Die Chinesen belagern Amerikas Schinkenhauptstadt

Es wäre die grösste Übernahme eines US-Unternehmens durch eine Firma aus China: Smithfield Foods Inc., der weltgrösste Schweinefleisch-Produzent, soll verkauft werden. In Smithfield schmeckt dies nicht jedem.

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In dieser historischen Stadt im südöstlichen Virginia dreht sich alles ums Schwein. Die Tiere säumen als lebensgrosse Statuen die Innenstadt, Plastikferkel mit Halstuch zieren die Vorgärten. Und just kommt ein Auto vorbei, «Pig Time» heisst es in einer Variante von «Big Time» auf dem Nummernschild – in dieser Stadt erlebt man einfach eine schweinisch gute Zeit.

Jedenfalls bis jetzt. Smithfield in Virginia ist die Heimat des grössten Schweinefleischproduzenten auf der Welt und Hersteller der berühmten Smithfield-Schinken. Das Unternehmen hat die Stadt geprägt. Jetzt soll es von einer chinesischen Firma aufgekauft werden – und viele Einwohner machen sich Sorgen, dass sich damit vieles ändert.

Grösste Übernahme einer US-Firma

Shuanghui International Holdings Ltd., Hauptanteilseigner von Chinas grösstem Fleischverarbeiter, hat Smithfield Foods Inc. unlängst ein Angebot im Umfang von 4,72 Milliarden Dollar gemacht – und die US-Firma will zugreifen. Die US-Regulatoren und Smithfield-Aktionäre müssen allerdings noch zustimmen. Kommt es zu dem Deal, wäre es die grösste Übernahme eines US-Unternehmens durch eine chinesische Firma.

Die Einwohner von Smithfield, der «Schinkenhauptstadt der Welt», sind gespalten. Carolyn Burke ist die Besitzerin der Smithfield Gourmet Bakery and Beanery, wo man sich morgens gern den ersten Kaffee und ein Hefeteilchen abholt. Sie ist schockiert, dass China bald «unser Smithfield besitzen» könnte. «Es ist Smithfield-Schinken», sagt sie: «nicht China-Schinken.»

3000 Arbeiter, 300 Jahre Geschichte

Jeder in der Stadt weiss, was sie meint. Seit über 300 Jahren schon wird hier Schweinefleisch hergestellt, und das Produkt wurde so populär, dass in den 1930er-Jahren viele andere Orte versuchten, sich mit der fremden Feder zu schmücken. Sie gaben ihre eigenen Produkte als Smithfield-Schinken aus. So wurde jeder wirklich in der Stadt hergestellte Schinken mit einem Brandzeichen versehen – als Beweis für Echtheit.

Rund 3000 Menschen sind derzeit in Virginia bei Smithfield Foods beschäftigt. Im jüngsten Bilanzjahr brachte es das Unternehmen auf ein Verkaufsvolumen von 13 Milliarden Dollar und einen Gewinn von 361 Millionen Dollar. Das Unternehmen, die Gründerfamilie und die Beschäftigten bieten Zeit und Geld auf, um ihre Stadt zu fördern – die Projekte reichen von Parkanlagen bis hin zu öffentlichen Toiletten.

«Du hast hier entweder ein Familienmitglied, das in der Firma arbeitet oder gearbeitet hat, oder du hast selbst schon mal dort einen Ferienjob gehabt. Es ist einfach ein solcher Teil unserer Gemeinde», sagt Sheila Gwaltney, Direktorin eines örtlichen Kunstzentrums. «Smithfield war so gut für die Stadt.»

Bürgermeister T. Carter Williams drückt die Daumen, dass die Stadt weiter Schwein hat. «Man sagt uns, dass alles beim Alten bleibt. Und wir alle hoffen nur, dass es so ist.»

«Smithfield muss sich keine Sorgen machen»

Larry Pope, der Topmanager von Smithfield Foods, sagt der Associated Press in einem Interview, der Schritt zeige «die Globalisierung der Welt und wie sie sich auf das kleinstädtische Amerika auswirkt». Zugleich versichert er: «Aber Smithfield, Virginia, muss sich keine Sorgen machen.» Um weiter zu wachsen, müsse man sich eben nach Chancen ausserhalb der Vereinigten Staaten umsehen.

Bob Barnes, der vor seiner Pensionierung zehn Jahre lang als Buchhalter bei Smithfield Foods gearbeitet hat, sieht denn auch in dem geplanten Deal nur Gutes für die Firma. Sie hat im Laufe der Jahre Hoch- und Tiefpunkte erlebt. Eine Herausforderung liegt darin, dass das Unternehmen seine Preise erhöhen muss, um steigende Rohstoffkosten zu verkraften, vor allem eine Verteuerung des Schweinefutters Mais. Aber Preiserhöhungen kommen angesichts der schwachen Wirtschaftslage beim Verbraucher schlecht an. Kaufen diese weniger oder schwenken sie auf billigeres Hühnerfleisch um, bedeutet das Einbussen.

Gut fürs Unternehmen, gut für die Stadt?

Tatsächlich hat Smithfield 2009 seinen ersten Jahresverlust seit 1975 verbucht und 2010 einen weiteren einstecken müssen. Seitdem ist es allerdings wieder bergauf gegangen.

«Jemand muss das Unternehmen ja besitzen», sagt Barnes. «Es geht nur um Geld. Das bekümmert mich nicht, solange es nicht unsere Philosophie, unser Leben, unsere Politik ändert – und solange es nicht zu Schliessungen führt.» Gwaltney pflichtet bei. «Wenn man darüber nachdenkt, sollte das wirtschaftlich sehr gut für das Unternehmen sein. Und was gut für das Unternehmen ist, ist gut für uns.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.06.2013, 21:34 Uhr

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