen Boulevardzeitung der Schweiz? Ist das die richtige Wahl? Genau die richtige. Der 54-jährige Historiker begann seine journalistische Laufbahn bei der rechten Presseagentur Schweizerische Politische Korrespondenz und heuerte 1989 bei der «Bilanz» an. 1995 wechselte er zum Gründungsteam des Magazins «Facts», das er ab 1997 als Chefredaktor leitete. Von 2000 an führte er seine eigene Firma Lüchinger Publishing, bis er 2003 als Chefredaktor zur «Bilanz» gerufen wurde. 2007 ging er wieder, um seither als Buchautor zu arbeiten. Während seiner Karriere schrieb Lüchinger rund ein Dutzend Bücher, darunter Bestseller zum Swissair-Untergang genauso wie Auftragsbiografien über Wirtschaftsgrössen.

Nah an den Mächtigen

Als Wirtschaftsjournalist war Lüchinger stets nah an den Reichen und Mächtigen. Zu nah, sagen manche, und es gibt Indizien, die darauf schliessen lassen, dass «Lüch» damit begann, den journalistischen Imperativ der Unabhängigkeit zugunsten des wirtschaftlichen Imperativs des Deals zu vernachlässigen. So etwas ist ein schleichender Prozess, aber es gibt einen manifesten Bruch in Lüchingers Karriere: Am 26. August 1999 veröffentlichte «Facts» unter Chefredaktor Lüchinger eine Geschichte, die suggerierte, der freisinnige Bundesrat Kaspar Villiger sei die Figur eines Freiers im Roman der Berner Edelprostituierten Rita Dolder. Die Geschichte stimmte nicht, Lüchinger musste sich entschuldigen. Das Nachrichtenmagazin erholte sich vom Glaubwürdigkeitsverlust nicht mehr, und Lüchinger demissionierte Ende 2000.

Der Wechsel vom Journalismus ins Corporate Publishing ist bei Schweizer Chefredaktoren nichts Ungewöhnliches. Ein Wechsel zurück ist seltener, und Lüchinger ist ein Paradebeispiel für den Grund dafür: Er kann nicht gelingen, zu sehr hat das Deal-Denken der freien Marktwirtschaft das journalistische Fundament der Unabhängigkeit schon untergraben. Als Lüchinger 2003 die Chefredaktion der «Bilanz» übernahm, verliess er zwar offiziell Lüchinger Publishing. Seine Frau, die die Firma führt, und eine weitere Kollegin in der Agentur erhielten jedoch immer wieder Textaufträge für die Luxus-Ausgaben der «Bilanz». «Das waren ihre Spezialgebiete, die Ressortleiter boten sie auf und zahlten ein normales Honorar», sagt Lüchinger. Er sieht darin kein Problem.

Schon immer, wenn Lüchinger Bücher über Wirtschaftsgrössen schrieb, brachte er Vorabdrucke in der Publikation, bei der er angestellt war. Idealerweise verlegte seine Arbeitgeberin die Werke dann auch. Anders war es bei der Autobiografie von Klaus Jacobs, die er in seiner letzten Phase als Chefredaktor der «Bilanz» schrieb, zusammen mit seiner Frau. Die damalige «Bilanz»-Herausgeberin Jean Frey hatte ausser ein paar Vorabdrucken nichts davon – ausser einen durch Mehrarbeit abgelenkten Chefredaktor.

Nach seinem Abgang bei der «Bilanz» geriet Lüchinger unter Beschuss, weil er als redaktioneller Mitarbeiter der «Weltwoche» ein wohlwollendes Porträt über den abtretenden Coop-Chef Hansueli Loosli schrieb, während Lüchinger Publishing für Coop das Bio-Magazin «Verde» produzierte. «Das Mandat lag bei meiner Frau. Ich hatte weder damit noch mit Loosli je zuvor etwas zu tun», sagt Lüchinger. Er sieht darin kein Problem.

Keine Kritik an der Wirtschaft

Lüchinger, der sich im Tennisclub Seeblick ob Wollishofen mit seinem Auftraggeber Roger Köppel misst, hat dessen publizistisches Credo, wonach über die Wirtschaft nicht kritisch berichtet werden muss, verinnerlicht. Positive Unternehmerporträts für die «Weltwoche» sollen in von den Porträtierten finanzierten Buchprojekten münden. Bisweilen klappt das auch. So berichtete Lüchinger 2008 und 2009 in der «Weltwoche» über den Unternehmer Stephan Schmidheiny. 2010 veröffentlichte er dessen Auftragsbiografie, und als Schmidheiny wegen der italienischen Asbest-Prozesse ein Imageschaden drohte, griff Lüchinger erneut in die Tasten. «Kampf vom Asbest weg» war Lüchingers Prozessvorschau übertitelt. Nachdem Schmidheiny zu 18 Jahren Haft verurteilt worden war, titelte Lüchinger «Absurde Strafe für den Falschen» («Weltwoche») und «Gefangener im eigenen Land» («Basler Zeitung»). «Sagen Sie mir einen Satz in diesen Artikeln, der nicht stimmt», sagt er dazu.

Deshalb passt «Lüch» perfekt zu Ringier. Unternehmensleiter Marc Walder baut das Verlagshaus zum Unterhaltungskonzern mit umfassender Wertschöpfungskette vom Ticketverkauf über die Vermarktung durch die eigenen Pressetitel bis zur Organisation von Events um. Der «Blick» rührt die Werbetrommel für die Ringier-Stars und -Events und vermischt so journalistische und wirtschaftliche Interessen immer öfter. Lüchinger wird auch darin kein Problem sehen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.08.2013, 06:48 Uhr

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