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«Die Genderquote ist ein Schwachpunkt der UBS»

Libor-Banker im Kreuzverhör: In einer ersten Fragerunde stellten sich aktuelle, hochrangige UBS-Leute heute einem britischen Politikausschuss. Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat sich in die Übertragung eingeklinkt.

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Müssen Banker gewählten Politikern Red und Antwort stehen, so sind die üblichen Rollen vertauscht. Nicht die Herren der Hochfinanz mit ihren Millionengehältern, sondern die Politiker mit ihren bescheideneren Löhnen geben dann den Ton an. Und dieser ist in Englands Politik nicht eben sanft. Heute trifft es eine Gruppe von Schweizer UBS-Leuten um Investmentbanker Andrea Orcel. Den Kopf ohne grossen Kollateralschaden aus der Schlinge zu ziehen: Darum geht es für sie im Hearing, das eine Parlamentariergruppe um den Konservativen Andrew Tyrie heute zur Aufarbeitung der Libor-Affäre verantstaltet.

Um Punkt neun Uhr dreissig britscher Zeit wird der Webscreen aktiv, Orcel und seine Kollegen treffen in einem Nebenzimmer von Westminster ein. Laut Traktandenliste geht es um die Lehren, welche die Politik aus dem Libor-Manipulationsskandal ziehen soll. Bereits nach wenigen Minuten wird aber klar: Hier findet eigentlich eine Art Schauprozess statt. Die angereisten Banker: Sie werden selbst als Teil des Problems gesehen. Mit kühler Distanz empfängt man den braungebrannte Orcel in der Runde. «Sie kamen von der Bank of America zur UBS – also von einer Problembank zur anderen», sagt ein Politiker. «Warum sollen gerade Sie die Person sein, die nun den Stall in Ordnung bringt?»

Eine limitierte Anzahl Leute

Die Gesprächsstrategie, mit der Orcel und seine Begleiter Philip Lofts und Andrew Williams nach London gereist sind, zeichnet sich nach wenigen Sätzen ab. «Eine limitierte Anzahl Leute hat die Fehler verursacht», gibt der 49-jährige Investmentbanker zu Protokoll. Das Ziel solcher Aussagen ist offensichtlich: Unter allen Umständen muss die Bankführung versuchen, die Grenze zwischen den ausführenden Händlern und dem obersten Führungszirkel im Libor-Fall aufrechtzuerhalten. «Die Leute an der Front müssen ihre Standards ändern», fügt Orcel hinzu. Das Ausmass der Manipulationen habe die oberste Führungsetage schockiert, sagt der dem Komitee.

«Ich finde es ziemlich schwierig zu glauben», bemerkt der Labourpolitiker Andy Love, «dass niemand im Management von den über tausend dokumentierten Manipulationsanfragen wusste.» Eine direkte Antwort vermeiden die Banker, man gesteht allgemeine Schwierigkeiten ein. «Es ist kompliziert», «ein solcher Prozess ist schwierig», «wir tun unser Bestes»: Mit diesen und ähnlichen Sätzen sprechen Orcel, Lofts und Williams über das Bestreben der Bank, die internen Kontrollmechanismen zu verbessern. Es wird eingeräumt, dass die aktuelle Redimensionierung der UBS-Investmentbank auch eine Folge des eklatanten Kontrollversagens in den Fällen Adoboli und Libor ist.

Ethische Codes und ihre Ernsthaftigkeit

Mir ruhiger Stimme trägt Justin Welby, Erzbischof von Durham, seine Fragen vor. Welby gehört seit 2011 als Geistlicher Lord dem Parlament an; seine Interessen gelten speziell der Finanzpolitik – und der Ethik im Finanzgeschäft. Auch Andrew Turnbull, britischer Manager und Wirtschaftswissenschaftler ohne Parteizugehörigkeit, bohrt auf der Unternehmenskultur der UBS. Wo die Bank eigentlich ihre Leute herhole, will er wissen. «Kommen diese Kerle schon mit schlechten Manieren oder lernen sie ihre grobschlächtigen Ausdrucksweisen in der Bank?»

Angesprochen auf die ethischen Codes sagt Risikochef Lofts, dass Neuankömmlinge das Papier – es sei vergleichsweise kurz, bemerkt ein anwesender Politiker spitz – während mehrerer Stunden studieren müssten. Bemerkenswert ist eine Aussage Andrea Orcels: Bezüglich der Geschäftsethik bestehe ein industrieweites Problem, sagt der Mann, der in einschlägigen Kreisen auch als «Ronaldo» des Investmentbankings bezeichnet wird, wie Parlamentarierin und Baronin Susan Kramer charmant bemerkt. Als ob er sich der möglichen Implikationen seiner Aussage plötzlich bewusst würde, beeilt sich Orcel zu relativieren. «Nicht die gesamte Kultur ist verrottet», fügt er hinzu.

