Der mysteriöse Milliardär und das Jahrhundertbauwerk

In Nicaragua soll ein Kanal als Konkurrenz zum Panamakanal gebaut werden. Dahinter steckt ein Chinese, von dem man nicht viel weiss.

Was der geplante Kanal für die 29'000 Bewohner der betroffenen Gebiete bedeutet, ist unklar: Ein Fischer im Nicaraguasee, dem grössten Süsswasserreservoir Zentralamerikas. (19. September 2014)

Was der geplante Kanal für die 29'000 Bewohner der betroffenen Gebiete bedeutet, ist unklar: Ein Fischer im Nicaraguasee, dem grössten Süsswasserreservoir Zentralamerikas. (19. September 2014)

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Wie kommt einer an 2,2 Milliarden Dollar? Dazu schweigt der chinesische Unternehmer Wang Jing eisern. Wang hat kurz vor Weihnachten damit begonnen, einen Kanal quer durch Nicaragua bauen zu lassen, der Atlantik und Pazifik miteinander verbindet. Die künstliche Wasserstrasse soll bei einer Länge von 278 Kilometern breit und tief genug werden, dass auch Schiffe mit einer Länge von 400 Metern und einem Gewicht von 400'000 Tonnen sie passieren können. Der viel kürzere Panamakanal wird solche Dimensionen nicht einmal nach seinem Ausbau bewältigen.

40 Milliarden Dollar wird der Bau mindestens verschlingen, 50'000 Arbeiter sollen nötig sein. Woher das Geld stammt, ist unklar. Klar ist nur, dass Wang sich für 50 Jahre die Betreiberlizenz und eine Option auf weitere 50 Jahre gesichert hat. Nicaragua kassiert jedes Jahr 10 Millionen Dollar und darf auf einen massiven Schub für seine Konjunktur hoffen. Für Nicaragua prophezeit Wang Glanz und Gloria. Zu seinem persönlichen Hintergrund hingegen gibt er sich wortkarg.

Machbarkeit noch nicht geklärt

Der «Hurun-Report», die Liste der reichsten Chinesen, führt ihn mit einem Vermögen von 2,2 Milliarden Dollar auf Platz 112. Wie er es dorthin geschafft hat, ist aber unklar. Er stamme aus einer «ganz normalen» Pekinger Familie, habe Traditionelle Chinesische Medizin studiert und sei dann ein erfolgreicher Geschäftsmann geworden, sagt Wang. Mehr Details gibt er nicht preis. Gerüchten zufolge ist er der Enkel eines Kommandeurs der Volksbefreiungsarmee zu Zeiten der kommunistischen Revolution mit besten Verbindungen zur Familie von Deng Xiaoping, dem mächtigsten Mann Chinas nach dem Tod von Diktator Mao Zedong.

Wangs Büro soll bestückt sein mit Malerei und Dekorationen, die an die Gründerjahre der Volksrepublik erinnern. Andere behaupten, sein privates Auto trage ein Militärkennzeichen. Chinesische Medien spekulieren, Wang pflege geschäftliche Beziehungen zu Militär und Behörden. Doch nichts davon ist bestätigt. Auf der Internetseite der Kanalbau-Holding HKND erfährt man, dass er mit grossen Infrastrukturprojekten und dem Bergbau zu tun gehabt habe, was gute Referenzen sind für jemanden, der einen Kanal bauen will. Insgesamt sei Wang in Gremien von insgesamt 20 Unternehmen vertreten, die in 35 Ländern aktiv sind. Unbestritten ist, dass Wang der Chef der Telekommunikationsfirma Xinwei Telecom ist, die für sich reklamiert, eine der weltweit am schnellsten wachsenden Firmen der Branche zu sein. 2012 verzeichnete Xinwei einen Rekordumsatz von 275 Millionen Dollar.

Heftige Krawalle mit Verletzten

«Xinwei schreibt Geschichte. Xinwei wird Legende», endet Wangs Grusswort auf der Internetseite der Firma. Kaum geringer formuliert der 42-Jährige seine Ambitionen beim Kanalbau. «Wir werden die Welt verändern, diesen Traum verwirklichen und der Welt mehr Freude, Freiheit und Vergnügen bereiten.» Solche grossspurigen Ankündigungen sind es, die Skeptikern Anlass geben, die Integrität des Nicaragua-Plans zu hinterfragen. Steht Wang Pate für die Interessen der chinesischen Regierung, und schweigt er deshalb zu den Details seines Lebenslaufes?

Das ist aber nicht der einzige Grund, wieso der Spatenstich in Nicaragua von heftigen Krawallen begleitet war, bei denen mindestens 21 Menschen verletzt und 33 festgenommen worden sind. Zu den Details des Projekts ist abgesehen von der Route wenig bekannt. Insbesondere darüber, was es für die 29'000 Bewohner der betroffenen Gebiete bedeutet, hat sich Präsident Daniel Ortega bislang ausgeschwiegen. Sie fürchten sich vor Enteignungen und Umsiedlungen. Naturschützer fürchten hingegen die zerstörerischen Folgen für das Ökosystem des Nicaraguasees, durch den der Kanal verlaufen wird. Er ist das grösste Süsswasserreservoir Zentralamerikas.

Dazu passt, dass bislang keine Machbarkeitsstudien präsentiert wurden – weder zu technischen, wirtschaftlichen noch ökologischen Aspekten. Angeblich soll all das bis zum Frühling vorliegen. Gebaut wird trotzdem schon jetzt.

Erstellt: 26.12.2014, 21:40 Uhr

Woher sein Geld stammt, weiss man nicht: Der chinesische Unternehmer Wang Jing.

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