Der unsichtbare Chef

Seit Anfang Jahr ist bei Sunrise ein neuer Mann am Ruder – ein Slowene namens Libor Voncina. Nach aussen ist er kaum präsent, selbst in der Branche kratzt man sich die Köpfe. Dabei gäbe es bei Sunrise viel zu tun.

Nach aussen fast unsichtbar: Libor Voncina, Chef von Sunrise, am Unternehmenssitz in Zürich. Foto: Michele Limina (Pixsil)

Nach aussen fast unsichtbar: Libor Voncina, Chef von Sunrise, am Unternehmenssitz in Zürich. Foto: Michele Limina (Pixsil)

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Was für eine Bilanz. Am 17. Januar 2013 erhielt Sunrise überraschend einen neuen Chef. Libor Voncina. Ein 49-jähriger Slowene, der zuletzt in Belgien gearbeitet hatte und dessen Name in der Schweiz kaum einer kannte. Seither sind gut acht Monate vergangen – ohne dass sich an der Bekanntheit des neuen Chefs des zweitgrössten Telecomanbieters der Schweiz viel geändert hätte. Voncina hatte bislang einen einzigen öffentlichen Auftritt – an einer Branchenveranstaltung, fünf Tage nach seiner Ernennung – und gab ein einziges Interview – der «SonntagsZeitung» Anfang April.

Auch auf Google hat der Slowene noch keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Tippt man bei der Suchmaschine die Begriffe Sunrise und Libor ein, schlägt sie nicht etwa Voncina als Ergänzung vor, sondern Highway. Das Ergebnis sind sechs Links, die nicht zum Telecomanbieter führen, sondern zum Long Island Board of Realtors – kurz Libor –, das am Sunrise Highway in West Babylon, New York, über eine Niederlassung verfügt. Es braucht mehr als die Hälfte des Nachnamens des neuen Sunrise-Chefs, bis Google Voncina ergänzt.

Zum Vergleich: Bei Cablecom-Chef Eric Tveter reichen die ersten zwei Buchstaben des Vornamens, ebenso beim Interims-Chef der Swisscom, Urs Schaeppi. Google listet den vollen Namen als einen von zehn Ergänzungsvorschlägen auf. Und auch den Orange-Chef Johan Andsjö, der drei Monate länger in der Schweiz ist als Voncina, errät Google, bevor der Vorname ausgeschrieben ist.

Führungslos, unentschlossen

Verstärkt wird der Eindruck, dass Sunrise und Voncina kaum präsent sind, weil das Unternehmen dieses Jahr noch keine Medienveranstaltung abgehalten und ein persönliches Gespräch mit dem TA trotz Anfragen nicht stattgefunden hat. Es wurde auch keine grosse Werbekampagne gefahren. In den sieben Monaten von Januar bis Juli befand sich Sunrise kein einziges Mal unter den zehn Unternehmen, die am meisten Werbung geschaltet haben. 2012, als das TV-Angebot eingeführt wurde, war das in fünf von sieben Monaten der Fall. Im Jahr davor, als Sunrise einen Markenrelaunch machte, in sieben von sieben.

Die Statistik wird vom Marktforschungsunternehmen Media Focus geführt, absolute Zahlen sind nicht verfügbar. Allerdings bestätigt Sunrise, dass weniger geworben wurde als in den zwei Jahren zuvor. «Damals waren die Ausgaben ausserordentlich hoch. Ausserdem sind wir 2013 zielgruppenspezifischer vorgegangen», sagt Kommunikationschef Michael Burkhardt.Nicht nur nach aussen ist Voncina unsichtbar. Auch innerhalb der Branche nimmt man den neuen Chef des zweitgrössten Telecomanbieters der Schweiz kaum wahr. Zwar hat er sich mit den wichtigsten Leuten zum Mittagessen oder zu Sitzungen getroffen. Aber inhaltlich hat er dabei auf die wenigsten einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Sympathisch sei er, zuvorkommend, fachlich kompetent, gescheit. Aber auch sehr zurückhaltend, eher introvertiert, ein Ingenieur und Zahlenmensch. Jemand, der lieber mit Taten brilliere denn mit Worten – und wohl darum bislang alle im Dunkeln lasse, wo er mit dem Unternehmen hinwolle. Einziges Indiz ist der Kauf von zwei kleineren Anbietern von Prepaid-Abos, die Sunrise in den vergangenen Monaten bekannt gegeben hat. Insgesamt, sagen mehrere gut vernetzte Exponenten der Branche, wirke Sunrise seit dem Chefwechsel führungslos, unentschlossen, paralysiert.

