Die Gewerkschaft als Hotelière

Bis vor kurzem gehörten der Gewerkschaft Unia noch sieben Hotels an bester Lage. Früher hatte das Tradition. Heute läuft das Geschäft zu wenig. Bis auf zwei Häuser wird alles verkauft.

Bleibt im Besitz der Gewerkschaft Unia: Das an der Aare gelegene 4-Stern-Hotel Freienhof in Thun.

Bleibt im Besitz der Gewerkschaft Unia: Das an der Aare gelegene 4-Stern-Hotel Freienhof in Thun. Bild: Bönsch (Imago)

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Wer immer davon erfährt, ist zunächst mal bass erstaunt: Bis vor kurzem war die Unia im Besitz von sieben Hotels in der Schweiz. Meist Seminarhotels an guter bis sehr guter Lage, zum Teil gar im 4-Stern-Bereich. Früher war das laut Unia die einzige Möglichkeit, der Arbeiterklasse Ferien zu erschwinglichen Preisen zu ermöglichen. Bei den 4-Stern-Häusern darf man aber davon ausgehen, dass sie vor allem von Gewerkschafts­kadern frequentiert wurden.

Trotz grosszügigem Rabatt von bis zu 25 Prozent ist die Nutzung der Hotels durch Gewerkschafter in den letzten Jahrzehnten aber dramatisch gesunken. Oft machten die Gewerkschafter gemäss «Hotelrevue» vor ein paar Jahren nur noch rund 5 Prozent der Gäste aus. Die Hotels waren zwar nicht in den roten Zahlen, Investitionen in die Infrastruktur waren aber schwierig. Deshalb entschied die Gewerkschaft 2010, sich von der Mehrheit der Häuser zu trennen.

Ein Russe als Käufer

Obschon sich die Unia nicht dazu berufen fühlt, Hotels zu betreiben, behält sie zwei in ihrem Portefeuille. Das eine ist das 4-Stern-Hotel Freienhof in Thun – ein schickes Haus mit Lounge auf dem Dach, gemäss Website «gelegen auf einer kleinen Halbinsel, wo nur das sanfte Rauschen der Aare zu hören ist». Das andere ist das Hotel Bern in der Berner Altstadt, das über zehn Tagungsräume verfügt.

Beide Häuser werden von Gewerkschaften für Seminare und Branchenkonferenzen genutzt. Weshalb behält die Unia die beiden Hotels? «Sie sind im Unterschied zu den anderen als selbstständige AG organisiert», sagt Hans Hartmann, Co-Leiter Kommunikation der Unia. Darum könne man nicht alleine über einen Verkauf entscheiden.

Sanfte Renovation

Schlagzeilen machte Anfang Jahr der Verkauf des 4-Stern-Hotels Préalpina in Chexbres, mitten in den Weinbergen des Lauvaux. Unter dem Titel «Reicher Russe und reiche Unia» gab der «Weltwoche»-Kolumnist und SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli seiner Verwunderung darüber Ausdruck, dass die Unia das prächtige Hotel an die Firma SP System (man beachte den Namen!) des Russen Nikolai Sidorow verkaufte. Und dass die Unia nach dem Verkauf 30'000 Quadratmeter Bauland behält, auf denen sie 57 «prachtvolle» Wohnungen erstellt. Laut Hartmann ist das ­Baugesuch ­eingereicht.

SP System hat sich in der Westschweiz einen Namen gemacht als seriöse Firma, die total sieben 3- und 4-Stern-Hotels aufgekauft hat. Der 47-jährige Sidorow wohnt mit seiner Familie seit gut zehn Jahren in der Waadt, SP System beschäftigt gegen 100 Leute. Wenn nötig, unterzieht Sidorow die Hotels einer sanften Renovation, immer will er den Hotelgästen ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis bieten. Das Geld stammt zu einem grossen Teil von russischen Investoren.

Auch die anderen vier Hotels, die Unia verkauft hat, lassen sich sehen:

  • Das am Vierwaldstättersee gelegene See- und Seminarhotel Flora Alpina in Vitznau LU wurde Ende 2011 an den Hotelier Rene Koch verkauft. Er besitzt auch das Seminar- und Wellnesshotel Stoss im Kanton Schwyz.
  • Ende 2011 wurde das Paradies Hotel Rotschuo in Gersau SZ an Rudolf Stump verkauft, den früheren Verwaltungsratspräsidenten von Hero.
  • Bereits im Sommer 2011 hat das Betreiberehepaar Zoppé das Hotel La Campagnola in Vairano TI erworben. Im 3-Stern-Haus mit Blick über den Lago Maggiore ist der Gewerkschafteranteil mit 28 Prozent immer noch hoch; sie erhalten in der Nebensaison unter Umständen bis zu 40 Prozent Rabatt.
  • Das Hotel Kreuz in Lenk wird derzeit vom Hotelier Alex Lanzrein geführt. Er hat 2011 mit der Unia einen Mietvertrag mit Vorkaufsrecht abgeschlossen. Laut Sprecher Hartmann hält die Unia auch hier an den Verkaufsabsichten fest, aber offenbar ist noch kein Käufer in Sicht.

«Auch bei uns schwindet dieser Anteil»

Auch der Verband des Personals Öffentlicher Dienste VPOD gehört zu jenen Gewerkschaften, die einst mehrere Hotels besassen. Nach diversen Verkäufen gehört heute noch das Tessiner Feriendorf I Grappoli im Malcantone der Gewerkschaft. In den letzten Jahren wurde die ganze Anlage inklusive öffentlichen Schwimmbads saniert, 2009 wurden von den 30 Ferienbungalows 10 an Private verkauft. Geschäftsführer Juri Clericetti hat mit dem Relaunch «alles beseitigt, was irgendwie an eine Gewerkschaft erinnert», schreibt die «Hotelrevue». Restaurant und Schwimmbad sind auch Treffpunkt für Einheimische; Clericetti will «keinen abgeschirmten Ferienclub».

Mit dem Hotel Brenscino in Brissago TI hat auch der Eisenbahnerverband SEV sein Hotel. Das 3-Stern-Superior-Haus mit Blick über den Lago Maggiore kommt mit 22 Prozent auf einen hohen Gewerkschafteranteil unter den Gästen. «Doch auch bei uns schwindet dieser Anteil», sagt Hoteldirektor Martin Faes. Gegensteuer gibt er mit einer Aktion: Zum 100-Jahre-Jubiläum des Hotels erhalten SEV-Mitglieder statt 20 dieses Jahr sogar 30 Prozent Rabatt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.05.2013, 10:13 Uhr

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