Interview

«Dialog ist effektiver als Mediendruck»

Studienautor Gregor Greber über die Höhenflieger und die schwarzen Schafe bei der Corporate Governance – und über seine Hoffnungen in Bezug auf die Wirkung der Minder-Initiative.

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Herr Greber, die Publikumsaktionäre vieler Firmen sind aus ihrem Tiefschlaf erwacht. Aber wird der Aktionärsfrühling auch zum Aktionärssommer?
Wir sind überzeugt, dass das Engagement in Zukunft weiter zunimmt. Andererseits dürfen Unternehmen die Aktionäre auch ein wenig mehr in die Pflicht nehmen: Nicht, weil sie durch die Minder-Initiative dazu gezwungen werden, sondern weil Mitbestimmung zur kulturellen Selbstverständlichkeit gehören sollte. Heute gilt die Aktionärsdemokratie längst noch nicht überall.

Woran hapert es?
Bei der statutarischen Einschränkung der Aktionärsrechte. Drei von zehn börsenkotierten Schweizer Unternehmen schränken das Prinzip «eine Aktie – eine Stimme» nach wie vor ein. In diesen Firmen greift auch die Minder-Initiative nicht richtig: In Unternehmen wie Schindler, wo die Besitzerfamilie gleichzeitig den Verwaltungsrat mitdominiert und einen Grossteil der Stimmrechte ausübt, findet faktisch keine Aktionärsdemokratie statt.

Ist die Bereitschaft zur Veränderung da?
Vielfach nur unter Druck. Die Aktionärsstruktur steht meist nur dann zur Diskussion, wenn Unternehmen ihre Aktionäre um zusätzliches Geld bitten – etwa bei einer Kapitalerhöhung oder Übernahmetransaktionen. Unter diesen Umständen fordern Aktionäre nicht nur die Partizipation am Erfolg, sondern auch am Entscheidungsprozess.

Kein Unternehmer gibt gerne Privilegien auf.
Deshalb braucht es viel Überzeugungsarbeit. Ein Highlight dieses Jahres ist der Fortschritt der Arbonia-Forster-Gruppe, mit der wir über die Jahre viel korrespondiert und unzählige Gespräche geführt haben. Die Aufhebung der Eintragungsbeschränkung und die Erneuerungen im Verwaltungsrat wurden schliesslich durch diesen Verwaltungsrat selbst initiiert, es brauchte dazu keinen Aktionärsantrag.

Ist der Investorendialog effektiver als der Showdown an der Generalversammlung?
Der Dialog führt meist weiter als öffentlich über die Medien ausgeübter Druck. An der Generalversammlung sind die meisten Meinungen ohnehin gemacht.

Ziehen eigentlich alle Aktionärsvertreter am gleichen Strang?
Bei zCapital versuchen wir nicht mit Macht, sondern mit Argumenten zu überzeugen. Andere Aktionärsvertreter erlangen durch die Kumulierung möglichst grosser Stimmenanteile Gehör. Im Prinzip verfolgen aber etliche Akteure das gleiche Ziel: Es geht um die Wahrung der Aktionärsinteressen. Ein Nachteil der grossen Aktionärsvertreter aus den USA ist ihr grosses Firmenuniversum. Bei Schweizer Unternehmen wird oft nur abgearbeitet, was tatsächlich auf der GV-Traktandenliste steht. Als lokale Aktionärsvertreter versuchen wir darüber hinauszugehen. Beim Vermögensverwalter GAM war beispielsweise keine Abstimmung über den Vergütungsbericht traktandiert. Um trotzdem ein Zeichen zu setzen, lehnten wir die Decharge des Verwaltungsrats ab.

Bei der Bank Julius Bär wurde der Vergütungsbericht dieses Jahr abgelehnt. Trotzdem erscheint die Firma im Ranking von zCapital auf Rang 5 von 150 Unternehmen. Wie kommt das?
Vielfach führt gute Corporate Governance auch zu besseren Vergütungssystemen. Aber Salärhöhe und -modus sind nicht die einzigen Aspekte der Unternehmensführung. Ein positives Zeichen ist, dass der Verwaltungsrat von Julius Bär eine Konsultativabstimmung zur Vergütung eingeführt hat und nach dem negativen Abstimmungsergebnis zur Einsicht gekommen ist, dass es ein Fehler war, die Vergütung im Anschluss an die Übernahme der globalen Vermögensverwaltung von Merrill Lynch zu ändern. Unternehmen sollen auf ihre Aktionäre hören – umgekehrt sollten sich diese aber nicht um ihre Verantwortung drücken.

