Der tiefe Fall des Josef A.

Milliardenbussen und strategische Abwege. Viele Probleme der Deutschen Bank gehen auf den früheren Schweizer Konzernchef Josef Ackermann zurück. Ab heute steht er zudem vor Gericht. Wieder einmal.

Für die Deutsche Bank wird das Erbe von Josef Ackermann immer mehr zur Last.<br />Foto: Alex Domanski (Reuters)

Für die Deutsche Bank wird das Erbe von Josef Ackermann immer mehr zur Last.
Foto: Alex Domanski (Reuters)

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Josef Ackermann (67) war ein Monument der Finanzwelt. Bei Kanzlerin Angela Merkel ging er ein und aus, und auf dem Höhepunkt der Finanzkrise 2008 war er in seiner Industrie ein Fels in der Brandung. Noch heute zählt Joe, wie er gerne genannt wird, zur Rednerprominenz. Zumindest in der Schweiz. In Deutschland hingegen hat Ackermann seinen Nimbus längst verloren. Die Deutsche Bank musste gestern ein scharfes Restrukturierungspaket ankündigen: 200 Filialen werden abgebaut, 3,5 Milliarden Euro im Jahr gespart und die unter Ackermann übernommene Postbank wird wieder verkauft.

Die Sanierung geht ins Geld. Der ­Finanzmulti rechnet mit Einmalaufwendungen von gegen vier Milliarden Euro. Das wird nicht ohne harten Stellen­abbau gehen. Der Umbau folgt auf die Hiobsbotschaft von letzter Woche, wonach die Deutsche Bank im Libor-Skandal eine Busse über 2,5 Milliarden Dollar zahlen muss – eine Milliarde mehr, als die UBS Ende 2012 überwies. Ackermanns Nachfolger an der Spitze der Deutschen Bank, Anshu Jain und Jürgen Fitschen, räumen mit dem Erbe Ackermanns auf. Ähnlich wie die Credit Suisse fokussieren sie auf ausgewähltes Investment und Private Banking. Aus Ackermanns Umfeld wird die Höhe der Libor-Busse der zögerlichen internen Aufarbeitung durch Ackermanns Nachfolger zugeschoben, während die Deutsche Bank auch ohne Postbank gross im ­Retailgeschäft bleibe.

Gigantische Risiken

Unter Ackermanns Ägide hatte die Deutsche Bank gigantische Risiken auf­getürmt. Der englische «Economist» schrieb einst vom grössten «Hedgefonds». Es war Ackermanns ambitioniertes Ziel, die Deutsche Bank in eine europäische Version des Wallstreet-Giganten Goldman Sachs zu verwandeln. Ähnlich wie Marcel Ospel bei der UBS. Ospel wurde 2008 mit Schimpf und Schande aus dem Amt gejagt, Ackermann durfte vier Jahre später hoch erhobenen Hauptes abtreten. Dabei zeigten sich schon damals Risse im Bild des unangreifbaren Supermanagers.

Im Herbst 2011 hatte sich Ackermann überraschend von seiner Kandidatur für den Verwaltungsrat der Deutschen Bank distanziert. Seine Aufgabe als Noch-­Konzernchef sei zu intensiv, lautete die wenig überzeugende Begründung. Was viel eher den Ausschlag gegeben haben dürfte, waren Ermittlungen der Staatsanwaltschaft im Fall Leo Kirch, die damals einen ersten Höhepunkt erreichten. Aus heutiger Warte passen die beiden Ereignisse jedenfalls nahtlos zusammen. Heute muss Ackermann mit vier Ex-Kollegen der Deutschen Bank vor dem Richter antraben. Ihnen wird Falschaussage rund um den Konkurs des Medienimperiums vorgeworfen.

Es ist Ackermanns persönlicher Tiefpunkt. Einen ersten Prozess wegen schwerer Untreue hatte der Schweizer 2004 bis 2006 noch einigermassen unbeschadet überstanden. Zuletzt musste der Banker 3,2 Millionen Euro bezahlen, dafür wurde das Verfahren um hohe Zahlungen an Ex-Mannesmann-Manager eingestellt, und Ackermann blieb weitere Jahre Chef der Deutschen Bank.

