Die Abschaffung des Feierabends

Die Gewerkschaft Syndicom schlägt Alarm: Angestellte der Telecomindustrie können kaum mehr abschalten, wie eine Umfrage zeigt.

Gearbeitet wird überall: Rund 70 Prozent der Telecomangestellten fühlten sich überdurchschnittlich gestresst, wie eine Befragung der Gewerkschaft Syndicom zeigt. Foto: Gaetan Bally / Keystone

Gearbeitet wird überall: Rund 70 Prozent der Telecomangestellten fühlten sich überdurchschnittlich gestresst, wie eine Befragung der Gewerkschaft Syndicom zeigt. Foto: Gaetan Bally / Keystone

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Manchmal sagt ein Bild mehr als tausend Worte: Nachdem Syndicom-Zentralsekretär Daniel Münger seine einleitenden Worte beendet hatte, zückte er sein Smartphone und war in der Folge sichtlich absorbiert. Derweil präsentierte sein Kollege Giorgio Pardini, Leiter Sektion Telecom/IT, die Ergebnisse einer Umfrage zum Thema Entgrenzung der Arbeit. Damit setzten die beiden Gewerkschaftskader unfreiwillig ihr Thema in Szene: Gearbeitet wird längst nicht mehr nur im eigenen Büro am Computer, sondern überall, wo man Zugriff auf seine Daten hat. Zum Beispiel nach Feierabend am Esstisch, am Sonntagmorgen im Ehebett oder eben parallel zum Abhalten einer Medienkonferenz.

3500 Beschäftigte der vier grossen Telecomanbieter Swisscom, Sunrise, Orange und UPC Cablecom hat die Gewerkschaft Syndicom befragt, um herauszufinden, ob respektive wie sehr die Entgrenzung der Arbeit ihnen zu schaffen mache. Die Gewerkschafter stützten sich dabei auf die Hypothese, dass flexible Arbeitsmodelle und Arbeitsplatzmobilität «zu einer permanenten Einschränkung bzw. zum Verlust der persönlichen Zeitsouveränität führen».

Geschäftsleitungsmitglied Pardini wurde in seinen Ausführungen rasch grundsätzlich. Moderne Errungenschaften wie Vertrauensarbeitszeit und «Management by objectives» hätten negative Auswirkungen auf Lebensqualität und Gesundheit der Angestellten. Viele seien nicht in der Lage, in der vertraglich vorgegebenen Zeit die Arbeit zu erledigen, Überstunden oder die Verlagerung der Arbeit in die Freizeit seien die Folge. Wer sich schützen wolle, müsse mit beruflichen Nachteilen rechnen und drohe zum Opfer von «Sozialdarwinismus» zu werden. Die Arbeit werde so sehr verdichtet, dass den Angestellten in der gleichen Zeit immer mehr abverlangt werde, ohne dass sie für die Produktivitätssteigerung belohnt würden.

Arbeitsgesetz mit Industrielogik

Die Antworten der Telecomangestellten auf die 20 Fragen stützen diese Sichtweise nur zum Teil. Zwar gaben knapp drei Viertel der Befragten an, im Jahr 2013 mehr geleistet zu haben pro Stunde als in den Vorjahren, rund 70 Prozent fühlten sich überdurchschnittlich ges­tresst. Ob dafür allerdings, wie von Pardini suggeriert, der Zwang zu ständiger Erreichbarkeit verantwortlich ist, geht aus den Antworten nicht eindeutig hervor. So gaben nur 31 Prozent an, von ihnen werde erwartet, dass sie ausserhalb des normalen Pensums per E-Mail, Telefon oder SMS erreichbar seien. Fast die Hälfte der Befragten nutzt diese Kanäle in der Freizeit regelmässig für geschäftliche Aktivitäten ohne entsprechenden Druck vom Arbeitgeber.

«Solange die Unternehmenskultur ein solches Verhalten fördert und belohnt, sind Freizeit und Gesundheit der Angestellten bedroht», resümiert Pardini, was sich auch darin zeige, dass mehr als zwei Drittel der Befragten auch zu Hause regelmässig an die Arbeit gedacht hätten. Daraus leiten die Gewerkschafter eine Reihe von Forderungen ab, etwa Lohnerhöhungen, breitflächige Arbeitszeiterfassung, Ausbau des Personal-Etats und zusätzliche Erholungszeit für die Angestellten.

Für den Fall, dass die Arbeitgeber nicht in GAV-Verhandlungen und via interne Regeln Hand bieten zu einem Kulturwandel, erwägt Giorgio Pardini einen politischen Vorstoss. Das Arbeitsgesetz sei viel zu stark der Industrielogik verpflichtet. In der digitalisierten Arbeitswelt müsse nicht nur die körperliche, sondern auch die psychische Integrität der Angestellten geschützt werden.

Erstellt: 19.02.2015, 19:18 Uhr

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