Die Fusion Holcim - Lafarge wurde dem Insider zum Verhängnis

Ein Insider wird zu einer leichten Busse verurteilt. Für die Bundesanwaltschaft ist es dennoch ein Etappensieg.

Ein Angeklagter hatte aufgrund von Insiderwissen Aktien gekauft.

Ein Angeklagter hatte aufgrund von Insiderwissen Aktien gekauft. Bild: Patrick B. Krämer/Keystone

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Der 53-jährige Portfoliomanager und sein Anwalt glänzten bei der Urteilsverkündung am Dienstag vor dem Bundesstrafgericht durch Abwesenheit. Den mündlichen Ausführungen von Bundesstrafrichter Stefan Heimgartner folgten lediglich Werner Pfister, Staatsanwalt des Bundes, und ein Mitarbeiter.

Vordergründig müsste das Verdikt des Gerichts der Bundesanwaltschaft wenig Freude bereiten. Die 31-seitige Anklageschrift versuchte nachzuweisen, dass der Portefoliomanager im Zeitraum von 2013 bis April 2014 in sechs Fällen Insiderinformationen über Holcim für Wertschriftengeschäfte genutzt hatte. In einem davon ging es um die Fusion des Schweizer Zementriesen mit dem französischen Konkurrenten Lafarge. Die entscheidenden Tipps dazu soll der Portfoliomanager von einem Primärinsider, also einer Person im innersten Zirkel der Unternehmen, erhalten haben. Auf diese Weise habe der Angeklagte für sich, seine Lebenspartnerin und in einem Fall für drei Vermögensverwaltungskunden unrechtmässige Vermögensvorteile von rund zwei Millionen Franken erzielt.

Der Beschuldigte, der früher bei der Bank Bär, bei der UBS und Vontobel gearbeitet hatte, bestritt sämtliche Vorwürfe. Den Deals, die jeweils kurz vor Bekanntgabe börsenrelevanter Informationen eingefädelt worden waren, hätten keine Insiderinformationen zugrunde gelegen. Vielmehr pries der Mann seine analytischen Fähigkeiten und seine Erfahrungen an.

Der Bundesanwaltschaft war es tatsächlich während der gesamten Ermittlungen nicht gelungen, den geheimnisvollen Primärinsider dingfest zu machen. Sie musste es bei einer Indizienkette bewenden lassen. Laut Bundesstrafgericht ist eine Indizienkette durchaus zulässig. Doch im vorliegenden Fall vermochte diese Variante das Gericht nicht zu überzeugen. In zwei der sechs Fälle wurde der Angeklagte überdies freigesprochen, weil die Vorfälle vor Inkrafttreten der neuen Insiderstrafnorm stattgefunden hatten. In zwei weiteren Fällen blieb es beim Versuch, was nicht strafbar ist. Auch bei einem fünften Deal reichte die Indizienkette nicht aus. Es gab Freispruch.

Millionen in die Staatskasse

Ein Aufatmen für die Bundesanwaltschaft gabs im sechsten Fall: Bei dem für den Angeklagten einträglichsten Deal unmittelbar vor der Fusion der beiden Zementkonzerne sah das Gericht eine klare Indizienkette als erbracht an; der Angeklagte habe aufgrund von Insiderwissen Aktien gekauft. Das Gericht sprach von einem «eher schweren Verschulden». Der Angeklagte habe «skrupellos Wissen ausgenutzt».

Dem Antrag der Bundesanwaltschaft auf eine bedingte Freiheitsstrafe mochte das Bundesstrafgericht dann doch nicht folgen. Es verurteilte den Portfoliomanager zu einer Busse von 7800 Franken sowie zur Übernahme von Verfahrenskosten von 33'000 Franken. Das dürfte der laut Gericht in sehr wohlhabenden Verhältnissen lebende Finanzfachmann wohl eher locker weckstecken. Deutlich schmerzhafter ist der Einzug von rund 563'000 Franken Gewinn aus den Deals. Seine Lebenspartnerin muss knapp 1,1 Millionen Franken in die Staatskasse überweisen. Auch drei Privatpersonen, für die der Angeklagte Vermögensverwalter war, müssen vier- bis fünfstellige Frankenbeträge retournieren, obwohl sie von den Insiderdeals keine Kenntnis hatten. Insgesamt fliessen 1,7 Millionen an die Eidgenossenschaft.

Urteil weiterziehen

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Auf Anfrage erklärte der Anwalt des Beschuldigten, dass er das Urteil ans Bundesgericht weiterziehen werde. Die Bundesanwaltschaft will erst nach Analyse des schriftlichen Urteils über weitere Schritte entscheiden. Doch für die Behörde steht schon jetzt fest: Die Urteilsbegründung ist ein wichtiger Etappensieg. Zum ersten Mal habe das Gericht in einem Fall von Insiderhandel «den schwierigen Indizienbeweis aufgrund des Anlageverhaltens als erbracht angesehen». Es habe der Tatsache Rechnung getragen, «dass Insiderhandel im Verborgenen und meistens ohne die Hinterlassung von direkten Spuren begangen wird».

Seit die Bundesanwaltschaft für die Verfolgung von Insiderdelikten zuständig ist, muss sie immer wieder das Handtuch werfen: 21 Fälle, die seit 2013 eröffnet wurden, mussten wieder eingestellt werden, wie die Bundesanwaltschaft auf Anfrage erklärt. Die Verdachtsmeldungen betreffen Adressen wie Synthes, Compagnie Financière Richemont oder Galenica. Und eben Holcim und Lafarge, wo die Bundesanwaltschaft gleich drei Verfahren eröffnet und zwei davon wieder eingestellt hat. Erfolgreich hängen geblieben, falls das Bundesgericht das Urteil nicht umstösst, ist jetzt der Fall des Portfoliomanagers.

Beim Bundesgericht ist noch ein Insiderfall mit Santhera-Aktien hängig. Das Bundesstrafgericht hatte im September einen Freispruch ausgesprochen, worauf die Bundesanwaltschaft eine Beschwerde eingereicht hatte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.12.2017, 22:51 Uhr

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