Die Kontrollen in den Textilfabriken ziehen sich hin

Ein Jahr nach dem Kollaps einer Fabrik in Bangladesh mit über 1100 Opfern hat die Migros erst die Hälfte der Lieferanten kontrolliert. Coop besucht nur aktive Zulieferer. Internationale Initiativen lehnen beide ab.

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Eine kaputte Glühbirne in einem Notausgangsschild, defekte Rauchmelder, ein einsturzgefährdetes Dach über einem Raum, in dem sich ein Generator befindet. Aber es sind Notausgänge vorhanden, sie sind frei, und die Fabriken sind stabil. «Keine gravierenden Mängel. Keine Probleme, wie sie zum Einsturz des Rana-Plaza-Komplexes geführt haben.» So lautet das erste Fazit eines Berichts, den der externe Prüfer Jürg von Niederhäusern vorgelegt hat – auch wenn weitere Prüfungen noch ausstehen.

Von Niederhäusern ist bei der Migros für Nachhaltigkeit und die Einhaltung von Sozialstandards zuständig. Er hat im März zwei von vier Fabriken besucht, die in Bangladesh für die Migros produzieren, und ist dabei die ersten Befunde mit den Lieferanten durchgegangen. Ob die Gebäude strukturell stabil sind – also ob etwa genug Armierungseisen verbaut wurden im Verhältnis zum Gewicht, das dass Gebäude trägt und ob die Qualität des Betons stimmt –, wird allerdings erst eine zweite Analyse zeigen. Wann diese stattfindet, ist offen. «Bis im Herbst, hoffen wir», sagt von Niederhäusern.

Bis dahin will die Migros auch die dritte Fabrik kontrolliert haben. Dass das bis jetzt noch nicht geschehen ist, liegt laut der Migros an einem Kommunikationsproblem mit Wal-Mart. Der US-Detailhandelsriese produziert in derselben Fabrik. «Wir wollten herausfinden, ob die Fabrik schon überprüft wurde», sagt von Niederhäusern. Das ist bislang nicht gelungen. Ob die vierte Fabrik kontrolliert wird, ist offen, da die Migros im Moment nichts von dort bezieht. «Sollten an einer Fabrik grössere Anpassungen notwendig sein, würden wir den Lieferanten unterstützen.»

Viele Mängel an der Baustruktur

Ähnlich sieht es bei Coop aus. Der Detailhändler hat in Bangladesh drei langjährige Lieferanten. Aktuell läuft aber nur mit einem ein Vertrag. Dessen beide Fabriken liess Coop überprüfen. Die anderen Zulieferer hat er weggelassen. «Zuletzt waren Coop-Mitarbeitende Anfang April vor Ort», sagt Sprecher Ramón Gander. Bei den Kontrollen seien auch die Stabilität der Mauern, die Baukonstruktion sowie die Baupläne überprüft worden – und ob die Pläne durch einen Statiker abgenommen worden waren. «Hätte es hier Beanstandungen gegeben, hätte zusätzlich ein Statiker die Bausubstanz und -stabilität geprüft», so Gander. «Die Produktionsstätten stehen bezüglich Sicherheit gut da.»

Dass die Migros die vertieften strukturellen Analysen noch nicht gemacht und Coop dabei nichts gefunden hat, ist für Ben Vanpeperstraete alles andere als beruhigend: «Ich mache mir ernsthaft Sorgen.» Vanpeperstraete arbeitet für die internationale Dachgewerkschaft Uni Global Union mit Sitz in Lausanne und ist erst seit kurzem zurück aus Bangladesh. Zusammen mit einer zweiten Dachgewerkschaft hat Uni Global den Bangladesh Accord ins Leben gerufen – eine Initiative, die sich für die Verbesserung der Sicherheitsstandards in den bangalischen Fabriken einsetzt. Rund 150 Firmen, darunter internationale Riesen wie Adidas, C&A, H&M oder Zara und Schweizer Firmen wie Vögele oder Switcher, haben eine rechtlich bindende Erklärung unterschrieben, bis mindestens 2016 in den Fabriken zu bleiben und geeignete Finanzierungsmodelle zur Verfügung zu stellen sowie den Fabrikbesitzern notfalls bei Sanierungen unter die Arme zu greifen.

