«Der wichtigste Wendepunkt war, dass ich mit Snowboarden begann»

Der frühere Freestyle-Profi Alain Chuard hat mit dem Verkauf seines jungen Unternehmens im Silicon Valley ein Vermögen verdient. Jetzt führt der Schweizer die gleiche Firma als Google-Angestellter.

«Die Millionen waren ein schöner Nebeneffekt»: Unternehmer Alain Chuard. Foto: zvg

«Die Millionen waren ein schöner Nebeneffekt»: Unternehmer Alain Chuard. Foto: zvg

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Wie war das, als Sie 2012 mit Ihrer Frau in einem Konferenzraum sassen und ein Google-Manager Ihnen 450 Millionen Dollar für Ihre Firma Wildfire anbot?
Es war ein überwältigender Moment. Zu Beginn des Jahres 2012 merkten wir, dass im Social-Media-Marketing die Karten neu gemischt werden. Firmen wie Oracle und Salesforce tätigten grosse Akquisitionen, für uns stellte sich die Frage, ob wir selbstständig bleiben und das weitere Wachstum über einen Börsengang finanzieren oder ob wir mit einem Konzern zusammengehen. Im Frühling 2012 erhielten wir zahlreiche Übernahmeangebote. Wir merkten rasch, dass wir gut zu Google passen, weil bei beiden Unternehmen grossartige Produkte und eine innovationsfreundliche Unternehmenskultur im Zentrum stehen.

Das klingt sehr abgeklärt. Wie ­reagierten Sie und Ihre Frau auf die 450-Millionen-Dollar-Offerte?
Die Offerte von Google übertraf all unsere Erwartungen deutlich. Aber das Geld war nicht der Haupttreiber für den Verkauf, es ging uns primär darum, die Firma in eine erfolgreiche Zukunft zu führen. Die Millionen waren ein schöner Nebeneffekt.

Sie tauchen neu in der «Bilanz»-Liste der 300 reichsten Schweizer auf, referieren am Swiss Economic Forum über Ihren Weg vom ­Snowboarder zum ­450-Millionen-Exit-Mann.
Ich bin zum Glück weit weg, so bekomme ich nicht viel davon mit, was in der Schweiz gesagt und geschrieben wird. Dieser Tage stehe ich als Millionär in der Schweiz im Rampenlicht, in den USA ist das keine herausragende Geschichte.

Wie wurden Sie zum erfolgreichen Unternehmer?
Da haben mehrere günstige Faktoren mitgewirkt. Mein Vater hatte eine Unternehmensberatungsfirma und verkaufte diese später an einen amerikanischen Konzern. Mein Bruder entwickelte mit seiner Firma Livesystems eine Werbeplattform für den öffentlichen Verkehr und gewann vor zwei Jahren den Hauptpreis am Swiss Economic Forum. Es gibt also sicher ein Unternehmer-Gen in der Familie. Ebenfalls wichtig war mein Nachbar in Bolligen, der Berner Wirtschaftsprofessor Claudio Loderer. Er ermutigte mich, das College in den USA zu machen. Das kam meinem Entdecker- und Abenteurergeist entgegen. Aber der wichtigste Wendepunkt in meinem ­Leben war wohl, dass ich mit Snow­boarden begann.

Was hat das mit Ihrer Unternehmerkarriere zu tun?
Als Teenager hatte ich alles Mögliche gemacht: Klavierunterricht, Kampfsport, Reiten. In allem war ich höchstens Mittelmass und entsprechend wenig motiviert. Dann stand ich zum ersten Mal auf ein Brett und liebte es sofort. Ich machte unglaublich schnell Fortschritte und dachte: «So fühlt es sich also an, wenn man in seinem Element ist.» Beim Freestyle-Snowboard lernte ich, zu fokussieren und Risiken richtig zu dosieren.

Darum wurden Sie Finanzanalyst bei einer Investmentbank in den USA?
Okay, das war noch ein kleiner Umweg. Ich merkte bald, dass ich keine echte Passion für diesen Job hatte. Aber es hatte trotzdem sein Gutes, um die Jahrtausendwende zwei Jahre für eine Investmentbank zu arbeiten. 1999 entwickelte sich gerade der erste grosse Internet-Boom, viele Jungunternehmer präsentierten sich bei der Bank, weil sie an die Börse drängten. Es wurde mir klar: Unternehmer wirken zufriedener als die Banker. So wurde ich zum Mitbegründer der Reiseagentur Access Trips, die Reisen in exotische Länder und sportliche Aktivitäten verknüpft.

