Dicke Luft in der Schweizer Autobranche

Der starke Franken heizt derzeit den heftigen Wettbewerb zwischen den offiziellen Markenhändlern und den Direktimporteuren zusätzlich an. Gegenseitig hagelt es Vorwürfe und Anschuldigungen.

Seit der Frankenkurs zum Euro gestiegen ist, wird in der Schweiz mit Währungsrabatten geworben: Importautos warten auf Käufer.  Foto: Hans Blossey (Imagebroker, Keystone)

Seit der Frankenkurs zum Euro gestiegen ist, wird in der Schweiz mit Währungsrabatten geworben: Importautos warten auf Käufer. Foto: Hans Blossey (Imagebroker, Keystone)

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Offizielle Markenvertreter und Direktimporteure sind sich seit langem schon nicht grün. Nun droht der Streit um die Werbung mit Preisen und Rabatten aber vollends zu eskalieren und das Verhältnis zwischen den beiden Vertriebskanälen noch mehr zu vergiften. Anfang Jahr hat Amag-Chef Morten Hannesbo die Stimmung angeheizt, indem er in mehreren Medien gegen die Direktimporteure wetterte.

In einem Interview mit dem «SonntagsBlick» warf er den Direktimporteuren krumme Touren bei Rabattangaben vor. Ein Direktimporteur könne behaupten, ein Fahrzeug sei 29 Prozent günstiger als beim offiziellen Markenhändler. Doch da würden Importautos mit Schweizer Fahrzeugen verglichen und Occasionen mit Neuwagen, «zu Fantasiepreisen ohne Berücksichtigung all­fälliger Pakete und Rabatte», sagte Hannesbo.

«Wildwest-Situation»

Er setzte an gleicher Stelle zum Rundumschlag an: «Solche Preisvergleiche sind nicht gesetzeskonform. Einige Direktimporteure respektieren die Preisbekanntmachungsverordnung nicht und verkaufen so falsch beworbene Fahrzeuge. Wenn die Gesetze nicht respektiert werden, habe ich ein Problem. Und auch damit, dass das verantwortliche Staatssekretariat für Wirtschaft, die Gewerbepolizei und die Kantone einfach wegschauen.» Kurz darauf wurde der Amag-Chef in der NZZ mit ähnlichen Aussagen zitiert und sprach von einer «Wildwest-Situation», die schlecht sei für die Branche.

Der Vorwurf stosse ins Leere, heisst es beim Verband freier Autohandel Schweiz (VFAS). «Es erstaunt aber, dass just der Vertreter eines Unternehmens mit solchen Anschuldigungen kommt, gegen welches die Wettbewerbsbehörden wegen Rechtsverstössen ermitteln und möglicherweise Geldbussen auferlegen werden», kontert VFAS-General­sekretär Joël Thiébaud.

«Grau» oder «frei»

In der von Hannesbo erwähnten Preisbekanntgabeverordnung ist geregelt, inwieweit Vergleiche mit dem ­eigenen vorhergehenden Preis (Selbstvergleich) oder dem Angebot eines anderen Händlers (Konkurrenzvergleich) zulässig sind. Zum Beispiel darf der ­Vergleichspreis bei einem Angebot wie «vorher 25'000 Franken, jetzt nur 21'000 Franken», lediglich während der Hälfte der Zeit bekannt gegeben werden, ­während der dieser Preis auch angewendet wurde und maximal nur während zweier Monate. Sprich: Jede Rabatt­aktion darf maximal für zwei Monate beworben werden.

Der Konflikt zwischen den verschiedenen Vertriebswegen um Preise, Rabatte und Bezugsgrössen schwelt schon lange. Wie explosiv das Verhältnis ist, zeigt sich allein schon darin, dass die offiziellen Markenvertreter das Geschäft der Direktimporteure durchwegs als «Grauimport» oder «Schattenimport» titulieren. Die Direktimporteure bezeichnen sich hingegen als «unabhängig» und «frei».

Währungssituation belastet

Einen zwischenzeitlichen Höhepunkt erreichte der Streit in der Branche, als der Verband der offiziellen Importeure, Auto Schweiz, einen Direktimporteur gegen Ende des letzten Jahres wegen seiner Preispolitik anzeigte.

Seit die Nationalbank die Anbindung des Frankens an den Euro aufgegeben hat, ist der Druck auf die Branche zusätzlich gestiegen. Was es bedeutet, wenn man eine solche Situation unterschätzt, haben die offiziellen Markenvertreter bereits einmal erfahren. Als der Franken gegenüber dem Euro in den Jahren 2010 und 2011 an Stärke gewann, zauderten die offiziellen Markenvertreter lange damit, die Preise anzupassen. Der Vorwurf wurde laut, man versuche, den Kunden die Währungsgewinne vorzuenthalten.

Buhlen um die Kundschaft

Diese Situation machten sich die Direkt­importeure zunutze: Sie positionierten sich mit günstigen Angeboten und konnten so neue Kunden gewinnen. Diese Entwicklung lässt sich auch bei den Marktanteilen der Direktimporteure ablesen, die deutlich zulegten. Zumindest bis zum Juli 2012, als die Einführung der neuen CO2-Emmissionsvorschriften diese Entwicklung bremste.

So weit wollen es die offiziellen Importeure dieses Mal nicht kommen lassen. Nach dem Entscheid der Schweizerischen Nationalbank vom 15. Januar ging einer nach dem anderen mit Rabatten und Europrämien in die Werbeoffensive, in der Hoffnung, die Direktimporteure ausbremsen zu können. Mehrere Automarken gewähren ihren Kunden sogar rückwirkend Eurorabatte, solange das Auto vor dem Kurssturz bestellt, aber noch nicht geliefert wurde. Dem steht die Konkurrenz in nichts nach. Markenhändler und Direktimporteure buhlen gleichermassen um die Aufmerksamkeit der Kunden. Die Stimmung ist aufgeheizt.

Fast täglich seien Inserate von Direkt­importeuren zu sehen, die nicht konform seien, heisst es bei den offiziellen Markenvertretern. Denselben Vorwurf erhebt der VFAS in umgekehrter Richtung. Man verfüge über eine Vielzahl dokumentierter Fälle, in denen sich offizielle Markenvertreter nicht an die Verordnung gehalten hätten. Der Verband selbst orientiere seine Mitglieder laufend über einschlägige Vorschriften, heisst es beim VFAS.

Anzeigen wegen der Werbung

Wie in der Autobranche geworben werden darf, hat das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) in einer Broschüre festgehalten, die speziell auf die Bedingungen bei Motorfahrzeugen eingeht. Zur aktuellen Situation, wie die Verordnung in der Praxis tatsächlich befolgt wird, will man sich beim Seco nicht äussern. Der Vollzug sei Sache der Kantone, heisst es.

«Unsere Mitglieder erhalten bereits wegen einer kleinen Ungenauigkeit in der Werbung eine Strafanzeige», sagt Andreas Burgener, Direktor beim Importeurverband Auto Schweiz. Er spricht von einer Ungleichbehandlung: «Bei Kiesplatzhändlern schauen die Gewerbepolizisten viel weniger genau hin», so Burgener.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.02.2015, 23:44 Uhr

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