Hintergrund

Die Economiesuisse verspielt Kredit

Der Wirtschaftsdachverband kämpft derzeit an allen Fronten – und leistet sich dabei folgenreiche Fehltritte. Die Glaubwürdigkeit nehme Schaden, sagen Kritiker.

Hat Economiesuisse Studienresultate ungerechtfertigt interpretiert? Präsident Rudolf Wehrli und Geschäftsführer Pascal Gentinetta. (Archivbild)

Hat Economiesuisse Studienresultate ungerechtfertigt interpretiert? Präsident Rudolf Wehrli und Geschäftsführer Pascal Gentinetta. (Archivbild) Bild: Keystone

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Der mächtige Verband Economiesuisse sieht sich wegen seiner Lobby-Arbeit mit breiter Kritik konfrontiert. Neuester Anlass: Die Art und Weise, wie der Wirtschaftsverband Stimmung macht gegen die Energiewende. «Sollten breite Kreise die engen Grenzen der Studie (von ETH-Professor Peter Egger zur Energiewende, Anm. der Redaktion) und ihre übertriebene Interpretation von Economiesuisse erkennen, so dürfte der Dachverband dies noch bereuen – seine Glaubwürdigkeit leidet», sagt Ökonomie-Professor Beat Hotz von der Uni Zürich. Er beobachtet die Debatte, die nach der Präsentation der von Economiesuisse bei der ETH in Auftrag gegebenen Studie zur Energiepolitik 2050 des Bundesrates entstanden ist. Da sei «einiges an Unbehagen vorhanden» – und zwar nicht nur in Wissenschaftlerkreisen.

ETH-Professor Peter Egger hatte eine Studie zu den volkswirtschaftlichen Auswirkungen der Energiewende erstellt. Titel: «Energiewende in der Schweiz: Simulationsergebnisse zur Energiestrategie des Bundes.» Darin werden verschiedene Szenarien durchgespielt: Einbettung in die internationale Energiepolitik, CO2-Abgabe und Verzicht auf Atomenergie. Resultat der Simulation: Der Einfluss auf die Wirtschaftsleistung reicht von minus einem Prozent bis zu minus 24 Prozent. Verzichtet wurde auf die Einberechnung des technologischen Fortschritts, als Basis wurde das Jahr 2000 genommen.

Die Studienanlage wurde daraufhin kritisiert. Die Studie sei methodisch zwar «topseriös», so ETH-Kollege Anton Gunzinger. Aber die Fragestellung sei falsch. «Das dürfte man so eigentlich nicht machen.» Die Fragestellung sei einzig auf das gewünschte Resultat ausgerichtet.

ETH-Professor reagiert auf Kritik

Nach Kritik an seiner Studienanlage reagierte Egger in einem Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet: «Meine Studie macht keine Prognosen. Wir haben nur Szenarien angeschaut und daraus errechnet, welchen Einfluss sie auf die verschiedenen Wege der Energiewende ausüben.»

Trotzdem hatte Economiesuisse gestützt auf die Daten Eggers darauf ihre ablehnende Haltung zur Energiewende formuliert, die Grundlagen der Energiestrategie 2050 seien «unsolide und volkswirtschaftlich gefährlich». Die Schweiz könnte bis zu einen Viertel seiner Wirtschaftsleistung verlieren, hiess es.

«Interpretation von Economiesuisse völlig überzogen»

Die Interpretation durch Economiesuisse entspreche «in keiner Weise» der ETH-Studie, sagt Rolf Iten, Partner beim Beratungsbüro Infras, der «Neuen Zürcher Zeitung». Uni-Professor Hotz schrieb gestern in einem Gastkommentar für Tagesanzeiger.ch/Newsnet: «Die Aussagekraft der Arbeit von Egger ist sehr beschränkt; die Interpretation und Schlussfolgerungen von Economiesuisse daraus völlig überzogen.»

Erst vor wenigen Wochen geriet Economiesuisse in die Kritik, nachdem der «Tages-Anzeiger» die fragwürdigen Methoden einer PR-Agentur in Diensten des Wirtschaftsverbandes aufdeckte. Demnach wurden Studenten engagiert, um unter falschen Identitäten Leserkommentare in Internetforen zu posten.

Propaganda und Interessenvertretung unter einem Dach

Die Glaubwürdigkeit von Economiesuisse leidet, heisst es nun weitherum. Fragt sich allenfalls noch, wessen Schuld das ist. Liegt es an der Führung um Präsident Rudolf Wehrli und Geschäftsführer Pascal Gentinetta? Economiesuisse-Kenner Viktor Parma verneint: «Weder Präsident Wehrli noch Gentinetta sind das Problem. Das sind intelligente Leute, die ihre Arbeit so machen, wie es das Jobprofil für sie vorsieht.» Parma hatte zusammen mit dem früheren Bundesratssprecher Oswald Sigg «Die käufliche Schweiz – Für die Rückeroberung der Demokratie durch ihre Bürger» geschrieben, worin mitunter die mächtige Rolle der Economiesuisse in der Schweiz beschrieben wird.

Parma glaubt, dass die aktuellen Probleme des mächtigen Wirtschaftsdachverbandes mit dessen Geschichte zu tun haben. «Economiesuisse leidet an ihrem Geburtsfehler, nämlich der Fusion der Wirtschaftsförderung und dem Vorort (dem früheren Wirtschaftsverband, Anm. der Redaktion). Dies brachte Propaganda und Interessenvertretung unter ein Dach. Das aber ist nicht zu machen. Es bringt die Konzernmanager in Verruf, weil sie sichtbar das machen müssen, was sie eigentlich diskret im Hintergrund machen müssten.»

Tagesanzeiger.ch/Newsnet wird Economiesuisse-Geschäftsführer Pascal Gentinetta diesen Nachmittag zum Thema befragen.

Erstellt: 01.02.2013, 13:26 Uhr

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