Hintergrund

Die Migros, Greenpeace und das Gift

Obschon der Detailhändler Migros eine Kleiderproduktion ohne Gifte will, unterschreibt er die Detox-Kampagne von Greenpeace nicht. Adidas, Nike und Puma haben unterschrieben, machen aber praktisch nichts.

Greenpeace-Aktivisten fordern die Migros via Plakat zum Mitmachen bei ihrer Kampagne auf. Foto: Miriam Künzli (Ex-Press, Greenpeace)

Greenpeace-Aktivisten fordern die Migros via Plakat zum Mitmachen bei ihrer Kampagne auf. Foto: Miriam Künzli (Ex-Press, Greenpeace)

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Die Umweltorganisation Greenpeace hat einigen der populärsten Kleidermarken weltweit die Verpflichtung abgerungen, bis 2020 alle gefährlichen Chemikalien aus der Produktionskette zu verbannen. Als erste Schweizer Firma und 17. Unternehmen weltweit hat Coop im Februar die sogenannte Detox-Erklärung unterzeichnet. Der spanische Modekonzern Inditex (Zara, Massimo Dutti etc.) unterschrieb Ende 2012 schon nach neun Tagen internationaler Kampagne.

Nicht so die Migros: Sie lässt Greenpeace ins Leere laufen. «Wir haben dasselbe Ziel wie Greenpeace: giftfreie Produktion. Anders als all jene Firmen, die Detox unterzeichnet haben, sind wir jedoch bereits in der Umsetzungsphase und weit fortgeschritten», sagt Sprecher Urs-Peter Naef. «Weshalb sollten wir eine simple Absichtserklärung unterschreiben?» Die Migros geht weiter und verspricht, bis Ende 2017 alle Textilien ihrer Eigenmarken ökologisch, sozialverträglich und zu 100 Prozent rückverfolgbar zu produzieren. «Ein Ziel, das ambitiös ist und intern nicht wenig zu reden gab», wie Naef erklärt.

Für Greenpeace nicht genug: «Das ist ein guter Schritt, aber nicht gut genug für die Millionen von Menschen weltweit, die von der industriellen Wasserverschmutzung betroffen sind», sagt Mirjam Kopp, Schweiz-Verantwortliche für die internationale Detox-Kampagne. Sie fordert von der Migros die Eliminierung der drei gefährlichsten Chemikaliengruppen bis Mitte 2014. Dass Migros eine davon bereits verboten hat und eine zweite Schritt für Schritt eliminiert, reicht Greenpeace nicht.

Rückstände in Jacken

Zweimal hat die Umweltorganisation Kinderregenjacken der Migros-Marke Trevolution auf Giftrückstände getestet. Das erste Mal, im Februar, nahm der Detailhändler die Jacke aus dem Sortiment, die zu hohe Konzentrationen an gesundheitsschädigenden Weichmachern und polyfluorierten Chemikalien (PFC) enthielt. Das zweite Mal, kurz vor Ostern, nahm Greenpeace den Grenzwert für Spielzeug als Massstab, weil Kinder Anhänger von Jacken gerne in den Mund nehmen. Genau in jenem Teil wurden bei Migros-Jacken Giftstoffe gefunden, die den gesetzlichen Grenzwert für Spielzeuge und Babyartikel bis zu 600-fach überschreiten. Dieses Mal liess die Migros die Jacken im Sortiment: Seit 2012 erlaube Migros keine Weichmacher mehr, aber die getesteten Jacken seien bereits 2011 produziert worden – und in keiner Weise gesundheitsgefährdend, «auch wenn man die ganze Jacke essen würde», wie Sprecher Naef sagte.

Die Greenpeace-Campaignerin Kopp kann damit nicht viel anfangen: «Auch wenn wir keine Jacke essen, erreichen uns Giftstoffe aus der Textilproduktion über die Nahrungskette. Das ist auch für uns Menschen problematisch, aber das Hauptproblem bleibt die globale Wasserverschmutzung.» Für Greenpeace waren die Migros-Kleider deshalb nicht nur «Ein M giftiger», sondern gar «600 M giftiger». Mit der Verhunzung ihres Slogans «Ein M besser» sieht die Migros ihre Markenrechte verletzt, von einer Klage sah sie bisher aber ab.

«Kein Unternehmen hat so viel gegen giftige Chemikalien getan»

Weshalb gehen die Emotionen in dieser Sache derart hoch? Weshalb ist das Klima zwischen Greenpeace und Migros derart vergiftet?

Die Migros findet, Greenpeace honoriere das Engagement der Migros nicht. «Dabei gibt es kein Unternehmen, das so viel gegen den Ausstoss giftiger Chemikalien bei der Produktion getan und erreicht hat», sagt Naef. Tatsächlich kennt Detox-Unterzeichner Coop zum Beispiel noch kein Verbot von Weichmachern.

Die Migros hat ihren Eco-Standard bereits 1996 eingeführt, in der Textilbranche gab es zu jener Zeit nichts Vergleichbares. Damals schon wollte die Migros nicht einfach das fertige Produkt überprüfen, sondern bereits bei der Produktion eingreifen. Das Motto beim Einsatz von Chemikalien war klar: Vermeiden, Verringern, Ersetzen. Cornelia Diethelm, Nachhaltigkeitsverantwortliche der Migros, sagt es mit einem Vergleich: «Es ist toll, dass Greenpeace versucht, Firmen dazu zu motivieren, Chinesisch zu lernen. Wir sprechen seit 18 Jahren Chinesisch.»