Dabei wurde Voncina geholt, um das Steuer herumzureissen. Nach der gescheiterten Fusion mit Orange Mitte 2010 lief es für Sunrise erst deutlich besser. Innert weniger Monate präsentierte das Unternehmen einen neuen Chef und einen neuen Besitzer – den deutschen Oliver Steil und die britische Beteiligungsgesellschaft CVC. Bei Orange hingegen dauerte es bis Ende 2011, bis die neue Eigentümerstruktur mit der Beteiligungsfirma Apax geregelt war. In dieser Zeit sank der Marktanteil von Orange um rund einen Prozentpunkt – zugunsten von Sunrise.

Kundendienst verschlechterte sich

Dann kehrte der Wind. Sunrise kämpfte mit der Qualität des Mobilfunknetzes, schnitt beim entscheidenden Netztest zweimal hintereinander als schlechteste Anbieterin ab. Auch der Kundendienst verschlechterte sich dramatisch, die Beschwerden nahmen zu. Bei der Versteigerung der Mobilfunkfrequenzen, auf denen die Handysignale übertragen werden, verspekulierte sich Sunrise und zahlte für ein ähnliches Resultat wie Orange fast dreimal mehr – eine Differenz von mehreren Hundert Millionen.

Zuletzt geriet Sunrise sogar operativ unter Druck. Nachdem die Swisscom letzten Frühling neue Mobilfunktarife eingeführt und die Konkurrenz damit hart attackiert hat, sind die Margen unter Druck. Seit Anfang Jahr sank die Zahl der Kunden um 26 000. Der Marktanteil ging um 0,5 Prozentpunkte zurück. Allerdings findet die Verschiebung vor allem in Bereich der weniger attraktiven Prepaid-Kunden statt. Parallel dazu ging der Umsatz im ersten Halbjahr um fast 4 Prozent zurück, der Betriebsgewinn (Ebitda) sogar um über 6 Prozent. Kommunikationschef Burkhardt verweist auf den «Preisrutsch, den die Swisscom ausgelöst hat» und das «immer härter umkämpfte Marktumfeld», aufgrund dessen auch Sunrise die Preise zum Teil deutlich senken musste. Ausserdem sei die Zahl der Kunden mit Handyabo im Jahresvergleich gestiegen, so Burkhardt.

Selbst intern gab es immer wieder Probleme. Unter Voncinas Vorgänger Oliver Steil wurde das gesamte Management mindestens einmal ausgewechselt. Viele Kader hatten mit dem forschen, dominanten Auftreten des Deutschen Mühe. Einige sollen das Handtuch geworfen haben, weil sie seine ständige Einmischung satthatten.

Zu früh für eine Bilanz

Zumindest in diesem Bereich ist der Chefwechsel deutlich spürbar: Das Klima soll sich an der Firmenspitze deutlich verbessert haben. Nach den Alleingängen seines Vorgängers arbeite das Management plötzlich wieder als Team, ist zu hören. Auch bei den Mitarbeitern gilt Voncina als anständig und zuvorkommend. Einer, der im Gang grüsst. Eine klare Vorstellung, wohin die Reise unter dem Slowenen gehen soll, haben aber offenbar die wenigsten.

