Deshalb verkauft Alpiq 49 Prozent seiner Wasserkraftwerke

Der Stromkonzern Alpiq lässt andere Investoren bei seinen Wasserkraftwerken einsteigen. Sieben Fragen zum geplanten Deal und zur finanziellen Situation des Unternehmens.

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Alpiq besitzt 13 Speicherkraftwerke und fünf Flusskraftwerke. Heute Montag hat der Stromkonzern nun angekündigt, Anteile an diesem Kraftwerkpark zu veräussern. Das Unternehmen betont zwar, sich weiterhin mit Überzeugung für die Schweizer Wasserkraft einsetzen zu wollen und die Mehrheit an den Staudämmen und Turbinen zu behalten. Inskünftig sollen aber bis zu 49 Prozent der Kraftwerke anderen Besitzern gehören.

Weshalb verkauft Alpiq knapp die Hälfte seines Kraftwerkparks?
Der Grund ist simpel: Der Stromkonzern braucht schlicht und einfach Geld. Viel Geld. Denn auf das Unternehmen drückt eine grosse Schuldenlast. Angesichts der gesunkenen Preise im europäischen Stromhandel und der damit verbundenen Ertragseinbussen kann Alpiq die Zinslast auf seinem Fremdkapital nicht mehr tragen. In den letzten Jahren wurde die Schuldenlast daher schon deutlich reduziert. Seit 2012 sank die Nettoverschuldung von rund 4 Milliarden Franken auf nun noch 1,3 Milliarden Franken. Angesichts der finanziellen Lage des Unternehmens hat Alpiq zudem entschieden, keine Dividende mehr auszuschütten und auch den Aktionären, die Alpiq mit einem Darlehen unter die Arme gegriffen haben, keine Zinsen mehr zu zahlen. Der Teilverkauf soll aber auch dazu beitragen, dass Alpiq in Zukunft weniger vom Grosshandelspreis für Strom abhängig ist. Weil dieser derzeit sehr tief ist, haben Alpiq und andere Stromunternehmen derzeit nämlich grosse Schwierigkeiten, überhaupt noch gewinnbringend zu wirtschaften.

Wie gravierend ist die finanzielle Lage von Alpiq?
Alpiq hat in den letzten Jahren laufend Verluste geschrieben, kumuliert betrugen diese mehrere Milliarden Franken. 2015 belief sich der Verlust auf 830 Millionen Franken, wie heute bekannt wurde. Grund für die tiefroten Zahlen sind hauptsächlich Abschreiber in der Bilanz. Weil aufgrund der tiefen Strompreise im Grossmarkt nicht mehr damit gerechnet werden kann, mit den Wasserkraftwerken so viel Geld zu verdienen, wie das in der Vergangenheit der Fall war, hat Alpiq deren Wert in ihren Bücher angepasst. Zudem wurde das Ergebnis aber auch durch Rückstellungen sowie einen Methodenwechsel bei der Bewertung des Stilllegungsfonds der Atomkraftwerke Gösgen und Leibstadt, an denen Alpiq beteiligt ist, gedrückt. Und schliesslich hat auch die Aufwertung des Frankens nach der Aufhebung des Euro-Mindestkurses dazu beigetragen, dass Alpiq tiefrote Zahlen schrieb.

Kommt der Verkauf von 49 Prozent an den Wasserkraftwerken überraschend?
Dass Alpiq nun knapp die Hälfte seiner Wasserkraftwerke anderen Investoren anbietet, bezeichnet Stefan Krummenacher als «eine Lawine». Krummenacher ist Partner bei Enerprice, einem Unternehmen, das Grosskunden beim Energieeinkauf berät und deshalb die Marktverhältnisse genau mitverfolgt und kennt. Ganz unerwartet komme der Schritt von Alpiq zwar nicht, sagt Krummenacher. Es sei aber wie bei einer Lawine – man sehe den Schneefall und sei dann, wenn die Lawine komme, doch überrascht. Für Sven Bucher, Analyst bei der Zürcher Kantonalbank, kommt der Verkauf zwar ebenfalls nicht unerwartet. Man habe angesichts der Marktlage und bisheriger Ankündigung davon ausgehen können, dass Alpiq sich von weiteren Vermögenswerten trenne. Erstaunt sei er aber über die Grössenordnung der Devestition.

