Die Bomben unter dem eigenen Haus

Superkomplexe Derivate galten als Jahrhunderterfindung der Banken. Denn sie schienen einen alten Traum zu verwirklichen: Profit ohne Risiko. Am Ende brachten sie aber die halbe Welt an den Rand des Ruins.

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Über 48 Millionen Dollar investierten die zehn grössten Banken der Welt dieses Jahr, um eine einfache Botschaft zu vermitteln: Tut bitte nichts. Und es sah aus, als hätten sie Erfolg. 13 Millionen für Lobbying und 35 Millionen als Spenden für die Abgeordneten wirkten überzeugend. Die Finanzmarktreform von US-Präsident Obama schien so gut wie gescheitert.

Mit der geplatzten Blase Milliarden gescheffelt

Bis im April ein eher nebensächliches Routinegeschäft der Bank Goldman Sachs publik wurde. Kurz vor dem Platzen der Blase hatte ein Hedgefonds speziell marode Hypothekenschulden ausgewählt. Der Schrott wurde mit der Hilfe von Goldman auf den Markt gebracht – wo er von naiven Kleinbanken als sicheres Wertpapier gekauft wurde. Worauf der Hedgefonds auf den Totalverlust der Papiere wettete. Und nach deren Implosion eine Milliarde Dollar machte.

Es war ein Geschäftsmodell, als würde ein Restaurant Gift ins Essen streuen. Es als Spezialität auf die Karte setzen. Und dann auf die Kunden eine Lebensversicherung abschliessen.

Mit dieser Geschichte kippte die Stimmung. Nun steht die Finanzmarktreform kurz vor dem Abschluss.

Die «Raketenforscher»

Damit werden zum ersten Mal im grossen Stil Derivate reguliert: das Komplexeste und Schillerndste, was die Bankenwelt hervorgebracht hat. Sie sind kleine Wunderwerke. Die Leute, die sie konstruierten, wurden in Finanzkreisen «Raketenforscher» genannt: Es waren keine traditionellen Banker, sondern Physiker, Mathematiker, Programmierer – und sie sorgten dafür, dass Banking keine langweilige Industrie mehr ist. Sondern Riesenprofite macht. Und Riesenskandale.

Die Meinungen über die Derivate waren vor der Krise scharf geteilt: «Nichts hat die Welt sicherer gemacht», sagte der damalige Notenbankchef Alan Greenspan. Während der Milliardeninvestor Warren Buffett schon 2002 von «finanziellen Massenvernichtungswaffen» knurrte. Nach der Krise sind die Meinungen ebenso geteilt: JP-Morgan-Chef Jamie Dimon sagt: «Es sind einfach Werkzeuge. Man kann auch mit einem Schraubenschlüssel jemanden erschlagen. Sogar mit einer Bibel.» Während der Ökonomienobelpreisträger Paul Krugman behauptet: «Es ist Betrug. Banker sind Plünderer in Anzügen.» Wer hat recht?

Hightech-Finanz-Rokoko

Vielleicht beide. Jedenfalls lohnt es sich, die zwei berühmtesten Derivate im Detail anzusehen: ihre Brillanz, ihre Nützlichkeit, ihre Nebenwirkungen. Modellfall eins ist die CDO (die Collateral Debt Obligation). Die 1983 erfundene CDO löste ein lästiges Problem: Hypotheken waren als Geldanlage unbeliebt. Denn sie haben ein mittleres Risiko (dass ein Hausbesitzer nicht mehr zahlen kann), also auch mittleren Zins. Investoren mögen das nicht. Pensionskassen brauchen Sicherheit. Und Gambler einen scharfen Zins.

Die CDO löste das Problem. Und zwar so, dass Tausende Hypotheken wie ein einziges grosses Investment behandelt wurden. Und dann drei Sorten von Papieren vergeben wurden: 10 Prozent riskante mit tollem Zins, die alle ersten Bankrotte aus dem Paket übernehmen. Dann 10 Prozent mittelriskante, die wertlos werden, wenn mehr als 10 Prozent Ausfälle stattfinden. Die obersten 80 Prozent galten dadurch als bombensicher. Im Prinzip funktioniert die Sache wie ein dreistöckiges Haus: Wenn die Flut kommt, wird zuerst der Keller überschwemmt. Dann das Parterre. Und erst ganz zuletzt das Loft im Dachstock.

Schrott für Gambler

Die drei Tranchen waren ein genialer Dreh: der Schrott für Gambler, die ­Prime-­Papiere für Pensionskassen. Das Geschäft begann in den 90er-Jahren und funktionierte sofort: Die Hypothekenkosten für amerikanische Hausbesitzer sanken dank CDOs um 20 Prozent – weil die Investoren von der neuen Anlage begeistert waren.

Was praktisch sofort passierte, war die Verkomplizierung: Bestand eine CDO 1990 noch aus rustikalen 3 Stockwerken, waren es 1994 schon rokokohafte 150 und mehr Tranchen, sodass nur noch die Mathematiker wussten, was zum Teufel genau in dem Papier passierte.

