«Die Preissenkungen der Swisscom sind reine Augenwischerei»

Orange-Chef Tom Sieber ärgert sich darüber, dass die Swisscom eine angebliche Preissenkung ausnützt, um ihre Marge zu verbessern. Zulasten des Konsumenten, wie er sagt.

Harter Kampf um Schweizer Kunden: Die Telefonanbieter Orange, Swisscom und Sunrise.

Harter Kampf um Schweizer Kunden: Die Telefonanbieter Orange, Swisscom und Sunrise. Bild: Keystone

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Die Swisscom gab gestern bekannt, dass sie ihre Preise für Anrufe aufs Handynetz senkt. Grund: Die Anbieter haben untereinander die Grosshandelsgebühren reduziert. Zieht Orange jetzt nach?
Die Swisscom senkt die Preise im Festnetz, nicht im Mobilfunknetz – Orange steht folglich nicht unter Zugzwang.

Das müssen Sie uns erklären.
Im Mobilfunk gibt es keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen den Endkundenpreisen und der Höhe der Grosshandelspreise – den sogenannten Terminierungsgebühren. Wenn ein Orange-Kunde einen Mobilfunkkunden der Swisscom anruft, verlangt die Swisscom von uns eine Gebühr. Wenn der Swisscom-Kunde unseren Kunden anruft, ist es umgekehrt. Die Terminierungsgebühren sind für uns also Kosten und Einnahmen zugleich. Die tieferen Gebühren führen jetzt dazu, dass wir unter dem Strich weniger verdienen.

Wie das?
Die Swisscom zahlt uns mehr, als wir ihr bezahlen müssen. Wenn sich die Geldflüsse nun aufgrund der Preissenkung halbieren, sinkt auch unser Ertrag.

Wieso senkt die Swisscom trotzdem die Preise?
Die Swisscom senkt die Preise nur auf dem Festnetz. Dort sind die Terminierungsgebühren ein Kostenblock, der jetzt kleiner wird. Diese Einsparungen könnten die Festnetzanbieter theoretisch den Kunden weitergeben.

Theoretisch?
Die Preissenkungen der Swisscom sind reine Augenwischerei. Ihre Kosten sinken um 7 Rappen pro Minute für Anrufe in unser Netz. Die Endkundenpreise senkt sie aber nur um 5 Rappen – tagsüber. Abends ändern sich die Tarife gar nicht. Die Differenz steckt sie in die eigene Tasche – und steigert ihre Marge im Extremfall um 54 Prozent. Auf Kosten der Kunden und der Konkurrenz.

Das trifft aber nicht nur auf die Swisscom zu, oder?
Ja. Eigentlich müssten jetzt alle Festnetzanbieter die Preise senken.

Auf dem Tisch liegt Ihr Blackberry. Haben Sie kein iPhone?
Doch, aber nicht die neuste Version. Wir haben beschlossen, dass niemand bei Orange ein neues iPhone haben darf, solange unsere Kunden darauf warten müssen. Trotz regelmässiger Lieferungen von Apple haben wir immer noch Wartezeiten von drei bis fünf Wochen.

Und? Bekommen Sie das neue iPhone noch vor Weihnachten?
Ja. Das sollte klappen.

Das iPhone ist nicht nur ein Segen für die Anbieter. In den USA etwa musste AT & T die Pauschalpreise fürs Handysurfen abschaffen, weil Downloads das Netz verstopften. Wieso hat sich Orange trotzdem für eine solche Flatrate entschieden?
Die Netzkapazitäten sind nicht vergleichbar. Zudem bieten wir keine Flatrate an, sondern 1-Gigabyte-Pakete.

Das ist viel. Genug, um früher oder später Probleme zu bekommen.
Wir haben die Zahl unserer Breitbandkunden im ersten Halbjahr um 38 Prozent gesteigert, und es kommen laufend weitere dazu. Trotzdem ist unser Netz an keine Grenzen gestossen.

Im Ausland tauchten die Probleme auch erst nach einer Weile auf.
Ich mache mir keine Sorgen. Unser Tarifmodell lockt nicht primär Kunden, die ihr Datenabo bis aufs Letzte ausnützen wollen. Es wird einen Mix geben.

Ist das typisch schweizerisch? Nicht ans Limit zu gehen?
Die Schweizer Kunden haben gerne ein Sicherheitspolster. Sie zahlen lieber ein bisschen mehr und gehen auf Nummer sicher. Darum glauben wir auch, dass sie unser neues, aus Bausteinen bestehendes Tarifmodell mögen werden.