Wie kam es zur Gründung von ­Wildfire vor sechs Jahren?
In Palo Alto lernte ich den Spirit des Silicon Valley kennen. Ich begriff, welch enormes Potenzial Softwareprodukte haben: Du brauchst nur ein paar smarte Programmierer und ein wenig Start­kapital, und wenn du es gut machst, erreichst du innert Kürze Millionen von Menschen. Wir machten damals viel Online-Marketing für unsere Reiseagentur. Das war sehr aufwendig, weil man auf jeder Plattform wieder fast bei null anfangen musste. So entschlossen wir uns, eine Software zu programmieren, die den Firmen erlaubt, ihr Publikum via Google+, Facebook, Twitter, Linkedin etc. einfach und auf einen Schlag zu erreichen.

Sie gründeten Wildfire 2008. 2010 hatten Sie 6 Angestellte, 2012 schon 400. Wie verkraftet man dieses Wachstum?
Wir haben wirklich nonstop gearbeitet, Mittagessen am Pult, später ein kurzes Nachtessen und wieder ins Büro bis tief in die Nacht hinein. Trotz starkem Wachstum hielten wir die Firma schlank. Es hätte nicht funktioniert ohne eine starke Firmenkultur, für die wir Gründer und das Kernteam einstanden. Wichtige Werte waren: Hart arbeiten, rasch entscheiden, bescheiden bleiben.

Wäre Ihre Erfolgsgeschichte auch von der Schweiz aus möglich gewesen?
Warum nicht? Innovative Leute gibt es überall. Es ist aber sicher einfacher, einen grossen Partner oder Käufer zu finden, wenn man im Silicon Valley angesiedelt ist. Wir entwickelten unsere Software auf einer Google-Plattform, die Leute von Facebook und Twitter sind alle praktisch um die Ecke. Auch in Sachen Mentalität gibt es einen grossen Unterschied zwischen dem Silicon Valley und dem Rest der Welt. Wenn du gründest und scheiterst, ist das hier kein Problem, sondern eine wertvolle Er­fahrung. In der Schweiz sehen es viele eher als dunklen Fleck im Lebenslauf.

Seit 2012 führen Sie und Ihre Frau die Firma Wildfire innerhalb des Google-Konzerns. Kommt das gut, wenn Unternehmer zu Angestellten werden?
Ehrlich gesagt hat sich nicht viel geändert. Okay, ich habe nun einen Chef, der ab und zu wissen will, was ich mache und was ich mir dabei denke. Es sagt mir aber niemand, was ich tun soll. Das war schon immer die Philosophie von Google-Gründer Larry Page, den ich für einen der grössten Visionäre halte. Google ist sehr flach organisiert, die Firma lebt stark von Ideen von der Basis.

Hand aufs Herz: Ein 40-jähriger Unternehmer will doch nicht auf Dauer Konzernmanager bleiben.
Viele Gründer, die an Google verkauft haben, sind hier geblieben. Es hat ja auch Vorteile, einer grossen Organisation anzugehören. Aber im Herzen bleibe ich Unternehmer. Wenn das Timing noch einmal so perfekt sein sollte, dass ich eine grosse Welle reiten kann, dann würde ich vermutlich wieder ein eigenes Unternehmen lancieren.

Sie bestanden darauf, dieses ­Interview in Englisch zu führen. Haben Sie Ihre Schweizer Wurzeln abgeschnitten?
Nein, aber ich lebe jetzt seit fast 20 Jahren in den USA und kann mich in Englisch präziser ausdrücken. Doch ich komme immer wieder gerne in die Schweiz zurück. Und ich warte immer noch darauf, dass Sprüngli endlich eine Filiale in Palo Alto eröffnet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.06.2014, 07:30 Uhr

Swiss Economic Forum

Chuard, Burkhalter, Sarkozy

Der 40-jährige Alain Chuard aus Bolligen bei Bern ist neben Nicolas Sarkozy, Arianna Huffington, Bundesrat Didier Burkhalter und weiteren Grössen der Unternehmenswelt einer der Referenten am Swiss Economic Forum, das seit gestern und bis heute Abend in Interlaken stattfindet. Leitthema des bedeutendsten Forums der Schweizer Wirtschaft ist «The Big Shift», womit vor allem die Verlagerung wirtschaftlicher Macht von West nach Ost gemeint war. Bei der Eröffnungsrede von Burkhalter dominierten allerdings die Zukunft der bilateralen Verträge mit der EU und die Ukrainekrise. (SDA)

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