«Die Post ist kein behäbiger Bundesbetrieb»

Unter der neuen Postchefin Susanne Ruoff wird aus dem früheren Bundesbetrieb eine Aktiengesellschaft. Sie bekennt sich im Interview klar zum Markt. Umkrempeln will sie den gelben Riesen aber nicht.

Von der IT-Managerin zur Chefin der Schweizerischen Post: Susanne Ruoff (54).

Von der IT-Managerin zur Chefin der Schweizerischen Post: Susanne Ruoff (54). Bild: Urs Baumann

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Frau Ruoff, Sie sind seit September 2012 neue Postchefin. In den ersten Monaten haben Sie mit mehreren Hundert Postmitarbeitern gesprochen. Was haben Sie gelernt?
Susanne Ruoff: Die Post ist viel mehr, als man üblicherweise als Kunde sieht. Ich habe auf meiner Tour durch alle Landesteile und Bereiche sowie in den vielen Gesprächen enorm engagierte und innovativ denkende Angestellte erlebt.

Gab es ein Schlüsselerlebnis?
Ich habe gemerkt, wie wichtig die Kunden für die Postangestellten sind. Sie wollen einen guten Service liefern. Man spürt es auf jeder Poststelle. Oder im Postauto, wenn der Chauffeur während der Fahrt extra eine Ankündigung macht. Als ich unterwegs war, erklärte der Chauffeur zum Beispiel, welche Berge zu sehen waren. Diese Eigeninitiative, noch mehr zu bieten, als vorausgesetzt wird, hat mich beeindruckt.

Das haben Sie nicht erwartet?
Ich habe dies zumindest bislang so deutlich nicht realisiert. Bei den Postautos habe ich den Service als Fahrgast immer schon als toll empfunden. Aber ich war, das muss ich gestehen, nur selten auf Poststellen. Ich kannte die Post nur von aussen. Für diesen guten Ruf der Post bei den Kunden möchte ich mich weiterhin einsetzen. Die Post soll einer der Lieblinge der Schweizer bleiben.

Als Postchefin stehen Sie in der Öffentlichkeit. Wie bereiteten Sie sich auf diese neue Rolle vor?
Ich verhalte mich möglichst natürlich. Das gilt übrigens auch, wenn ich in der Öffentlichkeit von Fremden angesprochen werde. Die Leute haben mir etwas zu sagen, sie wollen etwas deponieren.

Und Sie haben immer ein offenes Ohr?
Ja. Meine Aufgabe ist es, die Post in der Öffentlichkeit zu vertreten. Ich versuche dies auch so zu leben: offen, freundlich und nahe bei den Leuten. Ich sitze nicht im Elfenbeinturm.

Eine Kontroverse verursachten Sie mit Ihrer Ankündigung, Sie erwägten eine Mitgliedschaft der Post im Wirtschaftsdachverband Economiesuisse.
Wir waren bis anhin mit Economiesuisse wie mit anderen Organisationen immer im Dialog. Jetzt gehen wir einen Schritt weiter: Im laufenden Jahr wird die Post gemäss neuem Postgesetz von einer Anstalt in eine spezialrechtliche AG umgewandelt. Einerseits gewinnt die Post damit an unternehmerischem Spielraum, andererseits wird sie sich künftig noch stärker in ihren Märkten behaupten müssen.

Wie meinen Sie das?
Wir prüfen vor diesem Hintergrund Möglichkeiten der Zusammenarbeit oder auch die Mitgliedschaft bei Wirtschafts- und Branchenverbänden. Die Prüfungen auch bei anderen Verbänden laufen ergebnisoffen, sie wägen Vor- und Nachteile ab. Der Ausgang der Gespräche auch mit Economiesuisse ist also offen.

Ihr Vorgänger Jürg Bucher sagte, eine Herausforderung der Post werde sein, Prozesse zu optimieren und Personal abzubauen. Wann streichen Sie Stellen?
Ich habe gemäss meiner Analyse der ersten Monate folgende vier Kernanliegen: Wir wollen das postalische Geschäft weiterentwickeln und den Kundenbedürfnissen anpassen. Wir brauchen neue Wachstumsfelder wie den elektronischen Handel. Wir müssen uns überlegen, wie wir den Kunden einen Mehrwert bieten und was das kosten soll. Dass dabei auch die Kosteneffizienz eine Rolle spielt, ist nur logisch.