Das Angebot ist seit einem Monat auf dem Markt. Wie läuft es?
Die Kundenzahl entwickelt sich positiv, und Orange Me verstärkt diesen Trend. Das ist vielversprechend. Auch wenn ein Monat natürlich zu kurz ist, um ein Urteil zu fällen. Was uns extrem positiv stimmt: Über 70 Prozent aller neuen Abos beinhalten eine Datenoption. Das ist deutlich über den Erwartungen und auch über unserem bisherigen Durchschnitt. Bisher sorgten Datendienste für 28 Prozent unseres Umsatzes. Dieser Anteil wird nun noch stärker wachsen.

Wieso sind Kunden mit Datenabo besonders attraktiv für Sie?
Ein Datenabo bringt zusätzlich 15 Franken Umsatz pro Monat. Ausserdem bieten wir eine ganze Reihe zusätzlicher Services für Smartphone-Kunden an. Und nicht zuletzt sind solche Kunden meist auch sonst intensive Nutzer.

Wird Orange im dritten Quartal den Kundenschwund endlich stoppen?
Ja. Wir gehen davon aus, dass die Kundenzahlen wieder steigen. Es ist wichtig, den negativen Trend zu durchbrechen.

Die Schwächephase ist also vorbei?
Es war keine Schwächephase. Unser Umsatz ist stets gewachsen, zumindest seit ich vor einem Jahr als Orange-Chef angefangen habe. Wir haben Kunden verloren, das stimmt. Das hat aber auch damit zu tun, dass wir den Kundenbestand sehr rigide bewirtschaften. Wenn ein Prepaid-Kunde drei Monate lang nicht aktiv ist, zählen wir ihn nicht mehr. Wir haben intensiv an unspektakulären Dingen gearbeitet: Wir gewinnen gezielt Smartphone-Kunden, weil diese mehr Umsatz bringen. Und wir haben die Zahl der Zweijahresverträge gesteigert.

Die sind besser für Orange?
Ja, weil sich dann die Kosten pro Vertrag – etwa das vergünstigte Handy – über einen längeren Zeitraum amortisieren. Solche Massnahmen sind eine Investition in die Zukunft. Das sieht man unseren Zahlen an: Wir haben in der ersten Jahreshälfte im Schnitt jeden Monat 10 Millionen Franken mehr eingenommen als unsere Kollegen in Oerlikon, die deutlich mehr Kunden ausweisen. Darum würden wir auch nie Gratis-SIM-Karten in den Markt werfen, nur um unsere Kundenzahlen aufzublähen.

Geschieht das im Schweizer Markt?
Ja, im Frühling konnte man solche Aktionen beobachten. Aber es kommt auch im Ausland immer wieder vor.

Nach der Fusion war die Situation für Orange und Sunrise schwierig. Für Sunrise beginnt mit dem Verkauf ein neues Kapitel. Bei Orange fehlt der Bruch. Ein Nachteil?
Es ist sicher ein Vorteil, wenn man den gleichen Aktionär behalten kann. Unser Mutterhaus France Telecom hat ein industrielles Interesse an der Schweiz. Das gibt uns Stabilität und den Kunden Sicherheit. Es ermöglicht uns, langfristige Pläne zu schmieden.

Hätte Orange ein kleiner Ruck nicht auch gutgetan? Symbolisch?
Der neue Preisplan und die neue Strategie haben für einen Aufbruch gesorgt. Mit dem Ziel, uns stärker an den Bedürfnissen der Kunden auszurichten. Das ist keine leere Worthülse. Bei uns werden Neukunden neuerdings nicht mehr bevorzugt. Ein bestehender Kunde erhält bei einer Vertragsverlängerung mindestens das gleich gute Angebot wie ein neuer. Bei der Konkurrenz ist das in der Regel umgekehrt.

Wird der Kampf um Kunden nach dem Verkauf von Sunrise härter?
Interessant ist die Kehrtwende, die Sunrise macht: Kaum greift Orange im Preiskampf an, will Sunrise plötzlich über die Qualität wachsen. Ähnlich, wie wir das mit unserer neuen Strategie machen. So falsch können wir also nicht liegen. Wie sich das auf das Verhalten von Sunrise im Markt auswirkt, weiss ich nicht.

Ein Finanzinvestor hat meist hohe Erwartungen an den Ertrag, oder?
Sunrise gehört ja schon lange einer Beteiligungsfirma – wenn auch vorher nur indirekt. Der Ertragsdruck dürfte also nicht neu sein.

Erstellt: 02.10.2010, 07:03 Uhr

«Ein bestehender Kunde erhält bei uns neuerdings mindestens das gleich gute Angebot wie ein neuer»: Orange-Chef Tom Sieber. (Nicola Pitaro)

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