«Der oberste Boss muss heute kein Schweizer mehr sein»

Die Berufung von Tidjane Thiam zum neuen CS-Chef bedeute das Ende einer Ära, sagt Bankenprofessor Hans Geiger.

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«Mein Deutsch ist etwas rostig geworden.» Das waren die ersten Worte, die der designierte Chef der Credit Suisse, Tidjane Thiam, gestern anlässlich seiner Vorstellung im Zürcher Forum St. Peter ans Publikum richtete. «Aber: Im Alter von 18 Jahren war mein Deutsch besser als mein Englisch.» Der Franzose mit Wurzeln in der Elfenbeinküste fuhr daraufhin auf Französisch und Englisch fort. Die Credit Suisse sei ihm gut bekannt. «Ich weiss um ihre Bedeutung für die Schweizer Wirtschaft und für die Schweiz als Land.»

Der Auftritt dürfte für Thiam eine gute Basis sein, um den Sprung von einer britischen Versicherung zur Schweizer Grossbank zu meistern. Dies sagt der emeritierte Bankenprofessor der Universität Zürich, Hans Geiger. «Die Mannschaft sehnt sich nach jemandem, der der Schweizer Verwurzelung der Bank wieder mehr Wertschätzung entgegenbringt», meint Geiger, der von 1987 bis 1996 selbst ein Geschäftsleitungsmitglied der CS war. Thiam werde bei der Belegschaft gut ankommen.

Das Ende einer Epoche

Laut Geiger hätten die hiesigen Angestellten darunter gelitten, dass Brady Dougan nie Deutsch gelernt habe. Dabei hätte der abtretende CEO den Effort durchaus machen können. «An der Universität Zürich habe ich englischsprachige Professoren erlebt, die ein Jahr nach ihrer Ankunft bereits ansprechende Konversationen auf Deutsch führen konnten.» Das habe ihm persönlich Eindruck gemacht, sagt Geiger, der selbst politisch der SVP nahesteht. Den künftigen CS-Chef Thiam schätzt er als smarten Typen ein, der sich auf die hiesige Kultur einlassen und dies gegenüber der Öffentlichkeit und dem Personal auch zeigen könne.

Geiger erkennt in Thiams Nominierung gleichzeitig das Ende einer Epoche. «Der Abgang von Brady Dougan und seiner amerikanischen Entourage ist ein Zeichen dafür, dass man der Bankingkultur der USA nicht mehr um jeden Preis nacheifern will.» Diese Ära habe bei der Credit Suisse ab der Jahrtausendwende begonnen, nachdem die Bank definitiv mit dem US-Ableger First Boston verschmolzen worden sei. Zuvor sei man zwar stolz gewesen auf die Investmentbankingtochter in Amerika, doch die Organisation und ihre Führung seien insgesamt stark schweizerisch geprägt gewesen.

Der globale Platz der CS

Das Rad der Zeit zurückdrehen könne die CS aber nicht. «Der oberste Boss muss heute kein Schweizer mehr sein», sagt Geiger und erinnert sich an seine Studienzeit. Damals habe er sich ausgemalt, dass es für eine Karriere in der Finanzbranche fünf Voraussetzungen brauche: einen Abschluss an der Uni Zürich, die Mitgliedschaft im Rotaryclub, ein Parteibuch der FDP, einen Platz in einer Zunft und einen Rang in der Armee. Zwar sei dieses Schema bei der CS bereits ab den Achtzigerjahren unter dem ehemaligen Präsidenten Rainer E. Gut aufgeweicht worden. «Banken wie die UBS blieben aber lange Zeit davon geprägt.»

Thiam mit eingerechnet, ist die CS-Geschäftsleitung ab Sommer mit einem Franko-Ivorer, drei Amerikanern, zwei Schweizern, einem Italo-Schweizer, einem Franzosen und einem Briten besetzt. «Diese Breite wäre vor zwanzig Jahren undenkbar gewesen», sagt Geiger. Trotz der Diversität sei allerdings offen, wohin die Reise für die CS nun gehe. Für passé hält Geiger das Modell der weltweiten Universalbank, das man nach der Jahrtausendwende anstrebte. Doch auch der Fokus auf die Vermögensverwaltung habe seine Tücken, meint Geiger. «Es ist nicht klar, ob es neben einer UBS, HSBC oder Blackrock noch Platz für einen weiteren globalen Player wie die Credit Suisse hat.»

Erstellt: 11.03.2015, 19:19 Uhr

«Ein Zeichen dafür, dass man der Bankingkultur der USA nicht mehr um jeden Preis nacheifern will»: Bankenkenner Hans Geiger. (Bild: Keystone )

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Tidjane Thiam, der neue CS-Chef

Tidjane Thiam, der neue CS-Chef Der 52-jährige Ivorer wird im Juni CEO der Credit Suisse.

Zugleich schweizerisch und international: Werbeplakat der CS von 1989. (Bild: Credit Suisse)

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