Und was bedeutet dies für die Angestellten der Post?
Die Post ist in den letzten Jahren leicht gewachsen, der Personalbestand ist abhängig vom Wachstum in den einzelnen Bereichen und den neuen Geschäftsfeldern.

Die Paketmenge wächst. Aber wie sieht es bei den Briefen aus? Gibt es Pläne, aus Spargründen die Post über den Tag verteilt auszuliefern?
A- und B-Post erlauben ja bereits eine Verteilung der Briefmenge auf unterschiedliche Zeitfenster. Weil die Briefmenge sinkt, wird die Infrastruktur weniger gut ausgelastet. Der Fixkostenblock wird verhältnismässig grösser. Um eine Lösung zu finden, denken wir in Szenarien: Wir müssen den gesetzlichen Auftrag zur Grundversorgung mit den hohen Fixkosten irgendwie auffangen können.

Sie schliessen nicht aus, dass die Post mancherorts künftig erst nachmittags geliefert wird?
Das haben wir mit Pilotversuchen in der Vergangenheit getestet. Solche Versuche sind für ein Unternehmen nötig und überlebenswichtig. Für eine Nachmittagszustellung gibt es heute aber keine Pläne oder Projekte. Wie es in späteren Jahren bei stetigen Volumenrückgängen oder gar -einbrüchen aussieht, kann ich heute nicht sagen. Wir müssen uns selbstverständlich für solche Fälle Optionen offenhalten.

Die Briefmenge dürfte weiter zurückgehen, sollte das Restmonopol für Briefe unter 50 Gramm wegfallen. Bereitet Ihnen das Sorgen?
Das Monopol besitzt eine grosse Symbolkraft. Aber für mich ist es nicht zentral. Ich bin in dieser Hinsicht neutral, und wir halten uns an die Entscheide der Politik. Viel gewichtiger für uns im Kommunikationsmarkt ist die wachsende Konkurrenz durch die elektronischen Möglichkeiten. Davor schützt uns kein Monopol. Entscheidend ist, wie wir uns bei Dienstleistungen in der digitalen Welt weiterentwickeln.

Sie könnten auch bei den Einnahmen ansetzen und die Briefe teurer machen.
Grundsätzlich müssen wir auch die Preispolitik überprüfen – zumal wir hervorragende Qualität bei weltweit äusserst günstigen Preisen bieten. Das Geschäft mit Briefen im Privatkundenbereich schreibt rote Zahlen. Pro Jahr gibt ein Privathaushalt heute nur gerade noch 20 Franken für Briefleistungen aus. Die Preise von A- und B-Post blieben trotz Teuerung von fast 6 Prozent seit 2004 unverändert. Teurere A- und B-Post-Briefe sind in den kommenden Jahren sicher eine Option.

Sie sagten einmal, die Preise für Briefe würden nicht in diesem Jahr erhöht. Also zahlen die Privatkunden ab 2014 mehr?
Ich kann heute noch keinen Zeitplan angeben.

Gibt es eine Schmerzgrenze, wie viel ein Brief kosten darf?
Das müsste ich Sie als Kunden der Post fragen (lacht). Spass beiseite: Als Schweizerische Post sind wir für die gesamte Schweizer Bevölkerung da. Es gibt Kunden, die haben auch heute noch keine E-Mail-Adresse. Sie schreiben also viel mehr Briefe. Das müssen auch wir bedenken, wenn wir künftige Preise festlegen. Defizitäre Bereiche können wir uns aber nicht leisten.

Sie sind keine klassische Pöstlerin. Sie kommen aus der IT-Branche. Wie wollen Sie in der digitalen Welt Geld verdienen?
Es steht keine Revolution an, vielmehr eine schrittweise Evolution. Wir haben kein Digitalprodukt in Planung, das die wegfallenden Umsätze der sinkenden Briefmenge ersetzt, wenn Sie das meinen.

Sie wirken defensiv. Wo wollen Sie vorwärtsmachen?
Potenzial sehe ich bei der internen Post von Unternehmen. Nehmen wir eine Schweizer Versicherung mit Standorten etwa in Asien: Wie wird da intern und gegenüber den Kunden die Post verarbeitet? Welche physischen Dokumente können digitalisiert und welche elektronischen Daten müssen physisch ausgedruckt werden? Die Post versteht das Dokumentenhandling in der physischen Welt, das wollen wir künftig auch im elektronischen Bereich anbieten. Das schauen wir sicher noch intensiver an. Es braucht dazu wie überall einen gewissen Mut, Neues zu wagen. Und vermutlich wird es auch den einen oder anderen Misserfolg geben.