300 Fabriken hat der Accord bislang überprüft – auch mithilfe westlicher Ingenieure. «Bei fast allen Gebäuden sind wir auf Mängel bei der Bausubstanz gestossen», sagt Vanpeperstraete. Acht Fabriken mussten temporär geschlossen werden, weil die Lasten auf mehreren Stockwerken das tragbare Gewicht deutlich überschritten hatten. «Das erkennt man aber nur, wenn man die Zusammensetzung des Betons analysiert und die Zahl der versenkten Armierungseisen überprüft, da die Baupläne in Bangladesh selten mit der Realität übereinstimmen.» Eine weitere Fabrik wurde definitiv geschlossen. Die ersten Berichte wurden kürzlich veröffentlicht.

Vanpeperstraete versuchte in den letzten Monaten vergeblich, Migros und Coop wie zuvor ihre Konkurrenten Aldi und Lidl vom Beitritt in den Accord zu überzeugen. Coop erteilte ihm erst diese Woche die definitive Absage. Mit der ­Migros kam es gar nie so weit.

Die Argumente der beiden Schweizer Detailhändler sind etwa deckungsgleich: Erstens sei ihr Einkaufsvolumen in Bangladesh winzig. Zweitens sei der Accord schwerfällig, weil zu viel Aufwand für die interne Koordination betrieben werden müsse. Und drittens könnten sie dank der langjährigen stabilen Lieferantenbeziehungen auch allein sicherstellen, dass die Risiken in den Fabriken minimiert würden. Und zwar «schneller, flexibler und nachhaltiger» als im Rahmen des Accords.

Vanpeperstraete hält dem entgegen, die Mitgliedschaft würde Migros und Coop weniger kosten als ein einziger, qualitativ hochwertiger Audit. Darum gäbe es auch Dutzende Mitgliedsfirmen mit sehr tiefen Einkaufsvolumen. Was die Geschwindigkeit betrifft, sagt er, der Accord habe 2013 die ersten zehn Fabriken überprüft und wolle es bis September auf 1500 Fabriken schaffen. Die Migros startete im Februar, als sich die politische Lage im Land beruhigt hatte. «Wir wären vorher bereit gewesen», sagt von Niederhäusern. «Aber es war zu gefährlich, nach Bangladesh zu fliegen.»

Fabrikbesitzer sind begeistert

Um zu beurteilen, ob Migros und Coop die Risiken allein in den Griff bekommen können, seien ihre Kontrollen zu wenig transparent, sagt Vanpeperstraete. Wobei das zentrale Problem die Umsetzung sei. Zwar mangle es nicht am nötigen Willen in Bangladesh: «Die meisten Fabrikbetreiber machen gerne mit.» Aber es fehle das Wissen. Das zeigen Beispiele, bei denen Fabrikbesitzer zwar Brandschutztüren eingebaut haben – die aber nichts nützten. «In einem Fall war es eine normale Tür – einfach in Rot. Im anderen war die Tür feuerfest, aber in der Wand klaffte ein riesiges Loch – was die Wirkung zunichte macht.»

Migros und Coop haben dieselbe spezialisierte Firma mit den Kontrollen beauftragt und wollen vor Ort sicherstellen, dass die Massnahmen vernünftig umgesetzt werden. Der Migros-Verantwortliche von Niederhäusern gibt zudem zu bedenken, dass der Accord nicht die einzige Initiative sei, die sich darum bemühe, die Situation in Bangladesh zu verbessern, und die Migros sich durchaus in solchen Netzwerken engagiere. Viele Probleme seien noch nicht gelöst: «Es wäre durchaus wünschenswert, dass sich das jetzt ändert.»

