Die Abkehr von der Tradition

Die Zürcher Traditionsbank Vontobel kauft im Asset-Management statt wie angekündigt im Private Banking zu.

Wird eine deutlich höhere Affinität zur Welt der grossen Investoren als zu jener der Beratung reicher Privatkunden nachgesagt: CEO Zeno Staub.

Wird eine deutlich höhere Affinität zur Welt der grossen Investoren als zu jener der Beratung reicher Privatkunden nachgesagt: CEO Zeno Staub. Bild: Keystone

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Bei der Bank Vontobel zeichnet sich ein grundlegender Wandel ab. Mit dem gestern bekannt gegebenen Kauf von vorerst 60 Prozent der englischen TwentyFour baut Vontobel ihr Asset-Management aus – die Vermögensverwaltung für institutionelle Kunden. Es ist schon bisher die stärkste Division der Bank. Für einen geheim gehaltenen Preis bringen zehn Partner des britischen Unternehmens 6,5 Milliarden Franken an verwalteten Vermögen zu Vontobel.

Damit erhält die aktuelle Aufstellung von Vontobel eine deutliche Schlagseite, da die beiden anderen Standbeine der Bank an relativer Bedeutung einbüssen dürften. Betroffen ist vor allem das Private Banking für reiche Privatkunden, aber auch das Investmentbanking mit seinem Fokus auf strukturierte Produkte verliert an Gewicht.

Kaufgespräche bestätigt

Weitere Zukäufe im Bereich des Asset-Managements dürften folgen. Die Bank Vontobel bestätigte Kaufgespräche für die deutsche Meriten Investment Management, Tochter eines New Yorker Bankhauses mit rund 25 Milliarden Euro Kundenvermögen. Das Vorpreschen der Bank Vontobel im Asset-Management überrascht. Denn seit 2012 spricht die Führung der Familienbank vom Vorhaben, im Geschäft mit vermögenden Privatkunden eine geeignete Übernahme zu tätigen. Vontobel-Chef Zeno Staub verwies damals auf 600 Millionen Franken in der Kasse, die für eine Akquisition bereitlägen.

Das ist zwar weniger, als für einen grossen Fisch wie die Basler Privatbank Sarasin oder die von der Julius Bär erworbene Merrill Lynch International ­nötig gewesen wäre. Aber der Betrag hätte längst genügt, um eine der zahlreichen Gelegenheiten beim Schopf zu ­packen, die sich in jüngerer Vergangenheit boten. Dazu kam es jedoch nicht. Ob Morgan Stanley Schweiz, Teile der HSBC Schweiz oder aktuell der internationale Ableger der englischen Coutts Privatbank – immer haben andere das Rennen gemacht.

Statt weiter im Private Banking nach einer geeigneten Kaufgelegenheit Ausschau zu halten, setzen die Zürcher nun in einem unerwarteten Schwenker noch mehr auf ihr Asset-Management. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete dieses mit 108 Millionen Franken den Löwenanteil am Vorsteuergewinn, fast doppelt so viel wie das Private Banking.

Hinter dem Erfolg steht der indischstämmige Rajiv Jain, Chef des New Yorker Vontobel-Ablegers. Dadurch stieg aber auch die Abhängigkeit der Zürcher Zentrale von ihrem Star in den USA. Dass die Bank mit Akquisitionen den Bereich auf eine breitere Basis stellen will, leuchtet somit ein. Doch das schürt Zweifel an der bisherigen ­Strategie.

Was der Vorstoss für die zukünftige Ausrichtung von Vontobel bedeutet, beschäftigt auch die Börse. Die Vontobel-Aktie verlor gestern stärker an Wert als der Gesamtmarkt. Die Verantwortlichen betonten, dass sie die Übernahme in England aus eigenen Mitteln finanzieren könnten. Die Kraft für eine nächste Akquisition in der Vermögensverwaltung wäre somit wohl weiter vorhanden.

Weichenstellung passt zum Chef

Doch das ist nicht entscheidend. Es gehe ums Signal nach innen und aussen, meint ein Vontobel-Insider im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Umworbene Privatebanker würden das Haus Vontobel nun nicht mehr als erste Adresse im Geschäft betrachten, weil sie bessere Chancen bei Konkurrenten sähen. Eine grundsätz­liche Weichenstellung hin zum Asset-­Management passt hingegen zur Karriere von Vontobel-Chef Zeno Staub.

Der 45-Jährige war drei Jahre lang Chef dieses Bereichs, bevor er 2011 als CEO die operative Gesamtverantwortung der Bank übernahm. Staub wird eine deutlich höhere Affinität zur Welt der grossen Investoren als zu jener der Beratung reicher Privatkunden nachgesagt. Und damit auch zu Rajiv Jain, der erst unter Staubs Führung zur grossen Nummer der Bank geworden ist. Umgekehrt zog Staub Teilen des Private Bankings den Stecker. Die unter seinem Vorgänger Herbert Scheidt, der heute als Präsident weiter das letzte Wort hat, vorangetriebene Expansion hat er beendet. In ­Österreich und dem Mittleren Osten zog sich die Bank zurück. Diesen Massnahmen verdankt das Private Banking, wieder auf gesunden Beinen zu stehen.

Doch die gute Ausgangslage dürfte ungenutzt bleiben. Grosse Zukäufe im Private Banking sind jetzt, nachdem die Bank sich für eine spürbare Stärkung ­ihres Asset-Managements entschieden hat, unwahrscheinlicher geworden.

Solange Ehrenpräsident Hans Vontobel über der Bank wacht, bleiben die Folgen noch überblickbar. Die heutige Aufstellung mit den drei Standbeinen Private Banking, Asset-Management und Investmentbank dürfte bestehen bleiben. Doch danach ist von der Familie niemand mehr in einer bedeutenden Stellung in der Bank. Die bisher unantastbare 3-Beine-Strategie könnte somit auf den Prüfstand gestellt werden. Wenn Vontobel dann hauptsächlich als erfolgreiche Asset-Managerin wahrgenommen wird, könnte ihr Private Banking zum Fremdkörper werden und zum Verkauf stehen.

Erstellt: 25.03.2015, 21:18 Uhr

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