Die «Financial Times» senkt beim CS-Chef den Daumen

Tidjane Thiam hält viel vom einflussreichen Weltfinanz-Blatt. Allerdings wendet sich dieses nun von ihm ab. Hart ist auch Bloomberg. Und das ist mehr als blosse Meinungsäusserung.

Gilt seit der Bespitzelungs-Affäre unter Beobachtern als angezählt: CS-Chef Tidjane Thiam. Foto: Mike Blake/Reuters

Gilt seit der Bespitzelungs-Affäre unter Beobachtern als angezählt: CS-Chef Tidjane Thiam. Foto: Mike Blake/Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Konzernchef der Credit Suisse, Tidjane Thiam, bleibt angeschlagen und für den Ruf und das Geschäft der Bank eine Belastung. Das zeigt nicht nur die Reaktion der Medien in der Schweiz, die einheitlich die Kommunikation der Bank zu den Hintergründen der aus dem Ruder gelaufenen Beschattung ihres ehemaligen Vermögensverwaltungschefs Iqbal Khan als ungenügend und wenig glaubwürdig qualifizierten.

Noch wichtiger für die Bank ist die vernichtende Einschätzung führender internationaler Finanzmedien. Schmerzhaft für Thiam persönlich ist wohl vor allem, zu welchem Schluss die britische «Financial Times» kommt – dem Vernehmen nach hat sie für den Credit-Suisse-Chef unter den Medien das grösste Gewicht.

In ihrer viel beachteten «Lex»-Kolumne endet ein «Financial-Times»-Beitrag zum Credit-Suisse-Skandal mit den Worten: «Vermögensverwalter müssen hohe Standards an professionellem und persönlichem Verhalten nachweisen. Herr Thiam muss sich fragen, ob er der Richtige ist, um die Credit Suisse aus dem Loch zu führen, in das sie durch die jüngsten Fehlurteile geraten ist.» Das grenzt an eine Rücktrittsaufforderung.

Die Zweifel sind «nur noch grösser»

Die Zeitung schreibt, die Opferung des operativen Chefs Pierre-Olivier Bouée und der kurze Report der «unabhängigen» Schweizer Rechtsanwaltskanzlei (die Anführungszeichen finden sich im Kommentar) würden nach Schadensbegrenzung aussehen. Doch «die Zweifel sollten nur noch grösser werden, ob Tidjane Thiam geeignet ist, eine Bank zu leiten, die 1,5 Billionen Franken an Vermögenswerten verwaltet».

Wie andere Medien zweifelt auch die «Financial Times» an der Behauptung der Bank, Bouée sei allein für den Auftrag zur Verfolgung und Beschattung Khans verantwortlich. Das sei wenig glaubwürdig («it strains credulity»). Es wäre aussergewöhnlich, wie die Finanzzeitung schreibt, wenn Bouée und Thiam die Angelegenheit nicht debattiert hätten. Schliesslich hätten die beiden französischen Staatsbürger seit dem Start ins neue Jahrhundert zusammengearbeitet. In einer Anspielung auf die Führungskultur schreiben die Autoren des Kommentars noch dazu: «Wenn Herr Thiam wirklich nichts von einer so gefährlichen Operation wusste, hätte er informiert sein sollen.»

Ähnlich ungnädig wie die «Financial Times» urteilt die Finanzkolumnistin Elisa Martinuzzi von Bloomberg über das anhaltende Glaubwürdigkeitsproblem von Tidjane Thiam nach der Kommunikation der Credit Suisse. Bloomberg ist eines der zentralen Nachrichtenportale der Finanzwelt. Allein der Nachbarschaftsstreit zwischen Khan und Thiam über die Gartenpflanzen, der dann in einer Art ausgeartet sei, dass CS-Verwaltungsratspräsident Urs Rohner die Beziehung der beiden «managen» musste, wird – so die Bloomberg-Kolumnistin – «wenig dazu beitragen, das Vertrauen in den CEO zu stärken».

Auch sie äussert sich kritisch zum Entlastungsbericht der Kanzlei Homburger: «Die Schlussfolgerungen des Berichts sind nicht ganz zufriedenstellend.» Schliesslich seien die Daten zur privaten Kommunikation nur teilweise zugänglich gewesen, weil ein Teil der zwischen Bouée und dem Sicherheitschef der Bank ausgetauschten Nachrichten gelöscht wurden. Dazu, dass CEO Tidjane Thiam von allem nichts gewusst haben soll, schreibt sie: Warum konnte jemand in Bouées Position bei einem so sensiblen Thema allein und ohne schriftliche Anweisungen handeln? Hätte man nicht den Konzernchef und den Verwaltungsratspräsidenten darauf aufmerksam machen und ihm dann die Möglichkeit geben sollen, die Spionageoperation zu unterbinden?»