CDOs werden zu Katastrophengebiete

Und die CDO hatte einen Denkfehler: Ihre Konstrukteure nahmen bei der Bündelung Tausender von Hypotheken an, dass in den USA stets nur ein paar Prozent Hausbesitzer Bankrott gehen würden – und nicht eine Pleitewelle das ganze Land überzöge. Doch genau das passierte: 1994 hob die Nationalbank den Zins um ½ Prozent an. Und überall in den USA konnten viele Leute ihre Miete nicht mehr bezahlen. Die CDOs verwandelten sich für die Investoren in Katastrophengebiete. Die Springflut der Bankrotte verwüstete Keller, Parterre und stieg Richtung Dach. Danach hatten die Leute genug von CDOs. Für sechs Jahre. Denn dann, mit dem Immobilienboom, wurden die zuvor gescheiterten CDOs das schnellstwachsende Finanzprodukt des Planeten. 2007 waren Papiere für 45?000 Milliarden Dollar auf dem Markt.

Die Nachfrage war so irrsinnig, dass die Banken Inserate schalten mussten, um neue Hausbesitzer zu finden: schlicht als Rohmaterial für neue CDOs. Dabei wurden von den Raketenforschern längst nicht mehr nur Hypotheken in CDOs verpackt: sondern Kreditkartenschulden, Studentendarlehen, Businessgebäude, Versicherungsrisiken – alles, was riskant war, wurde so gesichert: mit Tausenden von Tranchen und byzantinischen Labyrinthen von Kleingedrucktem. Am Ende gab es sogar CDOs von CDOs.

Das Böse-Agenten-Problem

Die CDOs waren nicht nur ein Verkaufsschlager. Sie schufen völlig neue Verhältnisse. Nun hatte niemand mehr eine Ahnung: die Schuldner nicht von den Gläubigern. Die Gläubiger nicht von den Schuldnern. Die Käufer nicht vom Produkt – es war schlicht zu kompliziert. Sogar die Verkäufer verstanden es nicht mehr: Am Ende, kurz vor dem Crash, kauften Banken selbst (etwa die UBS) für Milliarden ihr Produkt. Sie begannen, an die eigene Propaganda zu glauben.

Der Geburtsfehler blieb, auch wenn sich niemand mehr daran erinnerte: CDOs sind eine raffinierte Sicherheitskonstruktion für gutes Wetter, doch wenn der ganze Markt sinkt, bricht die Hölle los. Doch für solche Überlegungen war niemand mehr zuständig. Mit den Derivaten hatte sich ein ganz neues Geschäftsmodell durchgesetzt. Banker vor 1980 nahmen Geld zu Zinsen auf. Und verliehen es zu etwas höheren Zinsen. Die Ausfallrisiken wurden von Fall zu Fall geprüft: Die Bank blutete selbst, wenn jemand nicht zahlte. All das war berechenbar, langweilig.

Modernes Banking beruht auf einer anderen Einnahmequelle: Gebühren. Geld bringt nicht mehr das Abwägen einzelner Risiken, sondern das industrielle Managen, Neuordnen, Umschichten, Verpacken und Weitergeben von Risiko: als Finanzprodukt. In diesem Markt trug niemand mehr Verantwortung: Spezialisierte Immobilienbanken suchten Hauskäufer. Die Kontrakte wurden sofort einer Bank weiterverkauft, wo Spezialisten sie bündelten und neu verpackten. Dann wurden sie der Verkaufsabteilung weitergegeben, die sie irgendwohin weiterverkaufte: Jeder interessierte sich nur noch für eines – den unmittelbaren Profit.

Tote Firmen Milliarden wert

In dieser Welt, in der niemand mehr weiss, was beim anderen los ist, waren CDS (Credit Default Swaps), unser zweiter Fall, eine hervorragende Idee. Erfunden wurden sie als Versicherung für Banken gegen die Ausfälle grosser Schuldner. Ein CDS funktioniert im Prinzip einfach: Der Versicherer erhält eine Prämie. Falls der Schuldner bankrott geht, erhält der Versicherte den Kredit zurück.

Ein System, das sinnvoll erscheint. 2006 sagte US-Notenbankchef Greenspan: «CDS sind vielleicht das wichtigste Finanzinstrument überhaupt. Sie machen es möglich, dass die US-Banken die Risiken auf stabile Institutionen verteilen.» Beim Ausbruch der CDO-Finanzkrise versetzten die CDS das gesamte Bankensystem in eine Schockstarre. Die grössten Banken der Welt wagten nicht mehr, einander Geld zu leihen. Was war passiert? Zum Ersten: Die CDS funktionieren nach dem Prinzip: Kassier heute, zahl später. Solange keine Konkurse auftraten, waren die CDS für den Versicherer Gratisgeld. Man nahm es gern und versicherte für Millionen Ausfälle für Milliarden. Ohne im Schadensfall wirklich zahlen zu können.

