Die Patienten sollten mehr Wahlfreiheit haben

Der Kampf gegen die Versandhändler ist rückständig. Apotheker und Drogisten sollten ihre Energie besser für anderes einsetzen.

«Rosenkrieg»: Eine Mitarbeiterin der Versandhändlerin Zur Rose.

«Rosenkrieg»: Eine Mitarbeiterin der Versandhändlerin Zur Rose. Bild: Keystone

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Rund 350'000 Personen in der Schweiz kaufen ihre Medikamente bei einem Versandhändler. Was bei Büchern, Lebensmitteln, Kleidern oder Laptops selbstverständlich ist, sorgt bei Arzneimitteln seit Jahren für Streit und zahlreiche Rechtsfälle. An vorderster Front kämpfen Apotheker und Drogisten mit erstaunlich viel Energie gegen die unliebsame Konkurrenz, allen voran gegen die Thurgauer Versandhändlerin Zur Rose. Der Drogistenverband spricht in Anspielung auf den Namen gar von einem «Rosenkrieg».

Am Montag hat sich das Bundes­gericht über das Thema gebeugt und den Versandhandel eingeschränkt. Ärzte, die im Kanton Zürich über keine Bewilligung verfügen, in ihrer Praxis Medikamente abzugeben, dürfen nicht mehr mit Versandhändlern wie Zur Rose zusammenarbeiten. Bisher konnte ein Hausarzt für seine Patienten Arzneimittel bei der Firma bestellen und nach Hause schicken lassen. Inwieweit das Geschäftsmodell von Zur Rose damit eine Einschränkung erfährt, wird von den Streitparteien unterschiedlich interpretiert. Eine eindeutige Klärung wird erst das schriftliche Urteil bringen.

Zahlreiche Vorbehalte

Der Fall steht in einer Reihe zahlreicher Prozesse und Verfahren, welche die Apotheker und Drogisten in ihrem epischen Kampf gegen den Versandhandel in mehreren Kantonen angestrebt haben. Ihre Vorbehalte sind zahlreich. Der anonyme Einkauf über das Internet biete nicht dieselbe Sicherheit und Qualität, wie dies in einer Apotheke der Fall sei. Dort werde der Patient gefragt, welche anderen Medikamente er einnehme, womit mögliche Wechselwirkungen vermieden würden. Zudem biete eine Versandapotheke nicht den vollen Service an, etwa was Notfälle anbelange. Ein Apotheker dagegen habe das gewünschte Präparat sofort oder in kurzer Zeit zur Hand.

Natürlich stellen sich an den Versandhandel mit Arzneimitteln höhere Anforderungen, schliesslich handelt es sich hier um einen weit sensibleren Bereich als bei Büchern oder Kleidern. Diesem Umstand trägt das geltende Gesetz Rechnung. Entsprechend umfangreich fallen die Vorkehrungen der Anbieter wie Zur Rose oder Mediservice aus. So müssen Patienten einen Fragebogen zu ihrer Gesundheit ausfüllen. Dieser wird von Ärzten und Apothekern überprüft. Bestehen offene Fragen, wird beim Kunden zurückgefragt.

Für viele hat sich diese Bezugsquelle bewährt. Gerade für chronisch kranke Patienten bietet der Versandhandel einen bequemen Weg, die regelmässig benötigen Medikamente per Post zu bestellen. Die Zahlen geben den Anbietern recht. Allein die Marktführerin Zur Rose hat in den letzten fünf Jahren ihre Kundenzahl um über 30 Prozent erhöht. Das Bedürfnis der Bevölkerung ist da, es wird sich langfristig ohnehin nicht aufhalten lassen.

Feuer einstellen

Natürlich geht es auch den Versandhändlern ums Geschäft. So lockt Zur Rose die Ärzte mit Geld, um sie zur Zusammenarbeit zu bewegen. Die Arzneimittelbehörde Swissmedic hat diesem Vorgehen Grenzen gesetzt und diverse Vergütungen an die Ärzte verboten. Gleichzeitig haben jedoch diverse Gerichte und Ämter in mehreren Kantonen Teile des Geschäftsmodells der Firma für rechtmässig erklärt.

Für die in diesen Fällen unterlegenen Apotheker und Drogisten ist es an der Zeit, ihre langjährige Schlacht zu beenden. Die Patienten sollen frei entscheiden können, wo und wie sie ihre Medikamente beziehen. Anstatt der Konkurrenz möglichst viele Knüppel zwischen die Beine zu werfen, sollten Apotheker und Drogisten ihre Energie besser für den Aufbau eines eigenen Versandhandels einsetzen.

Gleichwohl setzen sie ihren Kampf fort. Auf ihr Betreiben hat der Nationalrat in der laufenden Revision des Heilmittelgesetzes einen Passus eingeführt, der den Versandhandel mit rezeptfreien Medikamenten erschwert. Der Paragraf zielt auch hier auf das Geschäftsmodell der Firma Zur Rose. Es ist zu hoffen, dass der Ständerat, der das Gesetz als nächstes berät, darauf zurückkommt und im Sinne der Konsumenten entscheidet.

Erstellt: 09.07.2014, 06:56 Uhr

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