«Die First Class ist ein Auslaufmodell»

Eine Sitzklasse mehr im Flugzeug: Luftfahrtprofessor Christoph Brützel über Sinn oder Unsinn der Premium Economy, die jüngst von Lufthansa eingeführt worden ist.

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Eine Sitzklasse, die weder Fisch noch Vogel ist – respektive weder Business noch Economy: Das ist die Premium Economy, die am Mittwoch auch von der deutschen Lufthansa eingeführt worden ist (wir berichteten). Die Airline wirbt mit «zusätzlichem Komfort und Qualität zu erschwinglichen Preisen». Ist die Verbreitung der komfortableren Holzklasse ein neuer Kundennutzen oder eine weitere Verkomplizierung des Angebotsdschungels in der Luftfahrt?

Christoph Brützel hält die Einführung der Premium Economy für eine Massnahme der Airlines, um wieder mehr Geld mit Geschäftsreisenden einzunehmen. «Wegen der Wirtschaftskrise wurde vielen Mitarbeitern verordnet, Economy statt Business Class zu fliegen. Nun ist es gut möglich, dass nicht wenige in die neue Zwischenklasse wechseln», der Professor für Luftverkehrsmanagement an der Internationalen Fachhochschule in Bad Honnef bei Bonn (Deutschland). Dass Reisende der Business Class zum Geldsparen nun auf etwas Luxus verzichten, sei zwar auch möglich, doch mit dem Aufstieg aus der tiefsten Klasse würden die finanziellen Ausfälle kompensiert, so der Luftfahrtprofessor. Er vermutet zudem, dass die neue Klasse ein Mittel zur Abgrenzung sei, damit Geschäftsleute sagen können, sie würden nicht Economy fliegen.

Auslaufmodell First Class

Mit der Einführung der höheren «Holzklasse» existieren heute generell vier Stufen: Economy, Premium Economy, Business und First. Kommen noch mehr hinzu? Brützel rechnet eher mit dem Gegenteil: «Vier Klassen sind zu viel, der Trend geht wieder in Richtung drei Klassen.» Am ehesten werde die First wegfallen, sie sei ein Auslaufmodell, mit dem Airlines kaum mehr Geld verdienen. Heute seien nur noch wenige Kunden bereit, für einige Stunden Flug einen horrenden Preis zu bezahlen, und würden lieber Business Class fliegen.

«Die Business Class bietet heute etwa so viel Komfort wie früher die erste Klasse und kostet erst noch viel weniger», so Brützel. «Viele Fluggesellschaften haben die First abgeschafft und sind damit gut unterwegs. Lieber baut man einige Business-Class-Sitze mehr ein, die gebucht werden, als dass man mit leeren First-Sitzen herumfliegt, die sehr viel Kabinenplatz beanspruchen.»

Noch engere Economy?

Eine andere Erklärung verfolgt Adam Gavine, Chefredaktor der Zeitschrift «Airline Interiors International»: Die Fluggesellschaften seien auf der Suche nach Möglichkeiten, in der Economy Class mehr Sitze unterzubringen, um zusätzlichen Platz für die luxuriösen Kabinen in der Business und First Class zu schaffen. Dies schreibt Gavine in der aktuellen Ausgabe des Credit-Suisse-Magazins «Bulletin».

Somit dürfte es für die Economy-Passagiere noch enger und unbequemer werden. Konzepte für eine engere Bestuhlung sind jedenfalls vorhanden: Der sattelähnliche Sitz Sky Rider des italienischen Kabinenausstatters Aviointerior (siehe Bildstrecke) lässt die Fluggäste in einer stehenden Position reisen, als würden sie auf dem Velo stehend an der Ampel warten. Und stehend benötigt man weniger Platz als sitzend.

Ein weiteres Konzept sieht Klappsitze wie im Kino vor, doch die Sitze sind abwechselnd vorwärts und rückwärts gerichtet. Auch damit sollen mehr Leute in der Kabine untergebracht werden können – mit überraschend viel Beinfreiheit. Platzierungen abwechselnd auf unterschiedlichen Höhen sind ebenfalls angedacht. Damit hätten die Passagiere mehr Schulterfreiheit. Das Konzept ist jedoch noch nicht ausgereift. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.10.2014, 18:07 Uhr

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