Zum Zweiten: Die CDS wurden nicht nur auf Konkurse von Firmen, sondern auch auf Wertpapiervehikel (etwa CDOs) ausgestellt. Das war für Banken enorm praktisch. Denn mit dem Bezahlen der Versicherungsprämie verschwanden riesige Kredit- und andere Risiken als abgesichert aus den Büchern. So konnte die Bank, ohne gesetzliche Auflagen zu verletzen, sofort weitere Risiken eingehen. Und diese wieder versichern. Niemand dachte dabei an einen Ernstfall: Es war nur Routineschminke in den Büchern. Als Drittes hatten die CDS noch einen makaberen Nebeneffekt: Sie wirkten wie eine hohe Lebensversicherung – abgeschlossen auf einen Unbeteiligten, bei dem jemand ein Interesse hatte, ihn unter der Erde zu sehen. Dank CDS hatten unwissende Firmen über Nacht mächtige Feinde (etwa Hedgefonds), die ihren Konkurs betrieben. (Im einleitend erwähnten Goldman-Fall ging der Hedgefonds sogar noch eleganter vor: Er konstruierte die Leiche gleich selbst. Und wettete per CDS auf ihren Tod.)

Das fröhliche Bücherschminken

In einer grossen Krise hiess das: Desaster. Denn 9 von 10 CDS-Verträgen hatten die grossen Banken zum Bücherschminken untereinander ausgestellt. Fiel eine Bank, fielen die anderen mit, weil massive Risiken in den Büchern plötzlich nicht mehr abgesichert waren – und die anderen Banken dadurch buchhalterisch bankrott waren. Es war, als hätte man alle Gegenstände eines Zimmers wechselseitig mit Schnüren gesichert. CDS verbanden die Finanzplätze der Welt zu einem einzigen Klumpenrisiko. Die Summen waren fantastisch: Waren CDS im Jahr 2000 noch fast unbekannt, wurde ihr Volumen 2007 auf 62?000 Milliarden Dollar geschätzt: das Fünffache des kumulierten Aktienwerts des Dow Jones.

Wegen der Auswirkungen auf die Bücher der anderen mussten auch die Bank­rotteure gerettet werden, die am gierigsten das Gratisgeld der CDS-Kontrakte gesammelt hatten. 2008 etwa die zwar eher kleine, aber aggressive Investmentbank Bear Stearns. Und dann der Versicherer AIG. Dieser hatte per CDS fast alle versichert. Als erste Schadensfälle eintraten, war die grösste Versicherungsfirma der Welt innert Wochen pleite. Die USA mussten 140 Milliarden Dollar Steuergelder in den Konzern pumpen. Am verheerendsten in der Krise war: Niemand hatte eine Ahnung, wer bei wem wen versichert hatte. CDS waren so reguliert wie der Pizza-Verkauf: gar nicht. Das Resultat war ein sofortiges Einfrieren des Kreditmarkts und der Beinahe-Absturz des Weltfinanzsystems. Weil niemand mehr niemandem traute, nicht pleite zu sein.

Die Welt den Cleveren

Die Hauptpunkte der Obama-Regulierung heissen: Aufsicht, Transparenz und eine zentrale Gegenpartei. Transparenz über die Kontrakte (etwa bei CDS), um Klumpenrisiken zu erkennen. Eine Behörde, um einzugreifen. Und eine von allen Teilnehmern vorfinanzierte Börse, um bei künftigen Ausfällen eines Vertragspartners die Ausfälle zu decken.

Doch die Banklobbyisten haben mit ihren 48 Millionen auch Erfolge erzielt: So werden hochriskante Versicherungen wie die CDS nicht verboten. Und auch eine Derivatebörse eliminiert nicht das Risiko: Statt einzelner Teilnehmer könnte nun der gesamte Markt kippen.

Dank CDS und CDO und tausend anderen komplexen Finanzinstrumenten hat sich die Welt stark verändert: Fanden 1980 noch 80 Prozent aller Geschäfte in regulierten Märkten (und damit in den Büchern sichtbar) statt und 20 Prozent in unregulierten, ist heute das Verhältnis umgekehrt.

Der schlaueste Banker gewinnt

Das heisst im besten Fall: Der schlaueste Banker gewinnt – der Teilnehmer mit den besten Mathematikern und Juristen. «Es waren ja Profis», sagte Goldman-Chef Lloyd Blankfein zu seiner Verteidigung über die Provinzbanken, die den von Goldman fabrizierten Hypotheken-Giftmüll gekauft hatten.

Im schlimmsten Fall heisst es: Die Profis selbst verlieren den Überblick. Und schaffen hochkomplexe Zeitbomben, die unter dem eigenen Haus detonieren. Und unter den Häusern aller anderen gleich auch.

Klar ist nur eins: Ohne harte Regulierungen werden die Raketenforscher immer neue Produkte entwerfen. Neue geniale Lösungen werden das Risiko für immer ausschliessen – bei garantiertem Profit. Neue Verkäufer werden den Satz sagen: «Diesmal ist alles anders!» Und etwas später werden wieder andere dasselbe Fazit ziehen, wie Greenspans Vorgänger, Ex-Notenbankchef Paul Volcker, der kürzlich sagte: «Die einzige sinnvolle Erfindung im Banking der letzten zwanzig Jahre war der Bancomat.»

Erstellt: 10.05.2010, 20:55 Uhr

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