Das Image der Post als Bundesbetrieb auf dem Weg zur Aktiengesellschaft ist ein behäbiges. Spüren Sie trotzdem genügend Bereitschaft zur Veränderung?
Ich bin überrascht, dass Sie die Post als «behäbigen Bundesbetrieb» bezeichnen. Die Mitarbeiter der Post agieren seit längerer Zeit erfolgreich im Markt und im Wettbewerb, sie sind enorm engagiert.

Relativ unbekannt ist das Auslandsgeschäft: Dabei hat die Post zahlreiche Beteiligungen von Vietnam bis Schweden. Warum ist ein Bundesbetrieb wie die Post im Ausland tätig?
Der Ausdruck «Bundesbetrieb» gefällt mir wirklich nicht so gut...

...möchten Sie es denn lieber anders haben?
Ich will damit nur sagen: Die Post ist zwar im Besitz des Bundes, sie ist aber kein eigentlicher «Bundesbetrieb».

Sagen wir, die Post ist ein halbstaatlicher Betrieb.
Zurück zu Ihrer Frage: Wir begleiten unsere grossen Kunden ins Ausland und eröffnen Schweizer Kunden ein weltweites Netzwerk. Nehmen wir Asendia, das Joint Venture, das wir mit der französischen Poste eingegangen sind: Hier transportieren wir Briefe, Postkarten und Kataloge grenzüberschreitend in Drittländer. Mit diesem Engagement verteidigen wir zugleich den Heimmarkt und verhindern, dass ausländische Postunternehmen mit Schweizer Kunden ins Inland drängen. Wir gehen keine Auslandsabenteuer ein, wir investieren nicht in Infrastrukturen und nur in kleinen und risikoarmen Schritten.

Mit Asendia streben Sie aber nicht weniger als die Marktführerschaft im internationalen Briefpostgeschäft an.
Es geht darum, die über Jahre entwickelten Kräfte der französischen und der Schweizerischen Post im Briefverkehr ausserhalb der beiden Länder an 25 Standorten in Nordamerika, Asien und Europa zu bündeln und gemeinsam zu nutzen. Asendia ist eine sehr gute Partnerschaft. Man muss nicht meinen, man müsse immer alles selber machen.

Ist es denn realistisch, die Marktführerin, die Deutsche Post, überholen zu wollen?
Die Schweizerische Post war bereits alleine die Nummer drei im grenzüberschreitenden Briefverkehr, ich finde es durchaus in Ordnung, ein hohes Ziel zu haben. Letztlich spornt es uns an.

Erstellt: 18.01.2013, 11:19 Uhr

Zur Person

Susanne Ruoff ist die erste Frau an der Spitze der Schweizerischen Post. Sie leitet das Unternehmen mit seinen rund 60000 Angestellten seit dem 1.September 2012. Ruoff löst Jürg Bucher ab, der neuer Verwaltungsratspräsident der Regionalbankengruppe Valiant geworden ist. Für die Post ist Ruoffs Ernennung eine kleine Revolution: Denn bis 1972 war den Frauen im damaligen Bundesbetrieb der Zugang zur Kaderlaufbahn noch komplett verwehrt.

Die gebürtige Zürcherin Ruoff ist ursprünglich Primarlehrerin. Später studierte sie Ökonomie. Karriere machte sie erst beim IT-Unternehmen IBM, wo sie von 1989 bis 2009 arbeitete. Am 1.April 2009 übernahm die heute 54-Jährige die Leitung von British Telecom Schweiz.
Von 2011 bis 2012 war Ruoff Verwaltungsrätin der Bedag Informatik AG, des Informatikunternehmens des Kantons Bern. Und bis Frühling 2012 war sie Mitglied im Industrial Advisory Board der ETH Zürich. Seit 2009 ist Ruoff zudem Verwaltungsrätin des Sanitärtechnikkonzerns Geberit. Dieses Mandat gibt sie im Frühling 2013 ab.
Ruoff wohnt in Crans-Montana VS. Sie ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

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