Outdoorkleider haben mehr Chemikalien

Greenpeace aber wirft Migros vor, die Teilnahme am globalen Detox-Prozess kategorisch zu verweigern. Seit Juni 2012 habe man sich intensiv um eine «einvernehmliche Lösung bemüht». Die Migros widerspricht: Sie habe im Juli 2012 in einem «Austausch» der Ideen den Eco-Standard vorstellen und über mögliche Verbesserungen reden wollen, doch darauf sei Greenpeace nicht eingetreten. «Wir wollten über Verbesserungen und die Detox-Erklärung sprechen, sie wollten ihren Eco-Standard vorstellen», begründet Campaignerin Kopp die Absage. Erst im Februar dieses Jahres war Greenpeace zum Gespräch bereit.

Was die Migros selbst nicht mal in die Waagschale wirft, obwohl es nicht unwichtig ist: Der Detailhändler verkauft in den SportXX-Filialen hochtechnologische Outdoor-Kleider, und die sind ohne giftige Chemikalien heute nur beschränkt herstellbar. Wer nur modische Klamotten verkauft wie Coop oder Zara, hat weniger Probleme.

Migros-Sprecher Naef vermutet, dass der Fall Migros – also ein Unternehmen, das aus eigenem Antrieb schon vieles in die Wege geleitet hat – in der Planung der internationalen Kampagne schlicht nicht vorgesehen war. Davon will Greenpeace nichts wissen. Es sei nicht einzusehen, weshalb die Migros die Detox-Ziele nicht mittragen könne.

Adidas krebst zurück

Dass diese Ziele gar nicht so leicht zu erreichen sind, realisieren einige Unterzeichner der Kampagne allerdings erst. Elf Erstunterzeichner, darunter Adidas, Nike, Puma, C & A, Zara, Esprit und H & M, haben sich in einer Initiative zusammengeschlossen, die sich zum Ziel gesetzt hat, gefährliche Chemikalien bis 2020 vollständig aus der Produktion von Textilien zu verbannen – just die Forderung von Greenpeace. Doch im März machten diese Pioniere einen gewaltigen Schritt zurück: Ein überarbeiteter Aktionsplan will das Ziel des vollständigen Verzichts auf Chemikalien nun durch einen «ganzheitlicheren Ansatz» ersetzen. Eine Expertin von Adidas sagte Ende Februar im Fachmagazin «Ecotextile News» gar, ein vollständiger Verzicht stelle «eine riesige Herausforderung dar und sei aus wissenschaftlicher Sicht nicht zu erreichen».

Marietta Harjono, Koordinatorin der Detox-Kampagne bei Greenpeace International, zeigte sich im selben Medium wenig erfreut: «Viele Unternehmen betreiben eine Verzögerungstaktik und betreiben mit dem Detox-Engagement Greenwashing, statt dass sie konkrete und glaubwürdige Schritte tun.» Nike, Adidas und Puma hätten fast zwei Jahre Zeit gehabt, um gefährliche Stoffe aus ihrer Produktion zu verbannen, seien jedoch fast untätig geblieben.

Hilft Detox-Kampagne der Migros?

Greenwashing dank Greenpeace? Das ist das Letzte, was die Kampagne beabsichtigt. Migros-Leute hingegen sehen sich gestützt. «Einige Unterzeichner der Greenpeace-Kampagne erkundigen sich bei uns bereits nach konkreten Lösungen», sagt die für Nachhaltigkeit zuständige Cornelia Diethelm; solche habe Greenpeace ja nicht anzubieten.

Die Migros hat vor einigen Jahren bereits einen Anlauf unternommen, Eco zum internationalen Standard zu machen. Das Interesse sei damals gross gewesen, aber die Erfahrung schliesslich ernüchternd, erklärt Urs-Peter Naef: «Super Sache, aber für uns zu komplex», hätten interessierte Unternehmen gesagt. Dank Greenpeace sei das Interesse nun wieder erwacht – trotz der Komplexität der Materie. «Vielleicht hilft uns Greenpeace indirekt, Eco zum internationalen Label zu machen», spekuliert Naef.

Erstellt: 09.04.2013, 07:49 Uhr

Eco-Standard der Migros

9000 verschiedene Textilprodukte werden in der Migros heute gemäss EcoRichtlinien produziert. 65 Prozent aller Bekleidungs- und Heimtextilien tragen damit das entsprechende Label. Die Einhaltung der Standards kontrolliert das unabhängige Prüfinstitut Global Sustainable Management (GSM) in Köln. Das sind die Prinzipien des Eco-Labels:

¬ Eco schützt die Umwelt: Umweltbelastende Prozesse und Substanzen sind nicht erlaubt. So dürfen etwa Textilien aus Baumwolle nicht mit Chlor gebleicht werden. Weichmacher (Phtalate) sind seit 2012 nicht mehr erlaubt, Perfluorierte Chemikalien (PFC) werden seit Herbst 2012 schrittweise eliminiert.

¬ Eco heisst Rückverfolgbarkeit: Bei jedem Arbeitsschritt werden die eingesetzten Stoffe erfasst und auf ihre Unbedenklichkeit kontrolliert. Dank dieser lückenlosen Dokumentation können die Textilien durch alle Arbeitsschritte bis zum Ursprung zurückverfolgt werden.

¬ Eco setzt sich für sichere und gesunde Arbeitsplätze ein und erfüllt die Sozialstandards der Business Social Compliance Initiative (BSCI). (meo)

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