Die Frage nach dem Lohn bleibt

Die Textilproduktion fasst wieder Fuss in Europa. Aufhorchen lassen die Gründe, welche die Unternehmen für die Verlagerung anführen.

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Die Entwicklung ist bemerkenswert: Jahrzehntelang wurde die Textilproduktion von Europa weg verlagert. Jetzt ist so etwas wie eine Trendwende erkennbar. Plötzlich gibt es Firmen wie Schild, die drei Viertel ihrer Kleider aus Europa beziehen: aus der Türkei und aus Griechenland, aus Tschechien und aus Polen, aus Portugal oder Italien. Ein steigender Anteil wird sogar in der Schweiz produziert. Auch wenn sich dieser auf tiefem Niveau bewegt.

Aufhorchen lassen die Gründe, welche die Unternehmen für die Verlagerung anführen: Es geht nicht darum, dass die Konsumenten die Zustände in den chinesischen oder bangalischen Fabriken nicht mehr goutieren würden. Tatsächlich stecken dahinter vor allem wirtschaftliche Interessen: Wer seine Kleider in Europa herstellen lässt, kann schneller auf neue Trends reagieren, erhält den besseren Service – und sogar preislich geht die Rechnung offenbar auf, weil die Transportkosten deutlich tiefer sind.

Das ist eigentlich eine gute Nachricht. Lange Zeit waren die asiatischen Löhne so tief und der Transport so günstig, dass sich viele Firmen gar nicht ernsthaft mit dem Gedanken an einen alternativen Produktionsstandort auseinandersetzten. Solange es fast nichts kostet, in Asien zu produzieren und die Kleider von dort in die ganze Welt zu verschiffen, überlegen viele Chefs nicht lang, ob das auch sinnvoll ist. Eine Standortentscheidung, die nicht nur von idealistischen, sondern auch von wirtschaftlichen Überlegungen getrieben ist, ist dauerhafter und darum nachhaltiger. Unabhängig davon ist für Europa mit seiner hohen Arbeitslosigkeit – insbesondere in Ländern wie Griechenland, Portugal oder Spanien – derzeit jeder Wachstumstreiber willkommen.

Ziel wirtschaftlicher Überlegungen ist es allerdings selten, soziale Probleme zu lösen. Es wäre fahrlässig zu glauben, dass ein T-Shirt, das in Portugal genäht wurde, unsere Ansprüche an ein nachhaltig produziertes Kleidungsstück eher erfüllt als eines aus China. Die Frage, ob die Fabrikarbeiter anständig entschädigt werden, stellt sich in Portugal und der Türkei genauso wie in China.

Erstellt: 23.11.2014, 22:53 Uhr

Angela Barandun

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