Ob das daran liegt, dass er sich auch nach innen zu wenig um seinen Auftritt kümmert, oder mit gewissen Ermüdungserscheinungen seitens der Angestellten zu tun hat, ist unklar. Voncina ist der fünfte Chef innert sieben Jahren – und nicht der erste Ausländer, der kein Deutsch spricht. Ähnlich oft haben in einigen Abteilungen die direkten Vorgesetzten gewechselt.

Nichtsdestotrotz: Für ein Urteil über den neuen Sunsrise-Chef ist es noch zu früh. Zwar überwiegt vielerorts die Skepsis. Aber es gibt auch warnende Stimmen: Man dürfe den Slowenen nicht zu früh abschreiben. Dass er erst zuhöre und sich eine Meinung bilde, bevor er viel Rummel verursache, sei grundsätzlich keine schlechte Strategie. Auch Sunrise selbst betont, Voncina habe seinen Fokus eben erst nach innen gerichtet, um die Probleme zu lokalisieren und eine Strategie zu entwickeln. Er arbeite akribisch an den Problemen im Netz und beim Kundendienst, intern sehe man erste Resultate. Und wer weiss: Vielleicht arbeitet er im Hintergrund an einem Coup – und wartet nur auf den richtigen Moment, ihn zu präsentieren.

Erstellt: 14.09.2013, 11:52 Uhr

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Das Netz: Im Dezember 2012 hatte Sunrise nicht nur das schlechteste Mobilfunknetz in der Schweiz. In Deutschland und Österreich gab es nur einen einzigen Anbieter, der im Test des Fachmagazins «Connect» noch schlechter abschnitt. Neben den generellen Sparbemühungen war ein Grund dafür der Outsourcingvertrag für das Mobilfunknetz mit Alcatel-Lucent. Die Zusammenarbeit lief schief, die Situation eskalierte, und Ende 2011 wurde der Vertrag vorzeitig aufgelöst. Erst im April 2012 wurde ein neuer Partner ernannt: der chinesische Telecom­zulieferer Huawei, der im Frühling aufgrund einer Polizeirazzia in die Schlagzeilen geriet. Sunrise muss nicht nur den Rückstand gegenüber Orange und Swisscom aufholen, sondern gleichzeitig den Ausbau auf den schnelleren Mobilfunkstandard LTE vorantreiben. Wenn im Dezember der nächste «Connect»-Test erscheint, muss Sunrise deutliche Fortschritte vorweisen. Sonst wird es eng.

Der Kundendienst: Die Bemühungen, Sunrise schlank aufzustellen, spürten die Kunden auch direkt. Das Niveau im Kundendienst sank plötzlich rapide, die Zahl der Beschwerden stieg steil an. Indizien dafür sind einerseits die negativen Kommentare auf Twitter, der Facebook-Seite des Unternehmens oder bei Konsumentenmagazinen. Andererseits weisen die Beträge, die Sunrise der Schlichtungsstelle Ombudscom für die Bearbeitung von Beschwerden überweisen musste, auf das Ausmass des Problems hin: 2012 waren es knapp 230'000 Franken – der mit Abstand höchste Betrag der Branche. Die Swisscom zahlte rund die Hälfte, Cablecom und Orange lagen mit 140'000 und 160'000 Franken dazwischen. Der letzte Anbieter, der ein Imageproblem solchen Ausmasses lösen musste, war Cablecom.

Die Positionierung: Sunrise hat sich stets eher als günstiger Anbieter positioniert, insbesondere im Mobilfunk. Das ist ein Grund für den hohen Anteil an Prepaid-Kunden. Zuletzt waren es 44 Prozent, verglichen mit 34 Prozent bei Orange und 35 Prozent bei Swisscom. Das ist offenbar etwas, auf das Voncina auch künftig setzen möchte: Er hat in den letzten Monaten mit Lebara und Ortel Mobile zwei Anbieter von Prepaid-Abos übernommen. Dadurch ist Sunrise heute laut Kommunikationschef Burkhardt «zielgruppenspezifischer» aufgestellt. Was das für die Abokunden bedeutet, ist unklar. (aba)

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