Die Altlasten des Swiss-Life-Chefs

Der scheidende Konzernchef Bruno Pfister hinterlässt mehrere Baustellen. Während der Geschäftsbereich International schwächelt, drohen dem Unternehmen wegen Klagen der US-Justizbehörden.

Nach sechs Jahren an der Spitze tritt Swiss-Life-Chef Bruno Pfister im Sommer ab. Foto: René Ruís (Keystone)

Nach sechs Jahren an der Spitze tritt Swiss-Life-Chef Bruno Pfister im Sommer ab. Foto: René Ruís (Keystone)

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Bruno Pfister hat eine glänzende Karriere hinter sich. Der Jurist mit Anwaltspatent verdiente sich seine Sporen als Berater bei McKinsey, wurde später Banker bei der Credit Suisse und wechselte 2002 zur Swiss Life. Dort gings steil nach oben: Pfister wurde Finanzchef, danach Leiter des Bereichs International, schliesslich Konzernchef. Als solcher hat er sechs Jahre lang die Gruppe gesteuert. Jetzt ist Schluss. Am Mittwoch verabschiedet er sich von den Aktionären, Mitte Jahr übergibt er das operative Steuer an Patrick Frost, der unter ihm die Finanzanlagen verwaltete.

Auf den ersten Blick tritt der Versicherungschef als Erfolgsmanager ab. Seine Swiss Life hat letztes Jahr mit fast 800 Millionen Franken den höchsten Gewinn der letzten Jahre erzielt, was den Eigentümern eine Rendite von 8 Prozent beschert. Netto nahm die Firma 13 Milliarden Prämien ein – ein Höchststand. Der Swiss Life geht es zum Ende der Ära Pfister blendend.

Unter der glänzenden Oberfläche sieht das Bild weniger rosig aus. Es tauchen Altlasten auf, die je nachdem, wie Ermittlungen in den USA ausgehen, zu hohen Bussen führen könnten. Weiter drohen Abschreiber auf teuren Übernahmen. Ein Kenner rechnet mit mehreren Hundert Millionen Franken Verlusten. Pfister selber wird als Erfolgskapitän mit prall gefüllten Taschen von dannen ziehen. Für 2013 erhielt er über 4 Millionen Franken Lohn und Bonus, deutlich mehr als im Jahr zuvor. Käme es später zu Korrekturen, müsste statt Pfister sein Nachfolger den Kopf hinhalten.

Bereich International harzt

Die schwerste Hypothek belastet den Geschäftsbereich International, den Pfister als Ex-Leiter massgeblich geprägt hat. Dort fokussiert die Swiss Life bis heute auf vermögende Privatkunden und global agierende Firmen und bietet diesen massgeschneiderte Produkte rund um Vermögensverwaltung, Erbschaften und Nachfolgeregelung an. Die Sparte International sei ein wichtiger Teil der Strategie, betont die Firma, bei den reichen Privatkunden sehe man «sehr gute Chancen». Lebensversicherungen seien für diese ein «geeignetes Instrument», die Swiss Life verfüge «über eine exzellente Marktposition». Das Geschäft soll über die Gesellschaften in Luxemburg und Singapur «gezielt» weiterentwickelt werden. 2013 habe die Sparte «erstmals ein deutlich positives Ergebnis» geliefert.

Allerdings handelt es sich um einen geringen Gewinn. Mit nur 16 Millionen Franken leistete die Sparte International den mit Abstand kleinsten Beitrag: Auf diese Sparte entfielen nur gerade 1,4 Prozent der 1,1 Milliarden Franken an operativem Gewinn. Umgelegt auf die insgesamt 767 Vollzeitstellen machte das 21 000 Franken pro Kopf. Der Heimmarkt Schweiz steuerte demgegenüber fast 17 Prozent und Frankreich sogar über 20 Prozent zum Erfolg bei. Das Problem des Bereichs International ist, dass er nicht wächst. Im Gegenteil: 2013 schrumpfte er sogar recht stark. Um knapp 9 Prozent gingen die Einnahmen zurück, während sämtliche anderen Sparten zulegten, zum Teil sogar zweistellig.