Risikoadjustierte Boni

Mit ernster, zuweilen versteinerter Miene sitzen Risikochef Lofts und Compliance-Chef Williams vor ihren Landsleuten. Lockerer gibt sich Südländer Orcel: Sichtlich fällt es dem Südländer zuweilen schwer, die Politiker mit ihren kreuz und quer gestellten Fragen gänzliczh ernst zu nehmen. Manches Schmunzeln ist auf dem Gesicht des Bankers auszumachen. Zuweilen bricht Gelächter aus, etwa als die Konversation sich dem Trader Hayes zuwendet – dem «Kopf» des kriminellen Libor-Händlerrings, der von Tokio aus operierte. «Die Headhunter der Citigroup haben ihn abgeworben», erzählt Orcel auf die Frage, warum der Händler nicht mehr bei der UBS angestellt sei.

Eine interessante Diskussion entbrennt um die Boni in den UBS-Handelsräumen. Laut Investmentbankchef Orcel kann die variable Entlöhnung heute ein Verhältnis von 1:1 bis 1:3 im Verhältnis zum Fixlohn annehmen. «In der Vergangenheit wurde das Performanceelement übertrieben», sagt Orcel. Er könne für die Berechnung der heutigen Boni zwar keine harte Formel nennen. Doch hätten ethische Elemente und Verhaltenselemente einen substanzielleren Einfluss erhalten. «Das in einem Geschäft enthaltene Risiko wird bei der Bonusfestlegung stärker miteinbezogen.»

Chatteilnehmer als Zeitungsleser

Wieder und wieder kommen die Parlamentarier auf Chatprotokolle, Rollenaufteilungen und nicht beachtete Warnlampen zu sprechen. «Über 70 Leute hatten im Chatsystem Einsicht», sagt der Konservative Abgeordnete Mark Garnier. «Warum meldete niemand den Verdacht nach oben?» Laut dem Compliance-Verantwortlichen der UBS, Andrew Williams, wurden nicht alle dieser Personen «diszipliniert oder entlassen». In einem Chatkanal präsent zu sein, sei, wie Abonnent einer Zeitung zu sein: Man könne nicht davon ausgehen, dass jeder Abonnent jeden Artikel des Blattes gelesen hätte. Laut Williams wurden 18 Angestellte als Folge des Libor-Skandals entlassen, total 40 Leute seien sanktioniert worden.

Irgendwann haben die Parlamentarier genug von den Argumenten der Banker. Argumente, die sie in beinahe identischer Form schon vom entlassenen Barclays-Chef Bob Diamond gehört haben – und, wie Labour-Mann Pat McFadden vermutet, auch von weiteren Bankern vor diesem Panel hören werden. «Es ist kein Problem einer limitierten Anzahl Personen», räsonniert McFadden in typisch britischer Manier. «Ist es?» Der angesprochene UBS-Risikochef Philip Lofts erhält kaum Zeit, sich zu rechtfertigen. «Die Überwachung war wirklich gänzlich inadäquat», sagt er. Im Raum stehen bleibt die Tatsache, dass Lofts selbst – ein Kenner bezeichnete ihn jüngst als hochintegre Persönlichkeit – schon zu diesem Zeitpunkt die Oberaufsicht über die Risikokontrolle bei der UBS inne hatte.

So endet der erste der beiden UBS-Auftritte vor der britischen Parlamentskomission mit wenig neuen Einsichten. Es gebe zu wenig Frauen in den Handelsräumen der UBS, ist vielleicht eines der aufsehenerregenderen Statements, das Investmentbankchef Orcel kurz vor Schluss abgibt: «Die Genderquote, das ist ein Schwachpunkt der UBS». Trotz magerer Erkenntnisse erhalten die Abgeordneten aber Munition im Hinblick auf morgen: Nicht aus Finma- und FSA-Dokumenten, sondern aus dem Mund von UBS-Leuten selbst haben sie nun gehört, wie schlecht die UBS bis vor kurzem organisiert war. Das verspricht Spannung, wenn morgen der Webscreen wieder anspringt – und Ex-UBS-Boss Marcel Rohner in die Kamera spricht.

Erstellt: 09.01.2013, 10:54 Uhr

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