Die Gründe für den sinkenden Ölpreis

Um den Absturz des Ölpreises ranken sich viele Verschwörungstheorien: Etwa, dass die Saudis die USA aus dem Markt verdrängen wollten. Wer tatsächlich für den Preisrückgang verantwortlich ist.

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Die Automobilisten freuts: Der Benzinpreis (Bleifrei 95) ist seit Jahresanfang je nach Tankstelle von 1.70 Franken auf deutlich unter 1.60 gefallen. Auch Hausbesitzer schauen entspannter als auch schon in die Wintersaison: Die Heizölpreise zeigen leicht sinkende Tendenz.

Das Barrel (159 Liter) Öl der Marke WTI war am Freitag mit 78 Dollar so billig wie seit vier Jahren nicht mehr. Auch die Nordseesorte Brent ist mit 82 Dollar 25 Prozent günstiger als noch im Juni. Die naheliegende Erklärung: Die Konjunktur schwächelt weltweit, Chinas Wirtschaft wächst langsamer – alles Faktoren, die den Energiehunger drosseln. Stiege nicht gleichzeitig der Dollar kräftig an und kämen die stark schwankenden Kosten für den Rheintransport nicht noch dazu, würden die Preise an der Zapfsäule und beim Heizölhändler noch stärker nachgeben.

Fallender Preis trotz Unruhen

Doch die wirtschaftliche Grosswetterlage reicht nicht aus, um zu erklären, was sich derzeit an den Bohrlöchern in den Erdölförderländern abspielt.

Vieles ist nicht mehr so, wie es noch bis vor kurzem war. Wenn in Förder­ländern Unruhen ausbrachen, hat das bisher für einen deutlichen Ölpreisanstieg gesorgt. Nun herrschen in Libyen, Irak und Syrien chaotische Zustände, der Iran ist durch Sanktionen vom Weltmarkt abgeschnitten. Der Erdölpreis ist im freien Fall.

Noch vor kurzem hätte Saudiarabien, der grösste Anbieter in der Organisation erdölexportierender Länder (Opec), seine Fördermengen gedrosselt, um den Preiszerfall zu stoppen. Und heute? Das Königreich schaut nicht nur tatenlos zu, es hat auch noch die Preise für Rohöllieferungen in die USA gesenkt.

Kein Wunder, dass ob solcher Merkwürdigkeiten Verschwörungstheorien Konjunktur haben. Die derzeit verbreitetste besagt: Die Saudis wollen die neue Ölsupermacht USA aus dem Markt verdrängen. Was stimmt daran?

Die Fracking-Revolution

Die USA werden laut Expertenmeinung im kommenden Jahr Saudiarabien als grössten Ölproduzenten der Welt überholt haben. Die Amerikaner durchleben ihren zweiten grossen Ölboom nach jenem im 19. Jahrhundert. Dank der ökologisch umstrittenen Fracking-Technologie, die es erlaubt, an bislang kaum erreichbare Vorkommen zu gelangen, haben die Amerikaner die Fördermenge innerhalb von sechs Jahren um 70 Prozent gesteigert.

Weil es in den USA sehr viel Schieferöl gibt, wurde in diesem Sommer eine sakrosankte Regel durchlöchert: Das Ausfuhrverbot für Öl. Seit dem Embargo der Opec im Jahre 1973 durfte US-Rohöl nicht mehr ins Ausland verkauft werden. Letzten August erlaubte die US-Regierung erstmals zwei Firmen, eine bestimmte Art von Rohöl zu exportieren. Würden die USA das Exportverbot gänzlich aufheben, könnte dies bis 2030 mehr als eine Billion Dollar in die Staatskasse spülen, rechneten Befürworter begeistert vor. Auch könnten Hunderttausende neue Arbeitsplätze geschaffen werden.

Die USA haben sich von Opec-Lieferern unabhängig gemacht. Der Anteil des saudischen Rohöls am US-Verbrauch ist im August auf 4,6 Prozent gefallen, im Vorjahresmonat waren es 7 Prozent.

Amerikas Ölreichtum erklärt, warum Saudiarabien seine Fördermenge nicht nur nicht drosselt, sondern die Preise im US-Exportgeschäft sogar drückt. Die Produktion von Schieferöl in den USA ist teurer als die herkömmliche Exploration. Nach Berechnungen der Internationalen Energieagentur (IEA) brauchen US-Produzenten einen Preis von mindestens 80 Dollar pro Barrel, um profitabel zu sein. Falls die Notierungen noch weiter fallen – Ölexperten glauben, dass die Preise sogar bis in die Nähe von 60 Dollar tauchen könnten – kämen amerikanische Produzenten in Nöte.

