Die Gesundenkasse

Keine Krankenkasse wächst so erfolgreich wie die Assura – dieses Jahr zählt sie fast 20 Prozent mehr Grundversicherte als 2014. Doch ihre Strategie ist umstritten.

Die Assura lasse die Kranken warten, lautet ein Vorwurf. Rechnungen würden erst spät beglichen. Foto: Matthieu Spohn (plainpicture)

Die Assura lasse die Kranken warten, lautet ein Vorwurf. Rechnungen würden erst spät beglichen. Foto: Matthieu Spohn (plainpicture)

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Wie ist das möglich? 148'000 Kundinnen und Kunden konnte die Assura im letzten Kassenwechselherbst dazugewinnen. Das ist ein Plus von fast 20 Prozent. Und dies trotz ihres miserablen Rufs: In der jüngsten Kundenzufriedenheitsumfrage von Comparis landete die Assura zusammen mit der Groupe-Mutuel-Tochter auf dem letzten Platz.

Die Antwort gibt die Krankenkasse aus dem Lausanner Vorort Pully gleich selbst: Für Versicherte mit der höchsten Franchise von 2500 Franken biete sie in 23 Kantonen die günstigste Grund­versicherung an, darunter Bern und ­Zürich. Das gilt für das Standardmodell, aber vielerorts auch für das Hausarzt- und andere Alternativmodelle. Sprich: Wer über einen Internetvergleichsdienst die günstigste Kasse gesucht hat, ist zumeist bei der Assura gelandet.

So ist sie in den letzten Jahren zur ­klaren Nummer vier unter den Grundversicherern aufgestiegen. Anders als die meisten grossen Versicherer setzt die Assura nicht auf das Modell «teures Stammhaus und angehängte Billig­kassen». Die Assura ist eine Billigkasse.

Das bekommen auch die Versicherten zu spüren: Anders als viele Konkurrenten können Assura-Kunden ihre Medikamente nicht direkt von der Krankenkasse bezahlen lassen. Sie müssen diese – auch bei teuren Präparaten – selbst berappen und können ihre Rechnungen erst einreichen, wenn die Gesamtkosten ihre Franchise übersteigen. Die Assura will die Versicherten so zur Sparsamkeit erziehen.

«Grösster Skandal der Branche»

Auf die Begleichung ihrer Rechnungen müssen die Assura-Versicherten teilweise lange warten: Nur jede zweite Rechnung wird innert 20 Tagen vergütet, wie Sprecher Xavier Studer schreibt. 10 Prozent der Rechnungen bezahlte die Assura letztes Jahr gar erst nach 30 Tagen oder noch später. «Es braucht ein Gleichgewicht zwischen der Servicequalität und der Eindämmung der administrativen Kosten, um vorteilhafte Prämien zu garantieren», sagt Sprecher Studer.

Das sehen nicht alle so positiv: Wer bei der Assura eine Leistung beziehe, «muss untendurch», sagt der Chef einer grossen Schweizer Krankenkasse. Der CEO einer anderen Top-10-Kasse drückt seinen Ärger über die Konkurrentin am Genfersee so aus: «Die Assura betreibt Risikoselektion durch schlechten Service. Das ist der grösste Skandal der Branche.» Die Assura sei sogar froh über ihre schlechten Kundenzufriedenheitswerte, denn diese würden die Kranken abschrecken, Kunden zu werden.

Assura-Sprecher Studer will zu diesen «Gerüchten» nicht Stellung nehmen. Er weist aber darauf hin, dass die Selektion von guten Risiken verboten sei und die Assura dies deshalb nicht tue.

Dass die Krankenkasse vorwiegend junge, gesunde Versicherte anzieht, ist jedoch belegt. Kaum eine Krankenkasse hat tiefere Gesundheitskosten pro Kunde: 2013 vergütete die Assura ihren Kunden Leistungen von durchschnittlich 1717 Franken. Am anderen Ende der Skala finden sich Krankenkassen wie die Wincare oder die Helsana. Letztere musste ihren Versicherten im Schnitt 4862 Franken zurückerstatten.

573 Millionen in den Risiko-Topf

Damit das System der sozialen Krankenversicherung ob solcher gewaltiger Unterschiede nicht ins Wanken gerät, hat der Bund den Risikoausgleich eingerichtet – quasi den Finanzausgleich der Krankenkassen. Wer unterdurchschnittlich viele Alte, Frauen und Versicherte mit Spital- oder Pflegeheimaufenthalt im Vorjahr als Kunden hat, bezahlt. Die Assura musste letztes Jahr deshalb 573 Millionen Franken in den Topf einzahlen. Das sind fast 30 Prozent ihrer Prämien­einnahmen. Auf der anderen Seite befinden sich Kassen mit teurer Kundschaft wie etwa die Visana: Sie erhielt aus dem Risikoausgleich 208 Millionen Franken.

So erfolgreich die Assura in den letzten Jahren gewachsen ist, so turbulent ging es in den vergangenen Jahren hinter den Kulissen der Versicherung zu. 35 Jahre lang, seit er die Kasse gegründet hatte, war Jean-Paul Diserens Präsident der Versicherung. Doch seine Karriere nahm im November 2012 ein jähes Ende.

Damals musste die Zusatzversicherungstochter Supra wegen eines Finanz­lochs Konkurs anmelden. Daraufhin entmachtete die Finanzmarktaufsicht (Finma) sämtliche Verwaltungsräte, inklusive des Patriarchen Jean-Paul Diserens. Die Behörde ortete bei der Assura-Tochter «schwerwiegende Mängel in Corporate Governance, Risikomanagement und Compliance und Controlling» und setzte einen Beauftragten ein, der die Geschäfte vorübergehend übernahm.

2013 kam in den Verwaltungsräten der Assura-Gruppe eine neue Garde ans Ruder. Doch die Stiftung Divesa, welcher die Assura-Holding gehört, hat heute immer noch keine Stiftungsräte: Sie wird von zwei Sachwaltern geführt, welche der Bund im Februar 2013 eingesetzt hat. Diese müssen der Stiftung noch zeit­gemässe Statuten verpassen, bevor sie ihr Amt wieder abgeben. Um die Finanzen der Assura-Grundversicherung ­müssen sich die Kunden aber keine ­Sorgen machen. Letztes Jahr wies diese das 3,7-Fache der vom Bund geforderten Reserven auf – mehr als praktisch jede andere Krankenkasse.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.05.2015, 23:38 Uhr

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Neben dem Wachstum der Assura verblassen die Erfolge der anderen grossen Krankenkassen. Von den links gelisteten Kassen mit über 50'000 Grundversicherten konnte einzig noch die ÖKK mehr als 5 Prozent wachsen. Den Grossteil der Neukunden verdankt das Bündner Unternehmen jedoch einer Übernahme: So schloss sich die KMU-Krankenversicherung aus Winterthur der ÖKK-Gruppe an.

Auch die Groupe Mutuel konnte eine Konkurrentin übernehmen, dies jedoch erst nach dem Stichtag 1. Januar: So gehört künftig auch die Supra-Grundversicherung zur Walliser Gruppe. Diese bringt 78'000 neue Versicherte in die Walliser Gruppe mit ein. Damit überholt die Mutuel die Helsana und wird zur Nummer zwei auf dem Markt. (sul)

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