Erstellt: 16.04.2014, 23:36 Uhr

Die Geschichte wiederholt sich

Frühe Warnungen, verschlossene Türen und viele Opfer

Es ist ein Unglück, dass das Gesicht einer ganzen Branche verändern sollte. Das Feuer bricht im achten Stock der Textilfabrik aus. Für viele der Arbeiterinnen gibt es kein Entkommen, die Türen sind verschlossen. Vor lauter Verzweiflung springen sie aus den Fenstern. Eine von ihnen ist die 20-jährige Freeda, die nach drei Tagen im Spital stirbt. Sie bricht sich beim Sprung ihr rechtes Knie und Bein mehrfach. «Ihr Tod», schreibt die lokale Zeitung, «muss weitestgehend dem Schock zugeschrieben werden.»

Das gleiche Blatt druckt auch Auszüge eines Briefes ab, den es zusammen mit einer Geldspende für einen Hilfsfonds erhalten hat – und der darauf hindeutet, dass die Umstände, die zum Unglück führten, in der Branche System haben. Der Handelsvertreter, der anonym bleiben möchte, schreibt:

«Ich habe (. . .) für verschiedene Hersteller in der Stadt gearbeitet. Ich beteure daher ohne jegliche Befangenheit, dass neun Zehntel der Hersteller die Türen ihrer Fabriken während der Arbeitszeiten abschliessen, um sich selbst vor Diebstahl zu schützen und um jene Angestellten, die nicht im Akkord arbeiten, davon abzuhalten, nach draussen zu gehen.»

Das Unglück jährt sich in diesen Tagen zum 103. Mal. Ein achtlos wegge-worfenes Streichholz verursachte am 25. März 1911 einen Grossbrand in der Triangle Shirtwaist Factory mitten in New Yorks Greenwich Village. Unter den 146 Opfern befanden sich 129 Frauen, die Hälfte davon minderjährig. Die lokale Zeitung, die darüber berichtete, ist die «New York Times». Das Gebäude steht bis heute, die Fabrik ist auf Google Maps eingezeichnet.

Die Parallelen zu Rana Plaza

Als am 24. April 2013 das achtstöckige Gebäude Rana Plaza in Bangladesh kollabiert, begräbt es über 1100 Opfer unter sich. Die Dimensionen sind nicht mit New York vergleichbar, trotzdem sind die Parallelen interessant. Beiden Tragödien gingen kritische Berichte zur Sicherheit der Gebäude voraus. Beide sorgten für einen öffentlichen Aufschrei, und beide standen stellvertretend für die weit verbreiteten Missstände und Fehlentwicklungen einer Branche. Sogar die Löhne der Näherinnen lassen sich nominal vergleichen: In New York verdienten die Mädchen 1911 rund 13 Cent die Stunde, in Bangladesh waren es 2013 ein Drittel mehr – 21 Cent.

Der Brand in der Triangle Shirtwaist Factory markiert einen Wendepunkt in der amerikanischen Industrie: Er löste eine Bewegung aus, die zu sichereren Arbeitsplätzen führte und den Arbeitnehmerinnen – schon damals waren vor allem Frauen in diesem Bereich beschäftigt – gewisse Rechte garantierte.

Ob der Kollaps von Rana Plaza die Branche genauso verändert, muss sich zeigen. Neben dem europäisch dominierten Zusammenschluss Bangladesh Accord, der rechtlich bindend ist, bemüht sich auch die Bangladesh Alliance mit Firmen wie Gap oder Walmart um mehr Sicherheit. Die Alliance gibt an, bereits 365 Fabriken überprüft zu haben, hat aber bislang noch keine Prüfberichte veröffentlicht. Die EU und die USA machen derweil Druck auf die Regierung. Angela Barandun

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Kontrollen bei Textilfabriken

Kontrollen bei Textilfabriken Der Bangladesh Accord, ein europäisch geprägter Zusammenschluss von Konzernen und Gewerkschaften, hat die Berichte zu Kontrollen in den ersten 10 bangalischen Textilfabriken veröffentlicht.

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