Der publizistische Berserker

Der streitlustige neoliberale Journalist Michael Fleischhacker leitet das Österreich-Projekt der NZZ.

Wittert er links-grünes Gedankengut, wird er zum publizistischen Berserker: Michael Fleischhacker. Foto: PD

Wittert er links-grünes Gedankengut, wird er zum publizistischen Berserker: Michael Fleischhacker. Foto: PD

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In der Nacht bevor Nzz.at online ging, leistete sich Chefredaktor Michael Fleischhacker noch einen richtigen Bubenstreich. Er fuhr mit einem Projektor vor das Bundeskanzleramt in Wien und warf eine riesige Leuchtschrift auf die Hausfassade: «Wir starten jetzt. Und Sie, Herr Bundeskanzler?» Das war eine Anspielung auf die oft kritisierte Passivität Werner Faymanns. Doch die Aktion sagt mehr über Fleischhacker als über den Regierungschef aus: Der 45-jährige Journalist sucht die Nähe zur Macht. Nicht um sich anzubiedern, sondern um sie herauszufordern.

Der österreichische Onlineableger der «Neuen Zürcher Zeitung» startete mit einem Bericht über den Einfluss hoher Beamter auf ihre Minister. Einen aktuellen Anlass gab es nicht, und besonders brisant waren die Enthüllungen auch nicht. Aber Fleischhacker wollte seine Duftmarke setzen. Wittert er Bürokratie, Inkompetenz oder gar links-grünes Gedankengut, wird er zum publizistischen Berserker. Im Leitartikel zur Lancierung von Nzz.at sieht er Österreich dem «wohligen Erstickungstod entgegentänzeln». Sein Zorn nimmt auch keine Rücksicht aufVerbündete oder Vorgesetzte. Der Partei Neos wirft er vor, als Opposition zu versagen und sich der Regierung anzubiedern. Mitbegründer der Neos war Veit Dengler, der kurz darauf als CEO der NZZ-Gruppe die Österreichseite lancierte und Fleischhacker zum Chef machte.Der gebürtige Kärntner wuchs in streng katholischem Umfeld auf. Sein idealistischer Katholizismus wurde aber zunehmend vom Neoliberalismus verdrängt. Er studierte in Graz Germanistik und Theologie, schloss das Studium aber nicht ab. In Wien heuerte er zuerst beim linksliberalen «Standard» an, wo er mit seinen konservativen Ansichten ebenso wie mit seinem Zynismus provozierte. Im Jahr 2000 kritisierte das Blatt die schwarz-blaue Koalition scharf, Fleischhacker aber machte sich in einem Buch über die «Wende zur Hysterie» lustig. Für seine Streitlust erfand der Wiener «Falter» den Begriff «Fleischhackerismus»: die ständige Trotzhaltung, «einfach das Gegenteil von dem zu behaupten, was Anstand und Sitte in unserem Land so gebieten».

Seine journalistischen Qualitäten konnte Fleischhacker acht Jahre lang als Chefredaktor der bürgerlichen Zeitung «Die Presse» ausspielen. Er frischte das Layout auf und provozierte wieder. Dieses Mal die konservative Leserschaft der Hofräte und Hofratswitwen mit linken Kolumnisten. Statt zu sparen, lancierte er eine Sonntagsausgabe. Als der Spardruck des Verlags dennoch zu gross wurde, gab er 2012 den Job auf. Dann engagierte ihn die NZZ für ihr Onlineprojekt.

Wutausbrüche und knallende Türen

Fleischhacker gilt in der Branche als mutig, kreativ und fleissig, aber auch als rücksichtslos gegen sich selbst und seine Mitarbeiter. Wer mit ihm arbeitete, kann Geschichten von Wutausbrüchen und knallenden Türen erzählen: Er wirke oft gehetzt, müsse ständig sich und der Welt etwas beweisen. Andere Meinungen kann er durchaus akzeptieren, solange er sie als intellektuell herausfordernd betrachtet (was nicht allzu oft geschieht). Richtig verhasst sind ihm Schwäche und Mittelmass. Dagegen will er nun mitNzz.at ins Feld ziehen.

Erstellt: 23.01.2015, 07:06 Uhr

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