Russland zehrt an Reserven

Hier kommt die zweite Verschwörungstheorie ins Spiel. «Obama will, dass Saudiarabien die russische Wirtschaft zerstört», titelte die russische Zeitung «Prawda» vor einiger Zeit. Das Blatt erinnert daran, dass es dieses abgekartete Spiel schon einmal gegeben habe. 1985 habe das Wüstenreich die Erdölförderung verfünffacht und den Preis von 32 auf 10 Dollar pro Barrel gedrückt. Die Planwirtschaft der Sowjetunion habe die massiven Einnahmeausfälle nicht verkraften können, was laut «Prawda» mit ein Grund für den Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums gewesen sei.

An einen baldigen Kollaps von Russland glaubt heute niemand ernsthaft. Trotzdem setzt der Preiszerfall dem russischen Staat zu, der die Hälfte seiner Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft erwirtschaftet. Nach Berechnungen der russischen Bank Renaissance schrumpft die Wirtschaft bei Ölpreisen von 80 Dollar um 1,7 Prozent. Laut Reuters müsste Russland sein Öl zu rund 100 Dollar verkaufen, um sein Budget einhalten zu können. Bei den aktuellen Notierungen zehrt das Riesenreich somit bereits von den Reserven.

Amerikas Ölreichtum und die demonstrativen Preissenkungen der Saudis setzen auch anderen Opec-Mitgliedern wie etwa Venezuela und Equador stark zu. Beide Länder bestreiten einen Grossteil ihres Staatshaushaltes aus Öleinnahmen.

Das einst mächtige Kartell

Der legendäre Ölhistoriker und Pulitzer-Preisträger Daniel Yergin glaubt nicht an Verschwörungstheorien. Für den Amerikaner ist die Sache einfach: «Saudiarabien will ganz einfach keine Marktanteile an andere Länder verlieren.» Deshalb glaubt er auch nicht, dass das Kartell, das noch knapp die Hälfte der weltweiten Ölförderung kontrolliert, an seinem nächsten Treffen vom 27. November Massnahmen zum Stopp des Preiszerfalls beschliessen wird.

Die Ratingagentur Standard & Poors ortet bereits einen Bedeutungsverlust für das einstmals mächtige Erdölkartell. Mit dem massiven Markteintritt der USA sei die Abhängigkeit von der Opec und damit das geopolitische Risiko verringert worden.

Es ist womöglich nicht die einzige ­Abhängigkeit, die geknackt wurde: Die Ölnachfrage insgesamt wird kleiner. In den Industriestaaten sinkt der Verbrauch seit geraumer Zeit. Auch weltweit betrachtet flacht sich die Wachstumskurve der Ölnachfrage ab. 1973 entfielen 46 Prozent des globalen Energieverbrauchs auf Öl, mittlerweile liegt der Anteil noch bei 30 Prozent. Selbst die Opec geht in ihren neusten Berechnungen davon aus, dass der Anteil in den nächsten Jahren auf 25 Prozent absinken wird.

Ölersatz aus dem Silicon Valley

Ölnotierungen von weit über 100 Dollar haben die Wirtschaft unter Druck gesetzt, rasch nach energieeffizienteren Methoden zu suchen. Seit Greenpeace im August 1996 auf einer Testfahrt zwischen Luzern und Zürich mit einem umgebauten Renault Twingo bewies, dass man mit 3,2 Liter Sprit 100 Kilometer weit fahren konnte, hat die Automobilindustrie mächtig dazugelernt.

Und es entbehrt nicht der Ironie, dass in den USA, dem Land der sprudelnden Schieferölvorkommen, gleichzeitig auch die Quellen für bahnbrechend neue Energietechnologien sprudeln. Aus dem Silicon Valley kommen derzeit die radikalsten Lösungen für mehr Energie- und Produktionseffizienz.

Der Anreiz dazu wird bleiben – allen Preisturbulenzen am Ölmarkt zum Trotz. Denn für die Energiekonzerne wird es immer teurer, neue Lagerstätten aufzuspüren und auszubeuten.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 11.11.2014, 07:11 Uhr)

Energiepreise in der Schweiz

TA-Grafik / Quelle: Opec, Statista, IEA
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TA-Grafik / Quelle: Opec, Statista, IEA
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