«Die Geschäftskultur von Banken begünstigt unehrliches Verhalten»

Eine aktuelle Forschungsarbeit der Uni Zürich bestätigt das schlechte Image der Geldhäuser.

Bankangestellte sind – verglichen mit anderen Berufsgruppen – eher bereit zu schummeln. Foto: Oli Scarff (Getty Images)

Bankangestellte sind – verglichen mit anderen Berufsgruppen – eher bereit zu schummeln. Foto: Oli Scarff (Getty Images)

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Kein anderer Wirtschaftszweig ist in den letzten Jahren so häufig und heftig durch unsaubere bis illegale Machenschaften und Fehlleistungen erschüttert worden wie die Banken. Die milliardenschweren Verluste der Händler Jérôme Kerviel und Kweku Adoboli oder die Manipulationen bei Referenzzinssätzen und im Devisenhandel sind die grössten Skandale in ­einer langen Reihe weiterer Fälle.

Warum sind davon vorwiegend Banken betroffen? Hängt das damit zusammen, dass sich bestimmte Individuen zu dieser Branche hingezogen fühlen, solche etwa, bei denen Aufrichtigkeit einen geringeren Stellenwert im per­sönlichen Wertesystem geniesst? Oder tragen vielmehr die in Geldhäusern v­orherrschenden Unternehmenskulturen und Anreizsysteme dazu bei, dass sich gewisse ­Mitarbeitende in Grauzonen oder gar in die Illegalität begeben? Die Ergebnisse aktueller Forschungsarbeiten an der Uni Zürich neigen zu Letz­terem: «Dass die Unternehmenskultur im Bankensektor implizit unehrliches Verhalten eher toleriert oder begünstigt», wie die Universität schreibt.

Neuartiges Experiment

Die Ökonomieprofessoren Michel André Maréchal, Alain Cohn und Ernst Fehr haben sich dazu eines neuen Forschungsansatzes bedient, der auf der ökonomischen Identitätstheorie beruht. Demzufolge haben Individuen verschiedene ­soziale Identitäten, die unter anderem von  ihrem Geschlecht, ihrer Herkunft und auch von ihrer Arbeit herrühren. Über die Versuchsanlage der drei Akademiker mit rund 200 Bankern, davon 128 aus einer «internationalen Grossbank», berichtet das Wissenschaftsmagazin «Nature» im November ausführlich.

Die 200 Probanden wurden nach Zufallsprinzip in zwei Gruppen aufgeteilt. Beide Gruppen mussten einen Fragebogen beantworten, in dem es um persönliche Befindlichkeiten und Alltagsdinge ging. Bei der einen Gruppe – der Experimentalgruppe – wurden sieben Fragen zum beruflichen Hintergrund hinzugefügt; dies in der Absicht, die Probanden an ihre Tätigkeit als Bankangestellte zu «erinnern». Die Kontrollgruppe bekam dagegen sieben Zusatzfragen ganz ohne beruflichen Bezug vorgelegt.

Dann begann das eigentliche Experiment: Alle Versuchsteilnehmenden wurden aufgefordert, zehnmal eine Münze zu werfen und – ohne Überwachung – aufzuschreiben, ob Kopf oder Zahl obenauf lag. Der Clou dabei war, dass die Teilnehmenden bei jedem Wurf im Voraus wussten, welche Münzseite obenauf ­liegen musste, damit sie die Belohnung von 20 Dollar bekamen. Bestenfalls ­hätten sie 200 Dollar verdient, bei einer Chance von 50 Prozent pro Wurf. Die von den zwei Versuchsgruppen gemeldeten Resultate wichen signifikant voneinander ab. Bei der Kontrollgruppe beliefen sich die belohnten Münzwürfe auf 51,6 Prozent, was nicht allzu sehr von der Fifty-fifty-Wahrscheinlichkeit abweicht. Die Experimentalgruppe hin­gegen, die kurz vor den Münzwürfen auf ihr berufliches Umfeld sensibilisiert worden war, meldete 58,2 Prozent «erfolgreiche» Münzwürfe. Tatsächlich lag der Probandenanteil in der Experimentalgruppe, der falsche Angaben machte, mit 26 Prozent deutlich höher als in der Kontrollgruppe (16 Prozent).

Bedenklich schlechtes Ansehen

Wie das Experiment darüber hinaus ergeben hat, verhielten sich jene Banker, die in den Kerngeschäftsbereichen tätig sind, unehrlicher als jene mit unter­stützenden Funktionen (zum Beispiel Personalmanagement). Auch wiederholten die Professoren ihren Versuch mit 133 Personen in anderen Berufen, um herauszufinden, ob das bei Bankern festgestellte differierende Redlichkeitsverhalten zwischen beruflich sen­sibilisierter Experimentalgruppe und unsensibilisierter Kontrollgruppe ebenfalls zutage tritt. Ergebnis: Bei den an­deren Berufsgruppen hatte diese Sen­sibilisierung keinen Effekt auf ihre ­Wahrheitstreue.

Die Professoren sehen es aufgrund ­ihrer Versuche als naheliegend an, dass «die in den Banken vorherrschende ­Geschäftskultur unehrliches Verhalten begünstigt», wie sie in ihrem Beitrag für «Nature» festhalten. Bankmitarbeitende per se seien jedoch nicht unehr­licher als Angehörige anderer Berufe. Den Banken raten sie, die Redlichkeit ­ihrer Beschäftigten dadurch zu fördern, dass sie berufsspezifische Normen ­verändern. Das heisst etwa finanzielle Anreizsysteme zu beseitigen, die u­n­redliches Geschäft­sgebaren belohnen.

Wie schlecht es um das Ansehen der Geldgewerbes bestellt ist, ergaben Befragungen mittels verschiedener Stichproben aus der breiten Bevölkerung. Auf die Frage, welche Berufsgruppe die gemel­deten Münzwürfe wohl am meisten zu ihren Gunsten beschönigt hat, landeten Bankangestellte auf dem ersten Platz – noch vor den Gefängnisinsassen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.11.2014, 20:10 Uhr

Karriere

Beliebtheit der Banken sinkt

Bei Schweizer Wirtschaftsstudentinnen und -studenten steht eine Bankkarriere zwar nach wie vor hoch im Kurs. In den letzten zwei Jahren ist die Beliebtheit der Finanzunternehmen aber markant gesunken, wie eine Studie der Beratungsfirma Deloitte zeigt. 2008, also am Anfang der Finanzkrise, gaben noch 23 Prozent der befragten Wirtschaftsstudenten an, eine Karriere in einer Bank anzustreben. In der neuesten Studie «Talent in Banking 2014» von Deloitte waren es nur noch rund 16 Prozent.

Terrain eingebüsst haben die Geldhäuser vor allem gegenüber der Konsumgüterbranche und der Mode- und Luxusgüter-Branche, die seit 2011 stark zugelegt hat. Deloitte erklärt diesen Wandel mit dem Image der Banken. So hätten einerseits die Skandale in der Branche, anderseits die Meinung, dass Banken nicht innovativ seien, zum Absinken der Beliebtheit geführt. Trotz des Niedergangs behaupten die Banken mit grossem Abstand zu den nachfolgenden, aber hinter der Konsumgüterbranche den zweiten Platz in der Rangliste der Beliebtheit. UBS und Credit Suisse sind bei den Wirtschaftsstudenten hinter Google und Nestlé die am meisten bevorzugten Arbeitgeber. (SDA)

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