Wer kommt als Käufer für die Beteiligung an den Wasserkraftwerken infrage?
Alpiq selbst spricht von in- und ausländischen Investoren mit einem langfristigen Anlagehorizont, die als Käufer infrage kommen. Zudem sollen sich auch Energieversorger mit Endkunden im nicht liberalisierten Schweizer Markt an den Wasserkraftwerken beteiligen können. Bei diesen kann sich ZKB-Analyst Bucher durchaus ein gewisses Interesse für ein Investment vorstellen. Diese könnten die Gestehungskosten geltend machen und sich zudem mit einem Einkauf bei den Wasserkraftwerken mittel- und langfristig gegen wieder steigende Grosshandelspreise absichern. Momentan profitieren solche Stromversorger allerdings noch von den tiefen Handelspreisen. Unklar sei jedoch, wie die Situation in zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren aussehe. Bucher sieht allerdings auch andere mögliche Investoren – so seien auch Konsortien von Playern aus der Branche und Finanzinvestoren denkbar. Solche Konsortien haben etwa auch Interesse an der Beteiligung am Stromnetzbetreiber Swissgrid angemeldet, welche Alpiq abgestossen hat, über deren Verkauf derzeit aber noch Verhandlungen am Laufen sind, weil juristische Probleme aufgetaucht sind. Auch Enerprice-Partner Krummenacher kann sich vorstellen, dass neben Energieversorgern mit Endkunden auch andere und speziell ausländische Investoren mit einem langfristigen Anlagehorizont sich für Anteile am Alpiq-Wasserkraftpark interessieren könnten.

Sind die Anlagen für Finanzinvestoren attraktiv?
Kurzfristig eher nicht. Denn momentan ist die Stromproduktion in den Wasserkraftwerken nicht profitabel. Im Parlament wird derzeit im Rahmen der Energiestrategie sogar die Subventionierung von bestehenden Grosswasserkraftwerken diskutiert. Sowohl der Ständerat wie auch der Nationalrat haben dem Vorhaben bereits zugestimmt, allerdings besteht noch keine Einigkeit über das Subventionierungsmodell. Da aber ungewiss ist, wie sich der Markt und die Rahmenbedingungen in der Schweiz und in Europa entwickeln, und Kraftwerke immer langfristige Investitionen sind, könnten sich die Investitionen durchaus rechnen. «Der Preis muss stimmen», nennt ZKB-Analyst Bucher die Voraussetzung dafür. Attraktiv könnte eine Beteiligung unter anderem für EOS sein. EOS ist eine von Westschweizer Elektrizitätsunternehmen gemeinsam gehaltene Gesellschaft, die mit 31,4 Prozent grösste Aktionärin von Alpiq ist. Die Elektrizitätsunternehmen hinter EOS haben also auch ein Interesse an einer finanziellen Gesundung von Alpiq.

Ist der Zeitpunkt für den Verkauf gut?
Eigentlich nicht – denn Wasserkraftwerke sind heute sehr viel schlechter bewertet als noch vor einigen Jahren. Der Preis, den Alpiq für die Minderheitenbeteiligung lösen kann, dürfte also eher tief sein. Allerdings bleibt Alpiq angesichts ihrer finanziellen Lage nicht viel anderes übrig. In der Medienmitteilung kündigt sie zudem die Prüfung einer weiteren «Portfoliobereinigung nicht strategischer Assets» an. Sprich: Zur weiteren Reduktion ihrer Schulden könnten weitere Vermögenswerte verkauft werden. Dies hat der Stromkonzern übrigens bereits in den vergangenen Jahren gemacht: Alleine 2015 wurden unter anderem Beteiligungen an einem Gaskombikraftwerk in Frankreich, an Kleinwasserkraftwerken in Norwegen sowie an vier Schweizer Wasserkraftwerken verkauft, ebenso die Anteile am Stromnetzbetreiber Swissgrid und an den Energiebörsen EEX und Powernext.

Ist Alpiq das einzige Stromunternehmen, dem es schlecht geht?
Nein, die ganze Strombranche hat aufgrund der von Subventionen für erneuerbare Energien und tiefen Ölpreisen geprägten Marktlage mit Problemen zu kämpfen. Riesige Abschreiber auf ihren Kraftwerken und rote Zahlen hat in den letzten Jahren beispielsweise auch die Axpo verzeichnet. Für Stefan Krummenacher von Enerprice hat Alpiq allerdings noch etwas weniger Spielraum, weil ein grosser Geschäftsanteil des Konzerns im Handel liegt. Gleichzeitig erzielt Alpiq relativ wenig Erlöse mit Netzdienstleistungen und hat keinen direkten Zugang zum Endkunden – beides Geschäftsfelder, die eine stabilisierende Wirkung hätten. Krummenacher schliesst aus seinen Beobachtungen ausserdem, dass Alpiq «überorganisiert» ist. Sprich: einen zu teuren Verwaltungsapparat hat. Der Partner von Enerprice hat sich nach eigenen Angaben schon bei der Fusion von Atel und EOS zu Alpiq vor rund sieben Jahren über die damalige Fusion gewundert. «Rückblickend ist das zwar einfach zu sagen, aber ich habe schon damals kaum Synergien zwischen den beiden Unternehmen gesehen.» War die Bildung von Alpiq also ein strategischer Fehler? Im Nachhinein gesehen fand die Fusion sicherlich zu einem absolut ungünstigen Zeitpunkt statt, sagt ZKB-Analyst Bucher. Damals habe der Markt allerdings noch ganz anders ausgesehen und das Zusammengehen durchaus der Branchenentwicklung entsprochen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.03.2016, 16:02 Uhr

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