«Die Szenen werden nicht leicht vergessen werden»

Ihre Schlussfolgerung: «Das alles zeichnet kein Bild von einem Spitzenmanagement, das den Überblick über das Geschehen hat.» Über die weiteren Folgen des ganzen Skandals schreibt die Kolumnistin abschliessend: «Jetzt muss er (Tidjane Thiam) kommende Schwierigkeiten mit einem Zweifel an seiner Führung meistern. Die Szenen, die sich am Schweizer Finanzplatz zugetragen haben, werden nicht leicht vergessen werden.»

Kommentare wie jene in weltweit führenden Finanzmedien wie Bloomberg oder der «Financial Times» drücken in der Regel mehr aus als eine blosse Meinungsäusserung. Sie stehen meist für Ansichten, die bei den Eliten der Finanzwelt weit verbreitet sind oder sehr ernst genommen werden. In diesem Sinne sind die dort geäusserten Zweifel an ihrem Konzernchef für die Credit Suisse eine anhaltende Hypothek.

Das könnte sich nicht nur aufseiten der reichen Kundschaft zeigen, sondern auch beim eigenen Personal – besonders bei jenen Bankern, die dank ihren Kundenbeziehungen am meisten Erträge für die Bank generieren. Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg gestern mit Verweis auf ungenannte Insider berichtete, nimmt sich Tidjane Thiam seit dem Abgang von Iqbal Khan im Sommer viel Zeit für Gespräche mit solchen Bankern. Dabei «diskutiere» er mit ihnen auch über ihre Kompensation und ihre Karriereaussichten. Wie nötig das ist, zeigt sich daran, dass laut Bloomberg schon erste Topbanker nach dem Skandal zu Konkurrenten gewechselt haben.

Erstellt: 03.10.2019, 14:16 Uhr

Ethos fordert Rücktritt von CS-Präsident Rohner

Der Schweizer Stimmrechtsberater Ethos hat nach dem Beschattungsskandal bei der Grossbank Credit Suisse den Rücktritt von Präsident Urs Rohner gefordert. «Es gibt ein Vertrauensproblem, das aus unserer Sicht nun einen schnellen Wechsel auf Ebene des Präsidiums des Verwaltungsrats erfordert», monierte Ethos-Direktor Vincent Kaufmann in einem Interview mit der «Handelszeitung».

Ein neuer Präsident müsse mit einem frischen Blick als glaubwürdiges Gegengewicht zur Geschäftsleitung eingesetzt werden.
Gleichzeitig überrasche es ihn, dass COO Pierre-Olivier Bouée - als enger Vertrauter von Konzernchef Tidjane Thiam - diesen nicht über die Beschattung informiert haben solle, sagte Kaufmann weiter.

Auch forderte der Ethos-Direktor weitere Informationen von der Credit Suisse: «Wir verstehen nach wie vor nicht, wieso Iqbal Khan bereits nach einer Wartefrist von nur drei Monaten zur UBS wechseln konnte», sagte er. Denn die Rücktrittsbestimmungen würden im letzten Vergütungsbericht eine Wartefrist von sechs Monaten festhalten. Anscheinend habe Khan eine Vorzugsbehandlung erhalten. «Und wir wissen nicht, wieso.»

Als Aktionär erwarte Ethos eine klare Begründung des Verwaltungsrates. Denn dieser Abgangsdeal könnte der Bank schaden, so Kaufmann. (sda)

Artikel zum Thema

Der CS-Taktierer hält sich oben

CS-Präsident Urs Rohner muss der Welt die Überwachungsaffäre erklären. Dass er Tidjane Thiam verschonte, sagt auch viel über ihn aus. Mehr...

Widersprüche und offene Fragen um Thiam, Khan und Co.

Die Credit Suisse wollte reinen Tisch machen. Trotz des Untersuchungsberichts existieren noch Ungereimtheiten. Mehr...

Die Sache ist für die Credit Suisse nicht ausgestanden

Kommentar Die Grossbank hat es nicht geschafft, ihren CEO aus der Schusslinie zu nehmen. Zu viele Fragen sind unbeantwortet. Mehr...

Paid Post

Willkommen auf dem E-Bauernhof

Im Jahr 2050 gilt es, 9,8 Milliarden Menschen zu ernähren. Somit muss bis dann die Nahrungsmittelproduktion weltweit um 70 Prozent erhöht werden.

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss Gute Laune trotz Lichtmangels

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...