Der neue Medienbaron

Bob Iger ist branchenweit der Mann der Stunde. Mit seinem Konzern hat der Disney-Chef Grosses vor.

Steht vor seinem grössten Coup: Bob Iger, hier zu Besuch im Disneyland Shanghai. Foto: Qilai Shen (Bloomberg, Getty Images)

Steht vor seinem grössten Coup: Bob Iger, hier zu Besuch im Disneyland Shanghai. Foto: Qilai Shen (Bloomberg, Getty Images)

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Der grösste Mediendeal des Jahres begann vergangenen Sommer auf dem Weingut von Rupert Murdoch in der Nähe von Los Angeles. Der konservative Fox-Chef und Disney-Steuermann Bob Iger, ein überzeugter Demokrat, diskutierten den rapiden Wandel der Industrie und den Druck der traditionellen Medien, die Kräfte zu bündeln.

Zur Verblüffung von Iger signalisierte Murdoch, den grösseren Teil seines Imperiums verkaufen zu wollen – und Disney als idealen Partner zu sehen. Die Verhandlungen kamen rasch voran und erlaubten beiden Seiten, den Deal letzte Woche in London zu besiegeln. Für Iger ist das die erhoffte Krönung seiner Karriere und für Murdoch eine unerwartete Wende in Bezug auf sein Lebenswerk.

Iger will sich den Kauf der legendären Filmstudios von 20th Century Fox, der Fernsehsender Star und Sky, eines grossen Sport-TV-Netzes in den USA sowie des Streamingdienstes Hulu 66 Milliarden Dollar, samt Schulden, kosten lassen. Disney würde damit zum direkten Konkurrenten von Netflix, Amazon und Apple im digitalen Medienmarkt.

Seit Iger 2005 die Führung des damals strauchelnden Konzerns übernommen hat, verdreifachte er den Gewinn und baute den Marktwert um das Vierfache auf fast 170 Milliarden Dollar aus. Iger habe in dieser Zeit wie Herkules gearbeitet, meint Jeffrey Sonnenfeld, Dekan an der Managementschule der Universität Yale. «Nun ist er die Nummer eins unter den Medienbaronen.»

Beharrlich und strategisch

Iger baute Disney Schritt für Schritt aus und warf für Pixar, Marvel und Lucasfilm mehr als 16 Milliarden Dollar auf. Die Beharrlichkeit zahlte sich aus. Die Übernahme der Pixar-Studios geht auf seine persönliche Freundschaft mit Apple-Chef Steve Jobs zurück; auch der Kauf von Lucasfilm gelang Bob Iger nur, weil er über Monate hinweg das Vertrauen des Regisseurs George Lucas gewinnen konnte.

Iger sei strategisch konstant der Beste der Branche, meint Peter Chernin, Ex-Präsident der News Corporation von Murdoch. «Er ist jener, der am wenigsten am Status quo festhält und sich danach ausrichtet, wohin sich die Welt entwickelt.»

Der neue Medienzar beginnt früh am Morgen und denkt nicht daran, sich zur Ruhe zu legen. Iger steht um halb fünf Uhr auf, «sieben Tage in der Woche und unabhängig davon, wo ich mich befinde». Schon dreimal stand er vor einem Rücktritt, doch Iger verlängerte immer wieder.

Nun ist der 66-Jährige entschlossen, eine vierte Runde anzuhängen; Murdoch hat zur Bedingung gemacht, dass Iger bis mindestens 2021 weitermacht, um den Übergang eines substanziellen Teils seines Lebenswerkes in neue Hände zu sichern.

Das Vertrauen in Iger ist offenkundig gross, wirft Murdoch doch die bisherige Nachfolgeregelung für die Söhne James und Lachlan über den Haufen. Murdoch will sich künftig im Wesentlichen auf den konservativen Politsender Fox sowie Zeitungen wie das «Wall Street Journal» beschränken: Seine alte Liebe zum Journalismus, sagen Vertraute, habe noch einmal gewonnen.

Inhalte für Erwachsene

Disney würde mit der Übernahme definitiv zur Nummer eins im globalen Unterhaltungsgeschäft, wovon Iger schon lange geträumt hat, auch wenn es ohne starken Druck der neuen Gegenspieler im digitalen Markt wohl nicht so schnell gegangen wäre. Der Streamingdienst Netflix bedroht mit weltweit mehr als 83 Millionen Kunden das Film- und Kinogeschäft mehr denn je und will nun weitere 8 Milliarden Dollar in eigene Produktionen investieren.

Amazon holt auf und steckt seinerseits 4,5 Milliarden in Onlineangebote. Ihnen will Iger nun mit Hulu entgegenhalten, dessen Kontrolle er mit dem Fox-Deal erlangt. Auf Hulu will er «adult material» (Inhalte für Erwachsene) der Fox-Studios verbreiten, die nicht so recht zum kinderfreundlichen Disney-Image passen.

Der Erfolg ist nicht garantiert. Iger dürfte es gemäss Filmkritikern schwer- fallen, die stolze und unabhängige Kultur der Fox Studios zu integrieren. James Brooks, Erfinder der zu Fox gehörenden Fernsehserie «The Simpsons», reagierte mit einem bösen Cartoon auf den Deal: Ein wütender Homer Simpson heisst ­Mickymaus mit einem Würgegriff in der Familie willkommen.

Fallstricke der Politik

Beschwerlicher dürfte indes die Bewil­ligung des Deals werden. Präsident Trump signalisierte zwar sein Einverständnis und beglückwünschte Murdoch. Doch die vorschnelle Geste macht die Aufgabe der Wettbewerbsbehörde im Justizministerium nicht einfacher. Sie sperrte sich kürzlich gegen die Übernahme von Time Warner durch den Telecomkonzern AT & T – und dies in klarer Abkehr von einer bewährten Praxis.

Die Frage ist noch offen, ob Trump und seine Kritik am AT & T-Kauf die Behörden einschüchterte und ob nun umgekehrt die Freundschaft zwischen dem Präsidenten und Murdoch eine Fusion schmiert, die nach allen Regeln des Kartellrechts heikler ist. «Vielleicht bin ich naiv», sagt Wettbewerbsprofessor Christopher Sagers. Aber er hoffe schwer, «dass die Tradition Bestand hat, wonach das Weisse Haus sich nicht in solche Dinge einmischt.»

Bob Iger muss ebenfalls hoffen, dass die Politik keine Rolle spielt. Der überzeugte Demokrat kritisierte mehrfach schon die Immigrations-, Handels- und Waffenpolitik der Regierung und verliess aus Protest gegen die Klimapolitik eine Beraterkommission des Präsidenten. Kommt der Deal zustande und erreicht Iger bis 2021 gewisse Gewinnziele, wird er reichlich belohnt: Disney hat ihm dafür Aktien und Optionen im Wert von bis zu 142 Millionen Dollar zugesichert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.12.2017, 12:34 Uhr

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