Die Swiss Life betont den Trend. Ein Minus von 334 Millionen Franken habe sich in ein Plus von 16 Millionen verwandelt. Nur: Der Spielraum ist eng. Müsste die Sparte grössere Abschreibungen vornehmen, fiele er sofort ins Minus. Zudem sind die Kosten ein Problem. Im Vertrieb wurden Jobs gestrichen, was ein Alarmsignal ist in einem Geschäft, das die Unternehmensleitung ausbauen will. Eine Swiss-Life-Sprecherin bestätigt, dass «einzelne Stellen» abgebaut worden seien, doch hätten die gesamten Vertriebskapazitäten zugenommen. Die «Bilanz» hatte im November 2013 geschrieben, Pfister habe gehen müssen, nachdem dieser bei Präsident Rolf Dörig immer stärker als reiner «Kostendrücker» dagestanden sei.

Riskante Versicherungsmäntel

Zeigt die Entwicklung im Bereich International bei den Einnahmen nach unten, gehen umgekehrt die Risiken hoch. Der Grund sind die sogenannten Wrapper. Dabei handelt es sich um Versicherungsmäntel, mit denen Wertschriften in Bankdepots «umwickelt» werden. Sinn und Zweck dieses Geschäfts, das Mitte der 2000er-Jahre so richtig abhob, war die Optimierung von Steuern. Der Wert der Lebensversicherung wurde via Wrapper direkt mit den von diesen umhüllten Wertschriften bei einer Bank verlinkt. Mit den Produkten – sie heissen Private Placement Life Insurance, kurz PPLI – wurden auch Schwarzgelder umhüllt. Der «Trick» war, dass die nicht deklarierten Vermögen in der Police landeten und später, wenn die Versicherungspolice auslief, verjährt waren.

Die Swiss Life stieg über eine Tochter in Vaduz früh ins Wrapper-Business ein. Innert kürzester Zeit wurde sie zur Marktleaderin mit mehreren Milliarden verwalteten Vermögen. Unter Pfister, der damals den Bereich International führte, baute die Swiss Life das Geschäft massiv aus. 2007 kaufte sie die Liechtensteiner Capital Leben, die vor allem unversteuerte US-Gelder verwaltete. Damals begannen die US-Behörden, Jagd auf amerikanische Steuersünder zu machen. Ende letztes Jahr holte die Geschichte die Swiss Life ein. Ein grosser Teil der Capital-Leben-Gelder lagen bei der Zürcher Bank Frey. Diese stellte ihr Geschäft ein, nachdem sie ins Visier der USA geraten war. Die Swiss Life zahlte den Amerikanern die Policen aus und übernahm deren Wertpapiere auf eigenes Risiko.

Hohe Bussen drohen

Während andere Lebensversicherer versuchten, ihr Wrapper-Geschäft zurückzufahren, machte die Swiss Life weiter. Damit ist sie nun stärker als ihre Konkurrenten exponiert. Gemäss «Wall Street Journal» ermittelt das US-Justizdepartment gegen Schweizer Versicherungen wegen deren Wrapper-Business. Ein Insider vermutet, dass auf die Swiss Life eine dreistellige Millionenbusse zukommen könnte. Ausserdem drohe ein Goodwill-Abschreiber bei der erworbenen ­Capital Leben. Deren Goodwill in den Swiss-Life-Büchern liegt immer noch bei 150 Millionen Franken. Eine Korrektur sei «nicht zu erwarten», meint die Firma. Noch höher ist der AWD-Deal bewertet. Der deutsche Policenvermittler steht mit über 700 Millionen Franken Goodwill in der Bilanz.

Der Versicherer gibt sich gelassen. «Alle von Swiss Life angebotenen Produkte stimmen mit den jeweiligen lokal anzuwendenden rechtlichen und steuerlichen Rahmenbedingungen überein», sagt eine Sprecherin. Man sei bisher von keiner US-Behörde «in irgendeiner Form» kontaktiert worden, auch habe die Firma «keine Kenntnis von einer laufenden oder Anzeichen für eine bevorstehende Untersuchung zu Versicherungsabschlüssen mit US-Personen».

Laut dem Insider will die Swiss Life nicht nur am Wrapper-Geschäft festhalten, sondern dieses sogar weiter ausbauen. Die UBS wolle ihren eigenen PPLI-Bereich verkaufen, und der zuständige International-Chef der Swiss Life, Nils Frowein, werde demnächst eine Offerte dafür einreichen. Frowein, der nicht in der Konzernleitung sitzt, sondern an Konzernchef Pfister rapportiert, würde mit dem Deal kurzfristig einen Erfolg verbuchen können, meint die Quelle. Sollten dann aber die USA Jagd auf die Swiss Life machen, dürften die Kunden aus Furcht vor Strafermittlungen Reissaus nehmen.

Erstellt: 20.04.2014, 06:54 Uhr

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