Zwischen dem Anleger und der Firma stehen oft mehrere Zwischenstationen. Wie soll das künftig mit der Mitbestimmung funktionieren?
Für Pensionskassen wird es sicher unmöglich, jeden einzelnen Destinatär zu den Traktanden sämtlicher Firmen zu befragen. Umso wichtiger wird es für den Stiftungsrat, bei der gepoolten Mitsprache klare Richtlinien anzuwenden und diese den Mitgliedern zu kommunizieren. Ähnliches gilt für Fondsanbieter im Umgang mit ihren Anteilseignern.

Wo stünden wir aktuell, wenn es eine Masszahl für die Aktionärsdemokratie gäbe?
Auf einer Skala von 0 bis 100 wohl zwischen 40 und 50. Institutionelle Anleger besitzen in Vertretung ihrer Kunden etwa drei Viertel am Aktienkapital globaler Börsenfirmen. Gerade bei kleineren oder ausländischen Unternehmen wird oftmals auf die Wahrnehmung der Stimmrechte verzichtet, weil man den Aufwand als zu gross empfindet. Obwohl die Teilnahmequoten an den Generalversammlungen steigen, sind wir bei der Aktionärsdemokratie sicher noch in der unteren Hälfte des Wünschbaren.

Was werden die Knackpunkte bei der Umsetzung der Minder-Initiative?
Die Unternehmen sollten eine gewisse Flexibilität bei Transferzahlungen an Manager bewahren können. Sonst trocknet der Arbeitsmarkt in diesem Segment aus, und wünschenswerte Beteiligungspläne werden zu goldenen Fesseln. Schlecht wäre auch, wenn Unternehmen bei jedem Wechsel im Management eine ausserordentliche GV veranstalten müssten, um den Vertragsabschluss zu genehmigen. Oder wenn Pensionskassenvertreter ernsthafte Probleme entstehen würden, falls sie die Stimmrechte in einem Unternehmen nicht wahrnehmen. Nur für schwere Vergehen sollten Strafbestimmungen gelten.

Sie sagen, die Minder-Initiative führt zu einfacheren Salärsystemen. Ist das nicht Wunschdenken?
Das Studium der Vergütungsberichte sollte doch nicht mehr Zeit als die Analyse des eigentlichen Geschäftsberichts beanspruchen! Die Aktionäre schätzen ein verständliches Vergütungsmodell durchaus. Künftig ist deren Zustimmung zwingend nötig: Das allein ist ein Anreiz für die Unternehmen. Bereits in den letzten Jahren haben viele Firmen ihre Systeme vereinfacht, Optionsprogramme wurden durch Aktienprogramme ersetzt. Komplizierte Vergütungsmodelle mit besonderer Hebelwirkung lassen sich den Aktionären nur schwer erklären.

Gibt es die heutige Form der Generalversammlung in zehn Jahren überhaupt noch? Diese Veranstaltungen kosten viel Geld, zahlreiche Redner tragen nichts Konstruktives bei, gleichzeitig sind die wichtigen Aktionäre gar nicht anwesend.
Mit elektronischen Abstimmungen lassen sich sicher mehr Aktionäre in die Verantwortung nehmen. Aber auch der Kleinaktionär soll seine Plattform haben. Die Generalversammlung eignet sich hervorragend, um die DNA eines Unternehmens zu spüren: Man sieht, wie die Firma mit den Aktionären umgeht und welche Wertschätzung sie ihnen entgegenbringt. Die Kombination aus physischer und virtueller Generalversammlung sollte man beibehalten.

Erstellt: 23.05.2013, 20:09 Uhr

Studie von zCapital

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Zur Person

Gregor Greber ist Geschäftsführer und Partner beim Zuger Vermögensverwalter zCapital. Zuvor war er in leitenden Funktionen bei Julius Bär, UBS, der Deutschen Bank, Lombard Odier Darier Hentsch und zuletzt bei der Bank am Bellevue tätig. Der 46-Jährige ist Betriebsökonom der Kaderschule Zürich. Er ist verheiratet und Vater dreier Kinder.

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