Während Ackermanns Stern in Deutschland zuletzt rasch sank, galt er in der Schweiz weiterhin als renommierter Wirtschaftskapitän. Nach dem Ja zur Zuwanderungsinitiative im Februar 2014 tourte Ackermann durchs Land. An der Universität Zürich redete er den Bilateralen das Wort, wenig später fand er beim «Blick» offene Türen für eine verkürzte Version seiner Rede im Auditorium. Dass ihm die Boulevardzeitung für eine vergleichsweise trockene Sache eine ganze Seite bereitstellte – und das erst noch in der auflagenstarken Samstagausgabe – zeigt, wie viel Ackermann damals noch galt. Obwohl er auch hierzulande auf Probleme stiess. Nach dem Suizid des Zurich-Finanzchefs trat Ackermann im Sommer 2013 als Präsident des Versicherungskonzern zurück. Er wolle Schaden vom Unternehmen fernhalten, sagte er. Zuvor hatte ihm die Witwe des Verstorbenen eine Mitverantwortung an der Tragödie zugeschoben.

Viel Geld, aber kein Prestige

Wenig später schied Ackermann erst aus dem Verwaltungsrat von Siemens und dem Ölkonzern Shell aus, dann trat er beim Weltwirtschaftsforum WEF von Klaus Schwab zurück. Die prestigeträchtigen Ämter bei wichtigen börsenkotierten Konzernen oder renommierten Institutionen war er los. Mandate bei der schwedischen Milliardärsfamilie Wallenberg ab 2012 und dem russischen Oligarchen Viktor Vekselberg ab 2014 brachten zwar Geld, aber kaum Image.

Wie weit weg Ackermann von der Champions League der Wirtschaft inzwischen ist, zeigt ein Amt, das Ackermann einst wohl nicht im Traum in Erwägung gezogen hätte: Das Präsidium der zypriotischen Bank of Cyprus. Dass er trotzdem immer noch gern gesehener Redner und Interviewpartner ist, hat wohl vor allem mit seiner Bekanntheit in der breiten Öffentlichkeit zu tun.

Trotz des tiefen Falls bleibt Ackermann sich selbst treu. Sein Selbstvertrauen ist ungebrochen. Zu eigen macht er sich nun das, was er den Schweizern an einem Vortrag in Basel vor zwei Jahren zurief. Wir sollten «nicht Schwächen kultivieren» meinte Ackermann da, ­sondern «vermehrt auf unsere Stärken bauen und selbstbewusst auftreten». Dieses Selbstbewusstsein kann Ackermann in den nächsten Wochen im Kirch-Prozess wieder einmal zur Schau stellen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.04.2015, 23:22 Uhr

Der Prozess

Es geht um Falschaussagen

Ab heute stehen der Co-Chef der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen, sein Vorgänger Josef Ackermann, sein Vorvorgänger Rolf Breuer sowie zwei weitere frühere Topmanager des Konzerns jeden Dienstag um halb zehn gemeinsam in München vor Gericht. Im Zentrum steht der Zusammenbruch des Imperiums des mittlerweile verstorbenen Medienunternehmers Leo Kirch – und ein Interview, in dem Breuer 2002 Kirchs Kreditwürdigkeit angezweifelt hat. Laut Kirch wollte ihm deshalb niemand mehr Geld leihen – und er musste zwei Monate später Konkurs anmelden. Diesen Vorwurf hat ein Zivilgericht bereits verhandelt, es sah es letztes Jahr als erwiesen an, dass Breuer dem Unternehmen geschadet hat. Das Urteil blieb aber aus. Der Prozess endete in einem Vergleich, die Bank überwies Kirchs Hinterbliebenen 900 Millionen Euro. Im Strafprozess geht es nun darum, ob die Topmanager beim früheren Prozess Falschaussagen gemacht haben, um die Bank vor Schadenersatzansprüchen zu schützen. Auf der Suche nach Beweisen wurden letzten Frühling Büros der Bank in Frankfurt sowie von früheren Anwälten durchsucht. Die Vorwürfe sind für jeden Angeklagten unterschiedlich und sollen bis zu Prozessbetrug reichen. (aba)

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